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die Bewilligung der Steuern durch einen Befehl erzwingen ivill, tritt der Herzog Uoit Orleans mit dem berühmten Protest hervor, der das Band zwischen ihm und dem Hof endgiltig zerriß. Diese große historische Szene, in welcher der König unterliegt, wirb von Carlyle itt meisterhafter Schilderung dargestellt. , . '
In der fünften Lieferung finden tote, tote der Kantpf der Parlamente, des „Adels der Robe", gegen das Königtum eilten immer schärferen Charakter anmmmt. Es ist dem Premierminister Lomsnie de Brienne nicht mehr möglich, irgend ein Gesetz durchzubringen, ttnd auch dte stärksten Maßregeln gegen die widerspenstigen Parlamentarier bleiben ohne Erfolg. Lomsnie hofft nur noch auf den Zufall. „Es gibt so viele Zufälle, und ich brauche nur einen einzigen, nm itns zu retten!" Tatsächlich ist int Königlichen Schatze die Not aufs Höchste gestiegen: „Kaum uoch der Klang einer Münze in den königlichen Geldkästen." Mit Gewalt muß man neue Anlehen durchsetzen, aber fein Mensch zeichnet sie! In seiner Verzweiflung läßt Lomsnie dekre- tieren und öffentlich ausrufen, daß die Zahlungen der Finanzkammer fortan itur zu drei Fünftel in bar, zu zwei Fünftel aber in Zinsbillets, denen er Zwangskurs gibt, geleistet werden würde. Das ist der Anfang des Staats- I bankerotts! Lomsnie wird vom Sturm der öffentlichen I Meinung hinweggefegt, nachdem er vorher uoch als ein- | ziges Ausfluchtsmittel die Berufung der Reichsstände verheißen hat. In der Tat schien es kein anderes Mittel mehr zu geben, um Steuern zu erhalten und das enorme Defizit aus der Welt zu schaffen. Allerdings wird die Königin, Maria Theresias stolze Tochter, von bösen Ahnungen gequält: „Das ist der erste Schlag auf der Sturmtrommel und von böser Bedeutung für Frankreich!" K sie seufzend zu ihrer vertrauten Kamtnerfrau, Ma-
e Campan. Um dem Faß den Boden auszuschlagen, ist auch noch ein Hungerjahr über Frankreich gekommen, die Erntett sind durch Hagelschlag zerstört, das Brotkorn ist unerschwinglich teuer geworden. Die ersten Volkszusammen- rottungen auf dem Pont-Neuf können durch die Stadtwache nicht mehr gedämpft werden, das Militär muß eingreifen und es kommt zu Blutvergießen, eine Menge Tote und Verwundete bleiben auf dem Platze. Um böses Blut zu vermeiden, wirft man die Leichname nachts heimlich in die Seine, und so führt dieser Fluß die ersten Opfer des großen Dramas, das sich au seinen Ufern abspielen sollte, schweigend dem Meere zu.
Diese Lieferungen enthalten wieder eine große Reihe interessanter Porträts und szenischer Darstellungen, Auto- graphen und Kunstbeilagen, die sich dem Text angliedern und ihn wirkungsvoll unterstützen. Was die erste Lieferung versprach, halten die folgenden in vollem Umfange, nämlich eine würdige Neuausgabe des großartigen Carlyle-Werkes, das attch für unsere Zeit ohne Frage von großer Bedeutung ist für alle, die es richtig zu lesen verstehen ___________
Vermischtes.
* Enthüllungen intimer Natur über König Ludwig II. von Bayern enthalten die Memoiren von Frau Wanda von S a ch e r - M a s o ch, die unter dem Titel: „M eine Lebensbeichte" bei Schuster tt. Löffler in Berlin W. 30 vor Kurzem erschienen sind. Wenn auch die Verfasserin die höchst seltsamen Vorgänge absichtlich verschleiert, so werden sie dennoch in ihren Grundzügen erkennbar. Nach dieser Darstellung unterhielt der Bayernköuig eine höchst innige Freundschaft mit dem verwachsenen Prinzen Alexander von Oranten, der später einsam und vergessen gestorben ist. / In ihrem Verkehr nannte sich der König „Auatol". Unter diesem Namen gingen Briefe schwärmerischsten Inhalts au bett damals gefeierten Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch, die in dem Wunsche einer nächtlichen Begegnung mit dem von „Auatol" angebeteten Schriftsteller gipfelten. Es kam nach mancherlei Umwegen zu einer solchen Zusammenkunft, die in einem Gasthof in Bruck au der Mur stattfand. Hier wartete in einem stockfinsteren Zimmer der Dichter auf den König. Die vermumte Gestalt „Anatols" beireitete dem fieberhaft erregten Dichter eine bittere Enttäuschung: denn er hatte eine Frau erwartet, weil „Anatols" Schwärmerei ihm eher den Ausdruck weiblichen Sehnens als das Zärtlichkeitsgefühl eines Mannes erschienen war. Das roman- tische Rendezvous zeitigte eine Hochflnt von Briefen sehnsüchtigster Art, die weitere Begegnungen zur Folge hatten: jetzt >var es aber nicht mehr der König, sondern der oben genannte bucklige Prinz, der mit dem Dichter und anch dessen Frau einige mehr
schmerzliche als beglückende Zusammenkünfte hatte. Die Abm- teuerlichkeiten dieser geheimnisvollen Besuche sind von der Ver- fasseriu ungewöhnlich temperamentvoll geschildert; sie bilden dey Höhepunkt ihres Beicht- und Lebensbuches.
* Kindermund. Itt „Kind und Künst" erzählt Frieda von Bülow: „Ms Lilli zwei Jahre alt war, sah sie einmal das Krippenbild. Ganz glücklich tippte sie mit ihrem kleinen Finger auf " es, Maria und Josef und sagte: „Baby! Mama! Doktor!".
. sie das Bild vom kleinen Moses im Korbe sah, sagte sie ganz kläglich: „Baby stiert!" — Ich gehe mit den Km- beim über ben Kirchhof. Der kleine Hartwig hat, wie immer, uuenblich viel Fragen, aber Lilli ermahnt ihn: „Sch, Hartwig, du mußt still sein, sonst wachen die Toten ans!" — Lilli erzählt den Brüdern vom lieben Gott: „Und er ist ganz groß und ganz blau, und er hat Augen wie den ganzen Tag Sonntag."
Musik.
— Auch dieses Jahr wieder setzt zur Hochsommerzeit die Völkerwanderung nach Bayreuth ein, das' um so mehr diesmal besucht werden wird, da schon die Nürnberger Ausstellung viele Leute nach Bayern führt. In Bayreuth die Wagner- Opern hören, ist einer der höchsten Genüsse, zumal Siegfried Wagner, als ein guter Interpret der Opern seines Vaters gilt. Mit Glück versucht sich „Jungsiegftied" auch selbstäudig als Komponist. Heft 22 der „Musik-Mappe" bringt eine seiner neuesten Arbeiten, den „Tenfels-W al zer" zur Veröffeut- lichuug. Von der genannten Zeitschrift erscheint abwechselnd monatlich ein Heft mit Liedern, Tänzen oder Sawnstücken. Bekannte Komponisten, wie Huntperdinck, Hildach, Brüll, Reinecke zählen zu ihren dauerndeit Antoren. Außer den Original-Beiträgen bringt jedes Vierteljahr noch vier Gratis-Beilagen in Buchform : „Aus der Jugendzeit", „Im frohen Kreise", „Klassische Reminiszenzen", „Vergessene Lieder". Wir können unseren musifliebenden Lesern ein Abonnement auf die „Musik-Mappe", zum Preise von 50 Pfg. monatlich empfehlen.
Gesundheitspflege.
— Die illustrierte Zeitschrift: „Die Gesundheit in Wort und B i l d", Verlag Ad. Hanßmann, Berlin SW., Kochstraße 67, Preis pro Vierteljahr 1.20 Mk., erörtert in einer Reihe von Abschnitten die einzelnen Krankheitsgruppen in populärer, sachlicher Form und bildet für die Familie einen volkstümlichen und guten Berater. Das' Heft 5 bringt folgende Aufsätze: Einige Geheimmittel der Vergangenheit. Bon Dr. Jausen. —. Herzkrankheiten und ihre Behandlung. Von Dr. M. Hirsch. (Schluß.) — Ein Besuch in einer modernen Anstalt für Gemüts- und Nervenkranke. — Die Kunst alt ztt werden. Von Dr. Bramsen. (Schluß.) — Moderne Hotel-Hygiene. Von R. Gollmer. — Einiges über Syphilis. Von Dr. M. tztrschfeld. — Neber Säuglingspflege. Von Prof. Dr. A. Bagmski. — Viele praktische Winke bringt die Rubrik: „Kleine Mitteilungen": Klimatische Kuren. Kältwasserbehandlnug bei nervösen Magen- leiden. Hausaufgaben der Schule. Automobil und öffentliche Gesundheit usw. _
— Fräulein Dr. nteb. M a r i a v. T h i l o, Aerztin tm Sanatorium Rosenberg in Neuhausen a. Rheinfall, Schweiz. Heil- ung der Frauenkrankheiten (wie Unterleibsletden, Nervenkrankheiten, Blutarmut und Bleichsucht). Verlag Reform (P. Müller) Stuttgart. Preis 1 Mk. — Das Büchlein »oll bte Frauen über sich selbst, ihren Ban, ihre Organe unb bereit Funktionen aufklären und unterrichten, sie mit den wichtigsten Krankheiten bekannt machen, sowie anch Ratschläge erteilen, auf welche Weise hier vorgebeugt und dort eine richtige Behaudluug eingcleitet iverben kann. Ein Ratgeber soll bas Büchlein sem, Ratgeber unb Freund, von einer Frau für ihre leideiideu Schwestern geschrieben.
Berfleck-Rätsel.
Nachdruck verboten.
Man suche ein Sprichwort, dessen einzelne Silben in solgeudeu Wörtern versteckt sind/ wie die Silbe „an" in „Wanderer". Maltakartoffeln — Landkarte — Gerichtsgebäude — Mehl' suppe - Lasttier — Mnsensohn — Kurzsichtigkeit — Vergißmeinnicht — Biedermann — Roggenfeld-
Auflösung in nächster Nummer.'
Auflösung des Gitterrätsels in voriger Nummer: RAD
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Ahrweile r s i s
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Daghestan
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Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brübl'fchen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei, R. Lange, Gieße«,


