Samstag den 16. Junr
1906
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WiiLellose Mädchen.
Nowan von H. E h r Hard t.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Die Leserin hielt in ihrem- Studium inne, hob lauschend den Kopf und faltete das Briefblatt dann langsam zusammen. In ihren Hellen Augen schimmerte es feucht, da sie den Blick der Tur zmvandte. Im Korridor draußen nahten leichte, eilige Tritte, mit energischer Hand wurde'die Klinke hernieder- gedrückt — die Tür flog auf.
Suse hatte noch immer die alte ungestüme Art des Eintretens, wodurch sie ein Zimmer stets mit Frische und Leben zu erfüllen schien, aber über ihrer ganzen Erscheinung lag eine gewisse mädchenhafte Weichheit, die ihr früher gefehlt hatte. Sie war noch gewachsen in den letzten Monaten und das einfache schwarze SUeib umschloß eine entzückende biegsame Gestalt von jngendlich weichen Formen. Sie hatte die Aermel emporgestreift und eine weiße Schürze vorgebunden.
Ohne die Tür zu schließen, blieb sie stehen, bereit, sofort zu ihren häuslichen Pflichten in die Küche zurttckzukehren.
„Der Nudelteig läßt sich nicht ordentlich kneten, Metal" brachte Suse ihr Anliegen, das sie ins Zimmer geführt, ein wenig kläglich vor, „er zerbröckelt wir unter den Fingern. Die Ida ist nach sauerer Sahne weggegangen, da weiß ich mir allein keinen Nat. Soll ich vielleicht noch ein Ei mehr nehmen?"
Frau von Brockhaus sah lächelnd in das. erhitzte, ernsthafte Gesichtchen und auf die mehlüberpuderten Arme. Sie kannte von Ruth aus Suses frühere Abneigung gegen jegliche Küchenarbeit. And nun dieser Eifer! Sie war jetzt nicht mehr im Zweifel, daß auch hier die Liebe zu Trantendorf die Triebfeder zu Suses Hausfrauenbegeisterung gegeben.
„Nimm nur noch eins, Sus, und menge den Teig erst in der Schüssel mit dem Kochlöffel gut durcheinander — es wird dann schon werden. Oder soll ich Dir helfen kommen?" Der blonde Kopf schüttelte sich in energischer Abwehr.
„Ach nein, Meta, bitte nicht — es macht mir so viel Spaß, allein zu probieren — probieren geht über studieren."
„Na, so lauf nur, aber nimm Dich zusammen, ich habe die Absicht, heute bei Tisch mal den kritischen Ehemann zu spielen — wer weiß, wie verwöhnt Dein Zukünftiger ist —"
Ein schmerzlicher Zug irrte bet der harmlosen Neckerei tim Suses rote Lippen. In ihre Augen stieg es feucht rmd heiß.
„Ich werde nie heiraten!"
Sehr bestimmt klang es, aber die junge Gestalt durchlief ein Zittern dabei.
Hastig floh das Mädchen hinaus.
In der hellen, blau-weiß eingerichteten Küche mit dem blinkenden Nickel- und Kupfergeschirr an den Wänden blieb sie einen Moment stehen und preßte die Hand gegen die schwer atmende Brust, auf der ein geheimer Druck lastete.
Sie und heiraten!? Heute erschien ihr das unmöglicher, als je, seit die Zeitungsnachricht von der Rüekkehr der ersten Chinakämpfer die alte Liebe und den alten Schmerz mächtig hatte aufleben lassen.
Vielleicht war Trautendorf unter denen, die, jubelnd begrüßt, nun gesund wieder in der Heimat weilten — aber so nah oder so fern er ihr auch sein mochte — ihr gehörte er doch nicht mehr. Sie würde ihn tvohl wiedersehen — aber er würde ein Fremder für sie sein. Seine ehrlichen braunen Augen würden nie mehr voll zärtlicher Siebe in die ihren tauchen — sein gutes Lächeln sie nie mehr verständnisinnig grüßen — nie mehr! Der ganze Jammer dieses Wortes erfaßte sie mit vernichtender Gewalt.
Der glänzende Schimmer ihrer Augen verdichtete sich zu großen Tränen, die langsam und heiß über ihr trauriges Gesichtchen rannen. Sie hätte laut schluchzen mögen. Aber die Köchin mußte von ihrem Gange jeden Augenblick zurück- koitimcn — wenn die ihr angebetetes Fräulein Suse in Tränen fand, war sie imstande, mitzuheulen — Meta merkte es dann und was sollte sie auf etwaige Fragen sagen? Eine Lüge? Sie hatte sich doch fest vorgenommen, nie mehr zu lügen, damals, in jener Stunde, da die leichtsinnige, flatterhafte Suse in der Vergangenheit untertauchte.
Tapfer kämpfte sie ihre Bewegung nieder und bemühte sich, ihre ganze Aufmerksamkeit dem kritischen Nudelteige zuzu- wcndcn. Ihre Mühe wurde von Erfolg gekrönt, bald lag er als glatte, gelbliche Kugel vor ihr auf dem Brett. Die Freude über das Gelingen nahm ein wenig den schmerzenden Druck von ihrer Seele und als es draußen im Entree zweimal kurz und scharf klingelte, das gewöhnliche Signal, wenn die vergeßliche Ida ihren Schlüssel nicht bei sich hatte, da irrte einer der alten Schelmenblicke in die Ecke, wo sich hinter einer rotgestickten Leinendecke die Stnbenbesen borgen.
„Ob ich der Zerstreuten beim Ocfsiien mit einem Besen unter die Nase fahre?" dachte Suse in einer Anwandlung vergangenen Uebermuts. Gleich darauf verwarf sie mit einem trüben Lächeln den tollen Gedanken. Im Herzen zuckte bet schmerzende Stich auf, die Erinnerung an den verlorenen Geliebten.
Langsam, fast müde ging sie, um zu öffnen. Durch bic buntscheibigen Entreefenster malte das Tageslicht vielfarbige Lichtflecken in den dämmerigen schmalen Raum. Suse zwinkerte geblendet mit den Augen, als die Tür sich unter ihrer Hau!»


