Ausgabe 
16.6.1906
 
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Ei« Himmelsbrief.

Soviel auch gegen den Aberglauben in Wort mtb Schrift geeifert wird, er sitzt doch noch tief in nuferem Volke und wird auch noch in gewissen Formen bestehen bleiben, solange es Menschen gibt, feilt alter Aberglaube ist die Wunderwirkung der sogenannten Himmelsbriefe. In Kriegszeiten sind die Himmelsbriefe ein begehrter Besitz. Ein solcher Brief, der von einem Oberhessen in den Kriegen 1866 und 1870/71 in einem Ledertäschchen auf der Brust getragen wurde, kam durch Zufall in den Besitz des Schreibers. Er tragt an seinem Kopfe eine Engels­gestalt in langem, wallenden Kleide. Mit ausgebreiteten Flügeln, in der einen Hand eine Posaune, in der anderen einen Palmzweig haltend, schreitet der Engel über die Erde hin, die von der ausgehenden Sonne beleuchtet wird. Unter dem Bilde ist in Druck zu lesen:Himmels-Brief, welcher mit güldenen Buchstaben geschrieben und zu sehen in der Michaeliskirche zu St. Germain, wird genannt Gredoria, allwo der Brief über der Taufe schwebt. Wer ihn angreifen will, von dem weichet er, wer ihn aber abschreiben will, zu dem neiget er sich und tut sich selbst auf.

Also gebiete ich Euch, daß Ihr Sonntags nicht arbeitet an Euren Gütern, und selbst keine Arbeit tut, sondern sollt fleißig zur Kirche gehen und mit Andacht beten, Eure Haare nicht kräuseln und Hoffahrt in der Welt treiben, von Euerem Reichtum den Armen Mitteilen irnd glauben, daß ich diesen Brief von meiner Hand in Jesu Christo ausgesandt, damit Ihr nicht tut wie die unvernünftigen Tiere. Ich gebe Euch sechs Tage, Eure Arbeit fortzusetzen und am Sonntage früh in die Kirche zu gehen, die heilige Predigt und Gottes Wort zu hören; werdet Ihr das nicht tun, so will ich Euch strafen mit Pestilenz, Krieg und teurer Zeit. Schwöret nicht boshaft bei meinem Namen, begehret nicht Gold oder Silber, sehet nicht auf fleischliche Lüste und Begierden, denn sobald ich Euch erschaffen habe, sobald kann ich Euch taliich wieder vernichten. Einer soll den andern nicht töten mit der Zunge und sollt nicht falsch gegen Euren Nächsten hinter dem Rücken sein. Ehret Vater und Mutter. Wer diesem Brief nicht glaubet, der wird kein Glück und Segen haben. Diesen Brief soll einer dem andern geschrieben oder gedruckt zukommen lassen, und wenn Ihr so viel Sünden getan hättet, als Sand am Meer, Laub auf den Bäumen und Sterne am Himmel sind, sollen sie Euch vergeben werden, wenn Ihr glaubt und tut, was dieser Brief Euch lehret. Wer diesen Brief in seinem Hause hat oder bei sich trägt, dem wird kein Donnerwetter schaden, und. Ihr sollt vor Feuer und Wasser behütet sein. Welche Fran den Brief bei sich trägt und sich darnach richtet, die wird eine lieblich Frucht und fröhlichen Anblick auf die . Welt bringen. Haltet meine Gebote, wie ich sie Euch durch meinen Engel Michael gesandt habe."

Vermischtes.

* Gequälte Redakteure.Eine Zeitung re­digieren", sagt ein amerikanisches Blatt,ist wirklich nichts Angenehmes. Wenn wir einen Witz veröffent­lichen, so sagen die Leute, daß es in unserm Oberstübchen spukt. Wenn wir es nicht tun, so heißt es, wir sind trocken wie Schweinsleder. Bringen wir Originales, so wirft man uns vor, wir brächten nicht genug Auswahl. Geben wir Auswahl, so heißt die Anklage, wir lebten von, Diebstahl und seien faul. Sagen wir jemand unsere Meinung, so sind wir parteiisch. Wenn wir den Damen "etwas Hübsches sagen, so werden die Männer eifersüchtig. Bleiben wir in unserem Rcdaktionslokal, so sind wir zu stolz,uns mit der gewöhnlichen Heerde" abzugeben. Sieht man uns auf der Straße, so passen wir auf, unser Geschäft nicht auf. Tragen wir billige Kleidung, so geht unsere Zeitung nicht, und tragen wir gute so behauptet man einfach, wir bleiben die Rechnung schuldig. Was sollen wir nun eigentlich tun?"

* fein Re genmacher auf Staatskosten. Wäh­rend wir in Deutschland in diesem Jahre gewiß nicht über Mangel an Regen zu klagen haben, scheint man anderswo diesen Mangel recht bitter zu empfinden. Im kanadischen Distrikt Jukon wenigstens haben sich die Behörden jetzt

offiziell einen Regenmacher bestellt, weil die bisherige Witterung mit einer ebenso furchtbaren Dürre drohe, wie sie im vorigen Jahre zum Schaden der ganzen Landwirt­schaft geherrscht hat. Sie ließen sich zu diesem Zweck aus den Vereinigten Staaten einen berühmten Regenmacher, mit Namen Hatfield, kommen und fragten ihn um Rat. Der Herr versicherte mit dem Brustton der Ueberzeugung, daß er es regnen lassen könne, wie, wo und wann man es immer von ihm verlange. Sein Mittel gab er freilich nicht an, aber seine Worte und sein Auftreten müssen die Herren von der Regierung doch wohl überzeugt haben, denn sie schlossen mit ihm einen Vertrag ab, der ihm ein Jahres­gehalt von 40 000 Mk. zusichert, wenn und nun kommt das einzig Vernünftige an diesem Vertrag er den Jukon- Distrikt wirklich mit dem erforderlichen Regen versorgt hat. Hoffentlich haben die Herren demRegenmacher" auf seinen Vertrag keinen Vorschuß gezahlt.

- Wohin Fän atismus führen kann, zeigt ein Vorfall beim früheren Bundes-Senator John B. Hender- sohn einem vielfachen Millionär, der in Washington ein fürstliches Valais bewohnt. Er besaß einen reichbesctzten Weinkeller und Einladungen zu einem Diner bei Henderson wurden von den übrigen Mitgliedern des Klubs der Millionäre", wie der Bundessenat im Volks­munde heißt, stets mit Vergnügen angenommen. Vor drei Jahren aber schloß Frau Henderson sich den Rechabiten, dem strengsten Zweige derEnthaltsamen", an, und seit der Zeit erschien auf der Hendersonscken Tafel kein Wem mehr, sondern blieb int Keller. Vor einigen Tagen nun wurde ein neuer Zweig der Rechabiten gegründet, der den Namen der Hendersons trägt. Zii Ehren dieses Er­eignisses gab Frau Henderson ihren Mitgliedern ein Essen; dabei brachte sie die Rede auf den Weinkeller ihres Gatten und fragte, was damit geschehen solle. Die einstimmige Antwort war, die Flaschen müßten zer­schlagen werden. Henderson wagte zwar schüchtern einzuwenden, man möge doch den Champagner und alten Burgunder den Krankenhäusern zuwenden. Aber davon wollten die Weiber nichts wissen. Sie trugen die Flaschen aus dem Keller, gossen den Inhalt in den Kuchenstein und zerschlugen die Flaschen. Senator Henderson stand dabei, wagte aber keinen Widerspruch und sah zu, wie der edle Stoff vernichtet wurde. r . 1

H u m o r i st ische s. W e i b l i ch.Gnädigste haben einen wirklich prachtvollen Theatermanlel!"Ja, uh schwärme niiii einmal so iür die dramatische Kunst." 9(1) iiu».<l^ voll. .Ute Junaser (zmn Heiratsvermittler):Schau n Lie nur, cnti Lte mich mit einem hübschen Mann bekannt machen, . . . suchen uu aber einen heraus, der sich nicht alles gar so überlegt. : einem R c d a k t i o n s b n re n u. Redakteur (au einem Volontär):Lehnen Sie diese Gedichte nut Dank ab! Volontär (schreibt):Geehrter Herr! Wir danken Ihnen, daß Ihre Gedichte nicht verwendbar sind!" .r

* Das alphabetische Musterwe,b. Ein gutes Weib soll sein: amnutiq, bescheiden, charakterstark, demütig, ehrbar, stew'g, gesühlvoll, häuslich, innig, keusch, liebenswürdig, mitleidig, na )- giebig, ordnungsliebend, pflichttreu, quellirisch, reinlich, spar.a, treu,"ungekünstelt, verschwiegen, wirtschaftlich, xanthippemmahiüich, zuverlässig. _______________

Bilderrätsel.

Nachdruck verboten.

Wcn/iwt roiwi 7

(Auflösung in nächster Nummer.!

Auflösung des Homonyms in voriger Nummer: Elster.

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen-