Ausgabe 
16.7.1906
 
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Der SLery.

Roman von Ulrich Frank.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Mein Gott, wie sich's so fügt. Unser Vater war Berg­beamter in Oberschlesien. Die Mutter war früh gestorben, und während ich als Aelteste den Haushalt des Vaters leitete, bildete meine Schwester sich ein, ihr Lehrerinnen- examen machen zu müssen. Tas hat sie auch getan, und es ist ihr später auch zu statten kommen. Ich lernte meinen Mann iwcl) kennen, wie er als Assessor am Kriegsgericht meiner Vaterstadt arbeitete. Und inir heirateten, als er dann in Görlitz sich als Rechtsanwalt niederließ. Damals lebte nteüt Vater noch. Aber als er nachher starb, da war's doch gut, daß meine Schwester Was -Rechtes gelernt hatte, denn Sie wissen, wie es bei hohen Beamten oft vorkommt ... Gott ja, man ist etwas . . . man gilt etwas so ein Bergrat . . . aber mit dem Vermögen . . . na, ich will niich dabei nicht aufhalten."

Sie liebte es, von Zeit zu Zeit ihre Ansichten über die Lebenshaltung des höheren Beamtentums zn erkennen zu geben, um mit der Objektivität, mit der sie diese Dinge beurteilte, jeder fremden Kritik über ihre Verhältnisse die Spitze abzubrechen. Man munkelte nämlich allgemein, daß die Justizrätin Handtke weit über ihre Verhältnisse lebe, und wunderte sich, woher sie es möglich mache, einen solchen Hailsstand anfrecht zu erhalten. Man wußte, daß der Justizrat Har'.dtke, als er vor sechs Jahren infolge einer Lähmung sein Amt aufgeben mußte uit6. von Görlitz nach Dresden übersiedelte, wohl einiges Vermögen besaß,° aber man rechnete auch nach, daß dieses während seines vier­jährigen Krankseins bedeuten d geschmolzen sein müsse. Dennoch hatte seine Frau nach seinem vor zwei Jahren erfolgten Tode nichts geändert in ihrer Lebensart. Sogar die große Wohnung hatte sie beibehalten. Die guten Freunde aber schienen sich darüber mehr Kopfzerbrechen zu machen, als sie selbst. Und nur, daß sie gelegentlich, wie heute, so im allgemeinen sich über derartige Zustände äußerte, !var eine Art freiwilliger Rechenschaft, die sie sich und anderen ablegte. Sie fuhr daher in ihrer Erzählung mit gut ge­spielter Offenheit fort:Jedenfalls hätte meine Schwester ja bet uns ein Unterkommen finden können; mein seliger Mann bot es ihr sofort an, aber sie wollte nicht. Sie habe einen Beruf, meinte sie, der ihr lieb sei und der es ihr möglich mache, unabhängig von dem Mitleid und den Wohltaten ihrer Angehörigen zu leben. Es sei sicher auch im Sinne Papas, der eine stolze, edle Natur gewesen, daß man sein selbstverdientes Brot esse. Gott, ich konnte ihr nicht unrecht geben, und so nahm sie eine Stellung als Erzieherin der kleinen Komtesse Giersdorf an auf einem Gut in der Nähe, von Bernstadt. Dort lernte sie ihren Mann kenne):, der als Lehrer der beiden ältesten Söhne des Grafen angestellt war. Wie es so kommt, Lehrer und

Gouvernante verliebten sich ineinander, und als sie hei­raten tvollten, verhalf der Graf ihm zn der Stelle des Kantors und Lehrers in Bernstadt. Mit der Gutsherr--, schäft sind sie stets in freundlichem Verkehr geblieben, und besonders die Grafen hängen an meinem Schwager, ihrem ehemaligen Erzieher. Die Komtesse ist an den italie-i Nischen Fürsten Testi verheiratet und lebt entweder in Flo­renz oder in ihrer Villa, die der Fürst in Pallanza im Lago maggiore besitzt; den Soinmer verbringen sie meist; auf dem väterlichen Gut in Schlesien, das der Graf Guido nach des Vaters Tode als Majoratsherr übernommen hat."-

Mit großer Spannung folgten die Damen diesem Be­richte. So ivie heute nachmittag war die Justizrätin kaum jemals aus sich herausgegangen. Es lag wohl an der wirk­lich traulichen Stimmung dieses Plauderstündchens. Draußen war der frühe Winterabend bereits hereingebrochen. Ganz wie im Schnee begraben schien die Stadt, und weich, laut­los, unermüdlich fiel das weiße Gefiock herab. . Die weißen Schnccflächcn erleuchteten gespenstisch das Dunkel und warfen einen matten Schimmer durch die noch unverhülltcn Fenster des Zimmers. Wie mit Schwanengeficdcr verbrämt erschienen die Fensterrahmen, und wenn die Lichtstrahlen der jetzt auf- flammenden Lampen darauf fielen, flimmerte es in buntem, blitzenden Gefunkcl, wie Brillanten und Edelgestein. All das erhöhte den intimen Reiz dieser Damengesellschast. Frau Direktor Streitmann naschte diewundervollen Sandtörtchen" mit einer Ausdauer, die für ihre Verdauung ein beneidens­wertes Zeugnis gab. Frau Kapellmeister Hicdler liebäugelte mit ihrem Spiegelbilde und gab sich innerlich die Ehren­erklärung ab, daß Schönheit eines der notivendigsten und angenehmsten Negnisiten sei, deren eine Frau im Kampfe ums Dasein bedürfe. Hub selbst Fräulein Auguste, die Malerin, verdarb mit ihrer sauren Altjüngferlichkeit die Süßigkeiten nicht mehr, die ein Damenkaffec bietet. Nur mahnte sie die Gastgeberin an die Fortsetzung der Er­zählung.

Das ist alles ganz außerordentlich interessant, verehrte Fran Rätin, und so wurde also Ihre Frau Schwester Kantorin in Bernstadt?"

Ja! Und es war ein Glück für sie, denn sie liebte ihren Mann, der ein prächtiger Mensch ist. Bescheiden, gütig und voll jenes himmlischen Friedens, der ein Abzeichen seines Standes ist. Ich wünschte, mein Vater hätte das noch er­lebt; die Häuslichkeit meiner Geschivister ist von rührender Einfachkeit, aber auch von rührender Zufriedenheit. Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt. Schon als ich vor vielen Jahren einmal dort war, noch mit meinem Manne, und dann besonders vor zwei Jahren, als die Mädchen schon erwachsen waren. Sie wissen, wie das ist in so kleinen