Ausgabe 
16.7.1906
 
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Orten. Die wenigen Intelligenzen halten zusammen. So die Honoratioren. Der Arzt, der Apotheker, der Amtsrichter und der Assessor, dazu der Herr, Pastor und der Kantor. Natürlich nur, wenn er gebildet ist wie mein Schwager und fine Frau hat wie meine Scheuester. Mein Schwager hatte nämlich das Seminar besucht und wollte wohl höhere Karriere machen, nachdem er einige Jahre Erzieher der jungen Grafen war, aber da kam die Liebe und damit der Wunsch, so schnell wie möglich ein Hcms gründen zu können; so nahm er die Stelle an. Aber das Kantorhaus ivar der Mittelpiinkt der dortigen Geselligkeit."

Wie allerliebst."

Und wie kleinstädtisch gemütlich!"

Lachen'Sie darüber nicht, meine Damen. e>,as unter­schätzt'man wirklich. An Gastlichkeit und Gäste waren ww von unserem Vaterhaus geivöhnt, meine Schwester vcrstaiid es also, und ausserdem gab es bei Kantors was ganz Be­sonderes die Musik. Mein Schwager ist überaus musi­kalisch, meine Schwester hat eine kleine, angenehme Stimine und- spielt vortrefflich Klavier. Sie können sich denken, wie dieser edle Zeitvertreib in dem Hause gepflegt wurde. Das kostbarste Stück der Wohnung ein Blüthner! Ein Hoch­zeitsgeschenk der Gicrsdorfs für meine Geschwister!"

Wie poetisch alles ist, was Sie uns erzählen," sagte jetzt eine kleine Frau, die sich bisher ganz schweigsam ver­halten hatte uiid jetzt mit schmachtenden Blicken in» sich schaute. .

Das klingt ivie eine Novelle von Paul Heyse.

Ist es beinahe, meine liebe Frau Doktorl" lachte ge­schmeichelt die Justizrätin.

Ach bitte, meine Damen, wir wollen die Frau Rätin nicht unterbrechen."

Ja, und in dieser Umgebung wuchs meine Nichte Adele empor. Ich hatte sie seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen. Seit mein Mann krank wurde, und daun, als wir nach Dresden zogen, war ich nicht wieder in Bernstadt gewesen unb Kantors kamen nie von Hause weg. Sie können sich mein Erstaunen - denken, als ich das Mädchen so jugendschön aufgeblüht wiederfand. Und daun diese Stimme, nein, diese Stimme! Die Eltern und Freunde schienen gar nicht zu wissen, was da neben ihnen gedieh. Daß Detlchen hübsch singe, ja . . . ua, das wußten sie alle! Und besonders oben im Schloß hörte man es gern, wenn sie der alten Gräfin, die nach dem Tode ihres Mannes sich sehr vereinsamt fühlte, etwas vorsang. Aber was da für eine künstlerische Kraft sich regte, was für einen köstlichen Schatz diese Kehle barg, daran dächte doch niemand! Na, ich hab' es ihnen klar gemacht."

Sie waren wohl alle sehr glücklich?"

Das kann ich nicht behaupten! Im Gegenteil, als sie hörten, daß ich von Ausbildung sprach, von der Notwendig­keit, daß Della studieren, in eine große Stadt müsse, und so weiter, waren alle drei sehr bestürzt. Die Eltern und die Tochter. Die führten ein so friedliches, liebes Stilleben mit­einander, daß ihnen der Gedanke an Trennung gar nicht kam. Und als ich cs ihnen auseinandersetzte, war es ihnen fürchterlich. Auch Ehrgeiz hatten sie nicht. Die weiten Horizonte verliert man ja doch in einer kleinen Stadt."

Wie schon Goethe sagt: Im engen Kreis verengert sich der Sinn."

Es wurde mir also nicht leicht, sie davon zu über­zeugen. Und als ich von Karriere machen sprach, von Künst­lerin, von Auftreten, waren sie alle ganz eingeschüchtert. Die armen Provinzleutchen. Zwei Jahre hats gedauert, bis ich sie so weit hatte, und wenn die alte Gräfin Giersdorf mich nicht unterstützt hätte, wer weiß, ob sie jetzt hier wäre."

Also eine Gräfin! Gott, wie romantisch," flüsterte die schöne Kapellmeisterin.Ja, Künjtlerlaufbahnen müssen so beginnen."

Inzwischen hatte Frau Direktor Sireitmann sich erhoben.

Nun wirds aber wirklich Zeit, daß wir aufbrechen. Wir kommen sonst durch den Schnee überhaupt nicht mehr nach Hause."

Ich glaube gar nicht, daß die Pferdebahnen fahren können bei diesem Schneetreiben."

Theresa!"

Die beiden Mädchen traten ein. Mit hochgeröteten Gesichtern.

Es war wirklich reizend!"

Bitte, bitte, liebe Frau Doktor! Und ans baldiges Wiedersehen."

Adieu, beste Frau Justizrätin, adieu, Luciechen."

Adieu!"

lind das Rezept zu den Sandtörtchen bekomme ich doch?"

Gewiß! Grüßen Sie den Herrn Direktor!"

Danke I"

Und den Herrn Kapellmeister!"

Besten Dank!"

Ich finde doch Ihre neue Landschaft im Weihnachts­bazar, Fräulein Auguste?"

Natürlich, Fran Justizrat l"

Leben Sie wohl, meine Damen! Bielen Dank für ihren Besuch."

Adieu!"

Adieu!" (Forts, folgt.)

157 Hage korsischer Hlaukmörder.

Erinnerungen an Korsika.

Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i e m a n n. (Nachdruck erwünscht.)

(Fortsetzung.)

Gleich nm Anfänge der Verhandlung wurde den Ge­schworenen und meinen Rechtsanwälten ein Situations­plan über die Mordstelle vorgelegt. Letztere legten fest, daß die Aufnahme einige Tage nach dem Morde aus dein Gedächtnis erfolgt wäre, und verlangten zur Prüfung des Planes die erforderliche Zeit, da er ihnen früher hätte vorgelegt werden müssen . Auf Grund dieser Bemerkung entspann sich zwischen dem Oberstaatsanwalt und Rechts- amvnlt Decori der heftigste Wortstreit.Sie müssen immer Schwierigkeiten machen."Ich habe die Pflicht, die Rechte des Angeklagten zu vertreten."Sie suchen nirr Ttfse- renzen."Das ist meine Sache. Ich sorge für Recht und Ordnung."Ja, Sie müssen immer das letzte Wort haben." Gewiß, wenn Sie das letzte Wort haben ivollen, so werde ich das allerletzte Wort haben." Und so ging es immer fort, immer wilder, immer aufgeregter, und der arme Präsident des Gerichtshofes, der zuerst versucht hatte, mit seiner Klingel die Streitenden zu übertönen, fuhr mir immer so auf dem Tisch herum und ich auf meinem Armen- suuderstühlchen blickte erstaunt bald Rechtsanwalt Decori an, bald' den Oberstaatsanwalt, bald den Gerichtspräsi­denten, bald die Geschworenen. Sv etwas hatte ich tat­sächlich noch nicht gesehen. Ich hob und senkte ganz sprach­los meine beiden Hände, die bei Beginn des wanzes auf meinen Knien geruht hatten, und freute mich des Feuerwerks, das immer neue Raketen und Schwärmer aufsteigen ließ. Endlich endlich war es verpufft. Man wurde sich dar­über einig, daß meiner Partei ein Zimmer angewiesen würde, in dem ivir in aller Ruhe den Plan prüfen sollten. Als wir uns dorthin verfügten, meinte ich zu Dr. Decori, das war ja eine richtige Komödie, worauf er mir erwiderte, das wär schon mehr, das war eine Bur­leske. Die Gendarmen wollten mir in das vergitterte Zimmer folgen, aber Rechtsanwalt Decori schloß vor ihrer Nase die Tür, mit dem Bemerken, ich würde schon nicht entfliehen. Jin Zimmer zündeten meine Rechtsanwälte sich gemütlich eine Zigarette an, und ich ergötzte mich lin einem großen Stück Schokolade. Die ganze suche war natürlich nurpro forma", da Rechtsanwalt Decori zeigen wollte, daß er sich nicht auf der Nase herumtanzen ließe. Er, der bedeutendste Rechtsanwalt Korsikas, war dazu auch der rechte Mann. Auch späterhin, wenn schon die gesamte Korona versammelt war, kam er stets gemütlich cm, sein Barett auf dem Kopfe, freundlich überall hiiigrüßcn^ uno es vor dem hohen Gerichtshof nur leicht lüftend. Sch ml bei seinen ersten Besuchen, als ich ihn noch zum Verteidige genommeil hatte, hatte er mir int Gegensatz zu »en kauen, wortkargen Ajaecioer Rechtsanwalten, die mich gunsiigsreii