Ausgabe 
16.5.1906
 
Einzelbild herunterladen

284

gegeben. Volk und Rasse entartet und verschwindet bald gänzlich vom Erdboden.

Bon diesem Schicksal ist dass Anglo-Amerikanertum nicht mehr weit entfernt. Die bullige, auch politische Gleichberechtig­ung von Mann und Weib, das letzte Ziel der Frauenbewegung, ist zwar erst in.hier Bundesstaaten erreicht, aber überall gibt es schon weibliche Merzte, Advokaten, Pfarrer, Bahnwärter usw. usw. Unsereins fragt sich kopfschüttelnd, warum die Männer dort sich das ruhig gefallen lassen mid nickt schon längst mit einem heiligen Kreuzdonnerwetter drein gefahren sind. Die Neurasthenie der Männer must dort entsetzliche Fortschritte gemacht haben!

Es kommt aber noch toller. Mit der Gleichberechtigung sind nämlich die klügsten unter den dortigen Misses und Mistresses gar nicht zufrieden; für sie ist dieser Gedanke was ja auch gar nicht weiter wunderbar ist ein überwundener Standpunkt. Sie wollen nur diejenigen Rechte, die ihnen gerade passen und die übrigen Rechte samt den dazu gehörigen Pflichten großmütig den Männern überlassen, wenn diese ihnen dafür nur die völlige, uneingeschränkte Herrschaft und Selbstbestimmung überlassen. Und die sonst sosmarten" Uankees scheinen auf dieses eigenartige Geschäft wirklich eingegangen zu sein.

Man sagt nämlich, die Uankees heiraten nicht, sondern werden geheiratet, wenn sie nämlich sehr, sehr viel Geld von ihren Vätern geerbt oder in bald mehr, bald weniger anrüchigen Ge­schäftengemacht" haben.

Es gewährt einen hochkomiscken Anblick, einen solchen Mann, der geheiratet werden soll oder muß, in der ehrfnrchtgebietenden Nähe seiner Göttin zu beobachten. Daher geht denn auch in Amerika Heiraten, Sichsckeidenlassen und Wiederverheiraten mit demselben oder mit anderen Männern so oft und so geschwind vor sich, daß sick die Beteiligten wie verhext Vorkommen. Auch läßt sich eine echte, amerikanische Ehegattin höchstens auf die Geburt eines einzigen Kindes ein, und vielen ist selbst das noch zu viel. Man sieht: die Weiberherrschaft steht dort in der schönsten, duftigsten Blüte.

Uns Europäern und namentlich uns Deutschen könnte es ja recht sein, wenn ans diese Weise das Anglo-Amerikanertum bald gänzlich vom Erdboden verschwände. Es ist uns wirtschaft­lich und politisch spinnefeind und mit seinen vielen häßlichen Auswüchsen auf geistig-sittlichem Gebiete die schlimmste Ent­artung der germanischen Raffe, die man sich vorstellen kann. Um so merkwürdiger must es erscheinen, warum bei uns so viel­fach, sogar in maßgebenden Kreisen, der Amerikanismus als Vorbild hingestellt, und sogar von nicht wenigen nachgeahmt wird. Als Susan B. Anthony in Berlin drei Tage lang regierte, schienen selbst hochgestellte Männer den unbefangenen Blick verloren zu haben.

Im Reichstage erklärte freilich s. Zt. Graf Posadowsky, die Pflicht internationaler Höflichkeit habe geboten, die Teilnehme­rinnen an dem Damenkongresse zuvorkommend zu empfangen. Die Pflicht der Höflichkeit in hohen Ehren, namentlich gegen unsere lieben Frauen! Aber gebietet etwa die Höflichkeit, die nicht minder internationale Sozialdemokratie von Ministerfrauen int Reichskanzlerpalais bewillkommnen zu lassen? Oder sind die Bestrebungen der Sozialdemokratie weniger gemeingefährlich, als die der Vorkämpferinnen für politische Weiberwirtschaft und Weiberherrschaft?

Literarisches.

Paul Ernst Ritter Lanva 1, Lustspiel in drei Aufzügen. Im Insel-Verlag Leipzig 1906. Geheftet 2 Mark. I Paul Ernst hat sich nickt nur als Romailschriftsteller (Der I schmale Weg zum Glück) und Novellist, sondern auck auf dem I Gebiete, der ernsten (Demetrios) wie der heiteren (Nacht in Flo- I renz) dramatischen Kunst einen Namen gemacht. Aber nicht als I ein Dichter, der nach Augenblicks-Erfolgen hascht und mit dem Tagesbeifall sich bescheidet. Er ringt und strebt weiter nach dem Schaffen bleibender Werke. Hiervon zeugt wiederum fein jüngstes Lustspiel: Ritter Lauval. Die Buchausgabe, in der Ausstattung des Insel-Verlags, wird gewiß seinen Freunden willkommen sein und bereit Kreis vermehren.

Gusta v H e r r m an ns Schauspie 1D er Tri - urnph des Mannes", das nach seiner erfolgreichen Ur­aufführung im Leipziger Schanspielhause von einer größeren An­zahl Bühnen zur Aufführung angenommen wurde, ist jetzt als Buch in nmgearbeiteter vieraktiger Form im Insel-Verlage er­schienen. Preis geh. 2 Mk.

M a 11 eus Malefiearum, Der H e x e n h a m m e r. Verfaßt von den beiden Inquisitoren Jakob Sprenger und Heinrich Jnstitoris. Zum ersten Mal ins Deutsche übertragen und ein- gelcitet von I. W. R. Schmidt. 3 Teile. Erster Teil. 47 und 216 Seiten. Broschiert 6 Mark. Verlag von H. Barsdorf in Berlin W. 30. Daß ein kulturgeschichtlich so wichtiges Buch wie der Hexenhammer seit 1489 bis heute, keine deutsche Ueber- tragung gefunden hat, liegt zweifellos daran, daß man erst letzt begonnen hat, den Hexenglauben, die Geschickte des Teufels und verwandte Gebiete wissenschaftlich zu erforschen. Sv will denn auch diese erste deutsche Uebersetzung des Hexenhammers denen zu Hilfe kommen, die sich mit der Geschichte des Aber-

I glaubens befassen, und den überreichen Stoff in bequemerer Form benutzen möchten. Aber sie will auch zugleich eine Art Ehrenrettung sein. Die Hauber, Horst und And. haben in z T recht drastischer Form für den Hexenhammer und Hexenglauben die katholische Kirche verantwortlich zu machen gesucht und keine Gelegenheit versäumt, derselben eins zu versetzen. Das ist ein­seitig, ungerecht und unhistorisch! Denn der Hexenglaube war damals, wie Taeitus sagen würde, faeculum und ward von Katholiken und Protestanten redlich geteilt, wie denn ja auck Luther stark im Teufelsglauben war: es ist eben jeder, auch der größte, ein Sohn seiner Zeit und seines Landes! Der erste Teil des Hexenhammers, der zugleich die Uebersetzung derHexen- | bulle", dasGutachten der Kölner Universität" und dasBor- | wort der Verfasser" enthält, handelt über dreierlei: was zur j Hexentat gehört, nämlich der Teufel, die Hexe und die göttliche i Zulassung. Häufig wird die graue Theorie durch Beispiele aus I der Praxis unterbrochen, Erlebnisse und Abenteuer von Hexen, I bie z. T. recht amüsant sind, berichtet. Für beit Forscher inter- I eifanter sind bie Ideen, bie da über den Ursprung der Hexerei, bas Bündnis mit bent Teufel, den Hexensabbat und viele andere | einschlägige Fragen entwickelt werden. Der zweite und dritte Teil sollen in Kürze Nachfolgen.

Vermischtes.

* Der Liebesroman einer mecklenburgischen Prinzessin und eines englischen Herzogs wird in bie Erinnerung gerufen durch den Tod eines Mitgliedes der Fa- I milie der Herzöge von Roxburghe. Der eigentliche Name dieses Herzoghaitses, dessen jetziges Haupt den verblichenen Glanz seines Geschlecktes durch die Heirat mit der millionenreichen Amerika­nerin Miß May Goelet ordentlich aufgefrischt hat, ist Ines-Ker, und es führt seine Abkunft auf 'einen gewissen John Ker zurück, der schon 1357 urkundlich erwähnt wird. Der Herzogstitel stammt aus dem Jahre 1707, und sein dritter Träger war der Held jenes eben erwähnten Romans mit einer deutschen Fürstentochter. Dieser Herzog John von Roxburghe war nicht nur mit Walter Scott nahe befreundet, sondern selbst ein kluger und geschmack­voller Schriftsteller und Gelehrter. Er zog fick zur großen lieber» i raschnug der vornehmen Welt plötzllck in die Einsamkeit seines | schottischen Landsitzes Floors Castle zurück, um hier nur seinen I Büchern und Studien zu leben und die schmerzliche Enttäuschung j zu überwinden, die ihm ividerfahren war. Auf einer seiner häufigen Reifen hatte er auch den Strelitzer Hof besucht und zwischen ihm und der ältesten Tochter des regierenden Herzogs Karl, der Prinzessin Christiane, war eine leidenschaftliche Neigung entstanden. Der mecklenburgische Souverän war aufgeklärt genug, um sich zu sagen, daß ein englischer Herzog mit einem Jahres- einkommen, wie es nicht viele deutsche Potentaten aufzuweisen I hatten, keine unstandesgemäße Partie für eine deutsche Prinzessin aus kleinem Hause sei. Und er gab gern seine Einwilligung zu diesem Liebesbunde. Aber da bewarb sich ganz unvermutet kein Geringerer als der König von England selbst, Georg III., um die Hand von Christianens jüngerer, erst 16 jähriger Schwester Charlotte. Ein so glänzender Antrag konnte natürlich nickt aus- geschlagen werden. Aber ebenso unmöglich erschien es, daß nun die älteste Tochter des Herzogs Gattin, eines Untertanen des Gemahls der jüngeren werden könnte. So machte, wie so oft, die unerbittliche Staatsraison einen Strick durch die Hoffnungen zweier Liebender. Sie blieben einander auch nach der Trennung treu. Die Prinzessin Christiane schlug jede andere Werbung aus und starb 1794, fast 60 Jahre alt, unvermählt. Der Herzog von Roxburghe überlebte sie nm acht Jahre, und es mag er­wähnt fein, baß beim Verkaufe feiner Bibliothek nach feinem Tode für die erste Ausgabe von BoccacciosDecamerone" vom Herzoge von Marlborough die Summe von 2260 Pfund Sterling, also 45 200 Mark, gezahlt wurde, der höchste Preis, den bis dahin je ein Buch erzielte.

Bilderrätsel.

Nachdruck verboten.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummert

Zunge, Zange. -

Redaktion: Ernst Hrß. Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'schen Universitäts-Buck- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen«

i s £ i r r c l < j 6

i i r d t s S 6

b s C d

5 h

Z 8

r

z

5

2