Ausgabe 
16.6.1906
 
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in den Angeln drehte. Die Heino sank kraftlos von der Klinke hatte sie eine Vision?

Vor ihr stand nicht die vergeßliche Ida, sondern ein schlanker Infanterie-Offizier iin hellgrauen Mantel mit einem sonnenverbrannten glückstrahlenden Gesicht und zärtlichen dunklen Augen, aus denen die alte treue Liebe leuchtete.

.Fritz!" schrie daS Mädchen da auf, mit einer Stimme, die zwischen Lachen und Schluchzen schwankte.

.Suse, Herzblatt."

Er umfing, rasch nähertretend, die zitternd junge Gestalt, drückte seine Lippen in das Haargelock des hingebend an seine Brust gesunkenen Köpfchens, strich mit bebenden Fingern über die rosig glühenden Wangen, keines Wortes mächtig vor über­großer innerer Bewegung. Wozu bedurfte es auch der Sprache zwischen ihnen? Sie wußten ja doch, daß sie sich noch liebten. Und Suse dachte, in seinen Armen geborgen, nur eins: daß sie freudig jede Entbehrung tragen würde, wenn sie nur ihn besäße.

Minutenlang standen sie so eng umschlungen, bis sich im Hintergründe eine Tür öffnete und Metas Stimme fragte:

Wer ist denn da?"

Dann ein leiser Laut des Erstaunens.

Fritz Trautendorf wandte sich rasch herum, aber er be­hielt den Arm um Suses Taille und führte sie so der Cousine entgegen.

Gnädige Frau, Verzeihung es ist noch so früh für einen Besuch aber es drängte mich zu sehr, nicht nur zu Suse, sondern auch zu Ihnen, liebe gnädige Frau Ihr Gatte telegraphierte mir heute Ihr Einverständnis mit allem. Wie sollen wir Ihnen danken?"

Kommt vor allen Dingen ins Zimmer, Kinder I" inahnte Meta, nur schlecht ihre tiefe Rührung verbergend, «drinnen könnt Ihr mir dann danken, so viel Ihr wollt."

Suse horchte auf. Danken? Wofür denn?

Und warum war Meta denn gar nicht erzürnt über die eben gemachte Entdeckung dieses aussichtslosen Verhältnisses, ja, nicht einmal erstaunt? Das sah ja aus, wie eine abge­kartete Sache.

Ihre großen blauen Augen forschten im Hellen Licht des Zimmers ängstlich und scheu in den Zügen der Cousine, hingen hilfesuchend am Antlitz des Geliebten, der sich über Metas ihm hingestreckte Rechte geneigt hatte und sie wieder­holt küßte. , , L .

Da sagte die blasse Frau, auf das verständmslos dabei stehende Mädchen deutend, bewegt:

Sie können sich Ihres Glückes doppelt freuen, Trauten­dorf sehen Sie Suse an, sie ahnt nichts, noch ist es das arme Mädchen, das Sie liebt."

Nun war er es, der fassungslos von einer zur anderen sah. Aber ehe Suse, die wie betäubt dastand, eine Erklärung fordern konnte, hielt ihr Fritz sie schon wieder in seinen Armen und Freudentränen in den Augen ftnmmette er jauchzend:

Liebling, wärst Du denn wirklich auch gern eine arme Hauptmannsfrau geworden? Mit mir in die verhaßte Misere gegangen? Hast Du meinetwegen die glänzende Partie aus- geschlagen ? All den Reichtum, von dem Du immer geträumt? Du Süßes, Goldenes, ist's denn wirklich wahr?"

Und Suse schlang die iveichen Arme von neuem um seinen Hals, sah leidenschaftlich in die feuchtschimmernden Männer­augen und flüsterte:

Ach, Fritz, ja, es ist wahr! Mir ekelt vor dem Reich­tum ohne Dich! Ich will ja gern darben iind sparen es ist mir nur um Dich daß ich's nicht ertragen könnte, wenn Du etwas entbehrtest."

Er schloß die bebenden roten Lippen mit einem langen, innigen Kusse.

Sie hatten Metas Anivesenheit völlig vergessen. Unbe­merkt schlich diese sich hinaus. Trautendorf war ja der nächste dazu, Suse alles zu erklären.

a , . (Fortsetzung folgt.)

157 Hage Korsischer MauKmötder.

Erinnerungen an Korsika.

Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf Tiemaun, (Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.)

Schuldirektor M. litt an einem Bronchialkatarrh und wollte deshalb nicht viel sprechen, besonders wohl nicht beim Bergsteigen oder Gehen. Er hatte darum von vornherein abgeivinkt, in Gesellschaft Spaziergänge zu machen, und sprach grundsätzlich nie darüber, welche Tour er vorhatte, ivahr- cheinlich um nicht Hotelgäste dort anzutreffen, gegen welche er nicht unhöflich fein wollte. Es wußte daher kein Pensionär, auch ich nicht, daß Direktor M. an jenem Tage oben im Stadtwäldchen war, wo er menschenverlassen enden mußte.

Es hatte mich gewundert, daß er einige Tage vorher, etwa am 26. Dezember, sich erbot, mich in die Stadt zu begleiten, in der ich mir eine Schere und Obst kaufen wollte. Der lernbegierige alte Herr, der mir oft seinen Kummer ausdrückte, wie schwer er sich in der Apotheke verständlich machen könnte, wollte mir wahrscheinlich ab­sehen, wie man etwas verlangt. Dann haben wir uns einmal wohl am 23. Dezember zufällig auf der Salariostraße getroffen, in der Nähe der Belvedere-Billa, ich zurückkehrend von meiner Tour, er auf dem Ausmarsch, und sind zusammen nach dem Hotel zurttckgekehrt. Das smd die beiden einzigen Male gewesen, daß wir uns außerhalb des Hotels getroffen oder gesehen haben.

Am 30. Dezember morgens gegen 72Uhr war ich aus dem Hotel fortgegangen, wahrscheinlich nach dem Direktor M., hatte mich zuerst nach der Stadt gewandt, um dort Orangen und geröstete Kastanien zur Vergrößer­ung meines Mundvorrats zu meiner Tagestour zu kaufen, von welcher ich tagsvorher ausführlich an der Wirtstafel gesprochen hatte. Man hatte mir dabei verschiedene Rat­schläge erteilt. In der Annahme, unterwegs, in der Nähe der Grabkapelle Peraldi den korsischen Gymnasiasten Mannei, der mich schon zweimal begleitet hatte, wieder anzutreffen, hatte ich jene Zukäufe gemacht, damit notfalls das kalte Dejeuner für zwei ausreichte. Nach diesen Einkäufen wandte ich mich direkt, ohne nochmals in das Hotel zurückzukehren, dem Plaee Casone, dem Azaccioer Exerzierplatz, und der breiten Salariofahrstraße zu. .

Die Salariofahrstraße könnte man mit dem Wege unten im Bodetal bei dem Restaurant Königsruh vergleichen, nur denke inan sich den Weg auf dem linken Ufer der Bode bleibend. Dann würde der Hirschgrund den Weg darstellen, den Direktor M. an dem Unglückstage ging. Etwa an der Laviereshöhe dürste er ermordet sein, nur war die Ent­fernung etwas vor der Kapelle Peraldi bis oben, wo der Raubmord stattfand, vielleicht 152025 Minuten, wenn ich nicht irre. Dort oben hörte der Weg eigentlich auf.

Man konnte noch auf eine zerbröckelte Mauer hinauf­klettern und durch dick und dünn nach dem Gipfel des Salario gelangen. Stellte jener Unglücksweg den Hirsch­grund dar, so würde die Salariofahrstraße den Weg unten im Bodetal verbildlichen, wenn diese langsam zum Aus­sichtspunkteWeißer Hirsch" hinaufsteigen würde. Kurz vor deren Ende respektiv kurz vor der Fontana di Salario, also am AussichtspunkteWeißer Hirsch", schlug ich einen kleinen Saumpfad ein, der ansteigend mich auf den Gipfel des Berges führte. Ueber-diesen fort ging ich nachFried­richsbrunn", stieg dann von dort direkt zuni Meere herunter, als wennStecklenberg", der Cimetisre (Kirchhof) von Ajaeeio, direkt unter Friedrichsbrunn am Fuße des Berges läge, und ging vonStecklenberg" unten am Meere um den Berg l um nach Thale, das aber vom Bahn­hof Thale "bis Bodekessel und noch ein gut Stuck weiter sich erstrecken müßte und dan nach 'Mjaccw darstellen könnte. Nur fehlen auf der breiten Fahrstraßen­strecke Kapelle Peraldi bis Fontana di Salario die Fels­partien. Rechter Hand senkt sich der Berg in steilem Wsim nach Ajaccio hinab, das zwischen dem weitbauchigen Busen von Ajaccio und dem ersten Teil des Salarioberges lang hingestreckt liegt. Man konnte dieKönigsruh" mit Ajaccws sehr mächtigem Platz de Diamant, der bis an das Meer reicht, vergleichen, um das Bild zu erweitern, denn der scheußliche Mord hat sich über der Stadt zugetragen.

Der Zwischenraum zwischen dem Direktor M. und mir