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dürfte 15—20 Minuten betragen haben. Als der Mord wahrscheinlich oben ausgeführt wurde, befand ich nnch unten auf der Salariostraße, einige Meter unterhalb des Gittertores, durch das jener Promenadenzackzackweg «b- Meigt. Ich habe auch drei Schüsse gehört, maß chnen aber keinen Wert bei, da die Jagd eröffnet war. Vielleicht übte sich auch der Gymnasiast Mannei tmeder mit seinem Revolver im Schießen. In Korsika weiß jeder 7jähnge^unge mit seinem Revolver umzugehen, Schüsse sind deshalb nichts besonderes. Daß Wischen den Schüssen Seufzer und stöhnen ausqestoßen wordeil sind, hatte ich nicht gehört. Drei Knaven, die ich irach einer oder Wei Minuten sah, als ich, immer auf der Salariofahrstraße bleibend, um eine Bergnase herumbog, wollen solche vernommen haben. Einer der Knaben staiid oben mit ausgebreiteten Armen in emem Olivenbaum, die beiden anderen unten.aus der Erde lmks und rechts vom Stamme. Wahrscheinlich haben diese sich in direkter Richtung oder Windrichtung unter dem Mord- platze befunden. Unerklärlich bleibt mir, daß sie nicht zur Hilfe geeilt sind. Ich kann daher nur annehmen, daß man in Ajaccio die Rache des Mörders fürchtet und ihn deshalb nicht zu verfolgen wagt. Dieses Benehmen der Knaben flößte mir den Argwohn ein, daß auch die korsischen^Be- hörden und Gendarmen aus demselben Grunde die Spur des Mörders nicht verfolgt hatten. Wunderbar bleibt es, daß die Leiche schleunigst nach Eintritt der Dunkelheit entfernt worden ist und dre Oertlichkeit nicht sofort ausgenommen wurde. Für die drei Knaben wäre es eine Kleinigkeit gewesen, mehrere Maler zur Hilfe zu rufen, die in ganz geringer Entfernung malten.
Vielleicht liegt die Sache noch anders. Der Knabe oben im Baum war der berüchtigte falsche Zeuge Faggianelli. Er behauptete, er wäre von feinem Baunr heruntergestiegen und hätte die Fahrstraße etwas weiter aufwärts einen anderen Baum erklettert. Bon letzterem hätte er mich, eine englische Kappe in das Gesicht gezogen, y4 Stunden später, nachdem er die Schüsse vernommen hätte, links vom Berge aus dem Gebüsch herunterkommen gesehen. Die Person wäre groß, ja sehr groß gewesen, ich aber bin nur etwa 160 Zentimeter groß. Wunderbar ist, daß der junge Faggianelli weder sogleich darauf, noch später von dem, was er gesehen haben will, seinen beiden Kameraden etwas gesagt hat. Gegen 3/41 Uhr bin ich etwa 2—2he Kilometer die breite Salariostraße weiter aufwärts von Baron v. d. L. aus dem Rheinland und Professor Dr. R. v. Sch. und Gattin gesehen worden. Letztere bestätigte, daß sie sich gewundert hätte, wie langsam ich promeniert wäre. Meine englische Kappe, die ich aus der windigen Ueberfahrt trug, habe ich nie in Ajaccio getragen, um nicht für einen Engländer gehalten zu werden, der alles doppelt bezahlen muß. Daß ich mit einem Filzhut bedeckt war, bestätigen vorgenannte deutschen drei Zeugen. (Forts, folgt.)
Aum IVÜMrigen OcömLstag von AräXler-Manfred am 17. Juni 1906.
(Originalartikel der Gießener Familienblätter.)
Karl Ferdinand Dräxler-Manfred, der von 1845 bis zu seinem Lebensende 1879 in unserer hessischen Residenz seinen Wohnsitz hatte, wurde am 17. Juni 1806 als Sohn eines Beamten in Lemberg, der Hauptstadt Galiziens, geboren. Obgleich seine Eltern Deutsche waren, so waren Erziehung und Unterricht polnisch, so daß er noch im Jünglingsalter de§ Deutschen kaum mächtig war. Uin so mehr müssen wir die größte Formvollendung seiner besonders lyrischen Gedichte späterhin bewundern.
Wechselvoll war sein Werdegang. Als seine Eltern nach Prag versetzt wurden, stand er noch unter dcnr Einflüsse des Slavcntums, von dem er sich jedoch befreite, als er bei seinen späteren Studien in Wien und Leipzig mit Männern, wie Anastasius Grün, Nikolaus Lenau, Seidl und Ebert in näheren Verkehr trat. Schon im 20. Lebensjahre veröffentlichte er seine ersten poetischen Versuche unter dem Pseudonym „Manfred", dies teils weil seine Eltern von der „Dichterei" nichts wissen wollten, teils um sich nicht der österreichischen Zensnr unterwerfen zu nrüssen. In späteren Jahren verband er das Pseudonym mit feinem Familiennamen. Vom Stu-
biimi der „Rechte" wandte er sich bald ab, um sich ganz der journalistischen Laufbahn zuzuwenden. Nachdem er vergeblich auf eine Professur in Wien gewartet hatte, begab er sich 1837 auf Reisen. Diese führten ihn in stetem Wechsel nach Frankreich, England, Belgien, unstät schweifte er umher und schlug sein Domizil bald in Mannheim, Meiningen, Köln, Frankfurt a. M. auf. Während dieser acht Jahre erweiterte er seinen Gesichtskreis und sein poetisches Talent erhielt eine festere Richtung. Da wurde er im Jahre 1845 in die Redaktion der offiziellen Darmstädter Zeitung nach der hessischen Residenz berufen. Trotz der wirksamen Tätigkeit, die er in dieser Stellung entfaltete, mußte er sieben Jahre später den Einflüssen des reaktionären Ministeriums v. Dalimgk weichen. Er wurde aus der Redaktion entfernt und geriet in Existenzverlegenheit. Doch bald wurde er aus seiner mißlichen pekuniären Lage befreit und zivar durch den für sein Hoftheater begeisterten Großherzog Ludivig I., der ihm 1854 die Stelle eines Dramaturgen übertrug. Viele Jahre hat er diese Stellung bekleidet und sich um die Gestaltung des Dramas an der Hofbühne große Verdienste erworben. Roch höher aber steht er in seinen dichterischen Leistungen. In Anerkennung dieser verlieh ihm der Großherzog von Meiningen den Titel Hofrat, erhielt er den luxemburger Orden Eisen- kroire, die württembergische goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft und andere ähnliche Auszeichnungen.
Eine stärkte Produktivität hat Dräxler-Manfred auf dem Gebiete der Novellistik entwickelt. Seine Erzählungen und Romane sind mit lebendigerDarstellung und Frische geschrieben, doch ist er von Anderen längst überholt worden, und seine belletristischen Werke, wie z. B. „Die Löffelritter", „Das Kloster von St. Bernhard" u. a. m., sind längst der Ver- gessenheit zum Opfer gefallen. Fleißiges hat er in der Aeber- setzung von Victor Hugos Dramen, sowie des lange der Bühne angehörigen französischen Gemäldes „Marianne, ein Weib aus dein Volke", geleistet. Viel höher steht er als deutscher Lyriker. Heine und Rückert waren seine Vorbilder. Singt er doch von letzterem:
„Begeistert benf ich sein aus Jünglingstagen, Zu dem begeistert ich als Mann mich kehre, Sie iverden noch in späleu Zeiten sagen, Noi> seiner Krall und deutscher Dichterehre; Vielleicht von Einem auch, der ihm sich neigte Und vor der Welt die Liebe ihm bezeigte.'
Seine Gedichte sind in mehreren Sammlungen erschienen, von denen eine 1861 bereits die 4. Auflage erlebte.. Die bekunden neben großer Formvollendung ein tiefes Gefühl, einen hohen Adel der Gefinnimg, eine lebendige Begeisterung für seine Stoffe, die er der Natur, der Liebe und der Kunst entnimmt. Wie glücklich verpersönlicht er den Frühling in seinem „Lenzbrief", der also beginnt:
„Dieses schrieb im Abendgolde Lenz ins blaue Firmament An die liebereiche, holde Mutter, die sich Erde nennt: „Sei gegrüßt zu tausendmalen! Meinen vollen Liebesgras Send ich dir in tausend 'strahlen Und in Diisten meinen K>iß."
Seine Liebesgedichte sind von tief empfundener Wahrheit Die Liebe ist es, die des Menschen Herz für alles Hohe und Schöne empfänglich macht, dies sagt der Dichter in einem seiner schönsten Gedichte, „Erivachen" genannt:
Da kam die Liebe mit den Himmelskläugen, Worin ein Meer voll stiller Wonne fließt, Und hat mit paradiesischen Gesängen Mich aus den tiefen Träumen cmfgekutzt, Sie hat den Schlaf vom Auge mir gesungen, Sie hat den Schmerz vom Auge mir gekost, Sie hat mit Seligkeiten mich durchdruugem Mit Hoffnung und mit wunderbarem ^.rost.
Diese Proben mögen genügen; sie geben vielleicht Ver- anlassnng, heute, an der Wiederkehr des 100jährigen Geburtstages eines unserer bedeutendsten deutschen Lyrikers, nach seinen Sammltmgen von Liedern, Balladen und Lwnetten, von denen als wichtigere „Freund und Leid", „Momente , „Das Blumen-Album", genannt seien, zu greifen. B.


