Ausgabe 
16.7.1906
 
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falls mangels Beweise hätten freisprechen lassen, aus­nehmend gut gefallen, obgleich ich wütend ans ihn Ivar, daß er nicht gleich von vornherein von meiner Unschuld überzeugt sein wollte. Er hatte mich dann häufiger im Gefängnis besucht, obwohl ich dcu Zweck dieser Besuche nicht erkennen konnte. Wahrscheinlich wollte er in gemächlichem Wechselgespräch meinen Charakter er­gründen. Vor ihm, dem Bastiauer, der keine Ursache hatte, für Ajaccio einzutreten, konnte ich auch mein Herz ver­trauensvoll ausschütten. Ich legte ihm dar, wie ich mir das. Vorgehen der Ajaccioer Behörden erklärte, was ich weiter fürchtete, nachdem man bisher so furchtbar auf mich losgehackt hätte usw., sodaß er schließlich, wütend darüber, wie mir durch die stete Verlogenheit, Gemeinheit und Arg­list aller Glaube, daß man in Korsika gerecht und wahr­heitsliebend sein könnte, geraubt worden war, ausrief:Ne craignez neu, on ne veut pas vous manger tont crü." Als er einige Tage später mit meinen Ajaccioer Rechtsanwälten Roux und Campiglia im Gefängnis erschien und mir kurz mitteilte:Monsieur, vous voyez, nous fommes conformes", atmete ich erleichtert auf, denn nun wußte ich, daß sich alles zum Guten wenden würde, denn Wahrheit und Ge­rechtigkeit hatte ich nicht zu fürchten.

Wie mir der Chef des Gefängnisses in Ajaccio geraten hatte, gab ich mich ganz natürlich und nahm kein Blatt vor den Mund, sodaß der Gerichtspräsident manche bittere Wahrheit hören mußte. Während die Anklage wie die Katze um den heißen Brei herumgehen mußte, um ihre Ver­dachtsmomente zu begründen, waren meine Widerlegungen so einfach, klar, natürlich und durchschlagend, daß ich immer die Lacher auf meiner. Seite hatte.

So wurde z. B. bemerkt, Direktor M. hätte mit mir über feine pekuniären Verhältnisse gesprochen. Ich er- widerte darauf ruhig:Nicht von seinen pekuniären, son­dern von seinen Wnilienverhältnissen. Da ich gehört hatte, daß er keine heiratsfähige Tochter hatte, hätten mich erstere gar nicht interessiert." Dennoch ließ der Präsident nicht davon ab und versuchte die pekuniären Verhältnisse in den Hinimel zu heben. Direktor M. hätte wahrscheinlich auch mir von einem Verwandten erzählt, einem Besitzer von Goldminen in Deutschland, der vom deutschen Kaiser geadelt worden wäre. Deshalb hätte ich angenommen, daß Direktor M. reich wäre. Ich erwiderte darauf u. a., cs gäbe in Deutschland feine Goldbergwerke. Dennoch blieb auch spater der Oberstaatsanwalt bei den Goldbergwerken Deutschland. In ähnlichem, echt ciceronianischeu Stile sprach mein Verteidiger Campiglia. Endlich hatten die Berge ausgekreist, und das lächerliche Mäuschen war ge­boren. Ter zweite Verteidiger sprach. Maitre Roux zer­pflückte Phrase für Phrase des Oberstaatsanwalts und machte das Vorgehen des bombastischen Ajaccioer Polizeikom- missars höchst lächerlich. Als Dritter erbat sich Rechts­anwalt Tecori, der bemerkte, wie abgespannt die Geschwo­renen schon waren, mir noch eine Viertelstunde. Er sprach von den unzähligen Leumundszeugnissen. Er wollte mir den Nachsatz des einen in Zürich ausgefertigten vorlesen: ,;Vn non seulement pour la legalisation des Signa­tur es de Messieurs Gross, Vice-directeur du Credii Suisse ü Zurich, et Wolfensperger fontle de pouvoirs du meine Credit Suisse, mais pour certifier lhonorabilite parfaite et que foi pleine et entiere peut-etre ajoutße ä tont ce que ces Messieurs declarent en ce quipreeäde.

Le Chef du Departement de la Justice et Police.

Die französische Rechtsprechung stände schon im schlech­testen Lichte im Auslande, und im vorliegenden Falle handelte cs sich nicht darum, koste es was es koste, den Ruf der Winterstation Ajaccio zu retten. Es stünden ganz aiidere Faktoren auf dein Spiele. Korsika genieße jetzt noch Selbstverwaltung. Wenn man Torheiten beginge, könnte es geschehen, daß diese Selbstverwaltung Korsika von Frank­reich genommen würde nsw.

(Fortsetzung folgt.)

Aie französische WvoL'niiott.

Von Thomas Carlyle.

Neue illustrierte Ausgabe mit fast 500 Illustrationen, Porträts, Karikaturen und Autographen. Herausgegeben von Theodor Rehtwisch. In 40 Lieferungen zu je 50 Pfg. Verlag von Georg Wigand, Leipzig.

Die zweite Lieferung des großartigen Carlyle-Werkes umfaßt. das Jahrzehnt unmittelbar vor dem Ausbruch der großen Revolution. Es ist ein Zeitalter voll über­schwänglicher Hoffnungen, aberes meldet die Revolution an, gerade so wie einem Erdbeben das heiterste Wetter voranszugehen pflegt". Als sozialpolitisches Heilmittel gegen den Aufruhr der verhungerten Massen, der bis nach Versailles dringt, wirb ein40 Fuß hoher Galgen" in Anwendung gebracht! Seltsame Zeit.Ach, Madame", so schreibt der alte Marquis Mirabeau einer Freundin,eine Regierung, die Blindekuh spielt, wird in einem allgemeinen Umsturz enden."

Ein ungeheures Defizit besteht bereits, herbeigeführt durch die jahrzehntelange Verschwendung des Hofes und durch unglückliche Kriege.

Eine Fülle vorzüglicher Porträts schmückt die Liefer­ung. Ein seltenes Autograph desComite des subsistances", unterzeichnet vom Maire Bailly, sei besonders hervor­gehoben. Ebenso die beiden KunstbeilagenDer Ball- hansschwur am 20. Fiiui 1789" nach dem Gemälde von David und last not least das großartige Porträt Bareres nach dem Gemälde von David, den Augenblick wiedergebend, wo der frühere Journalist, jetzt Konvents- Präsident beim Verhör Ludwigs,dem Enkel von 60 Kö­nigen", trocken sagt:Sie können sich setzen, Lud- w i g!"

Die dritte Lieferung bringt auf der ersten Seite das seltene Porträt eines Mannes, der in der Revolution eine ebenso bedenkliche wie verhängnisvolle Rolle spielen sollte, des Herzogs von Orleans, desgroßen Verräters". Orleans ist durch seinen späteren Namen Philipp Egalite, den ein ironisches Konventsmitglied ihm beilegte, und durch zwei Worte berüchtigt geworden. Das eine sprach er im Pro­zeß des Königs, seines leiblichen Vetters:Ich stimme für den Tod, ans Ehre und Gewissen! das andere zum Henker, als er ihm vor der Exekution die Stiefel ansziehen wollte:Das wird hernach besser gehen, machen wir schnell!"

Auch ein anderes sehr beachtenswertes Porträt fällt uns unter der Fülle der Illustrationen auf, das des Finanz- ministers Caloune, des genialen aber leichtfertigen Mannes, der den letzten großen Karneval des bourbonischen Hofes in Szene setzte. Seine Charakteristik aus der Jeder Car­lyles ist einfach glänzend! So muß der Mann wirklich gewesen sein, der für einen sehr kostspieligen Wunsch der Königin obgleich das Gespenst des Staatsbaukerotts drohend über Frankreich hing das geschmeidige Wort hatte:Wenn es nur schwer ist, Madame, so ist es schon getan, ist es aber unmöglich, so wird es getan werden!"

Auch der abscheulichen H alsb and a ffär e, die der Königin den guten Ruf kostete, begegnen wir in dieser Lieferung, und im Verlauf derselben den Porträts der Spießgesellen dieser anrüchigen Geschichte, dem lüder- lichen Großalmosenier und Kirchenfürsten Kardinal Louis Prinz Rohan, dem geriebenen Charlatan Cagliostro alias Balsams und der Pseudogräfin Lamotte. Ernste Worte schreibt Carlyle über die innere Fäulnis und Verkommen­heit der ganzen französischen Gesellschaft jener Tage, ernste Worte über das ausgehungerte und ausgepreßte Volk, dessen Mark von einem leichtsinnigen Hof, einem! lüderlichen Adel und scheinglünbigen Klerus verpraßt wurde.

Die vierte Lieferung führt uns hinein in den Kampf des Parlamentes von Paris, des Richter-Adels mit dem Königtum. Den leichtsinnigen Kontrolleur Calomie hat der Sturm der öffentlichen Meinung und nicht minder die Hintertreppenpolitik seines Nachfolgers, des Erz­bischofs von Toulouse, Lomeuie Graf von Brieune, hinweg­gefegt. Es gelingt wohl dem Somenie, die von Caloune berufenen Notabeln, die sich widerspenstig zeigen, in einer grotesken Schlußsitzung mit Lobredenhinwegzuorgeln", aber weniger glücklich ist er gegenüber dem rebellischen Par­lamente von Paris. Er will neue Steuern schaffen, aber das Parlament will sie nicht bewilligen. Alle Machtmittel der Regierung werden angewendet, aber alle prallen wirk­ungslos ab, denn die Regierung hat feine innere Festig­keit und was am bedenklichsten ist das Volk nimmt entschieden Partei für das Parlament, das Volk wird aufgeregt, als es sieht, wie die Auguren, die herrschen­den Kasten, sich an die Gurgel springen!

Als der König endlich in einer königlichen Sitzung