Ausgabe 
16.5.1906
 
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Energie, die sie bei Ruth in letzter Zeit zu vermissen begonnen, als noch vorhanden zeigte. Sie war glücklich, Ruth mitteilen zu können, daß sich unter ihren Besucher,: sicher zwei be­kannte Maler befinden würden, die zwar selbst nicht unter- richteten, von denen aber auf einen guten Ratschlag und eine Empfehlung zu rechnen war.

(Fortsetzung folgt.)

Die KniWickkung der Kirschblüte?)

Bon R. H. Francs.

Man hat in dem Heidelberger botanischen Garten das Blühen der Kirschbäume auf das allergenaueste erforscht und dabei gefunden, daß es sich in ziemlicher Unabhängigkeit von den Launen des Wetters abspielt. Diese Tatsache ist so bemerkens­wert und allen Mltagserfahrungen so widersprechend, daß ich nicht umhin kann, sie ausführlicher zu schildern.

Nach diesen Untersuchungen, die neuerdings von anderer Seite ihre Bestätigung fanden, zerfällt die Entwicklung der Blüten­knospen der Kirsche in zwei streng geschiedene Perioden, zwischen denen. die Winterruhe liegt. Nur dauert diese nicht so lange wie die blattlose Zeit des Baumes, die man für gewöhnlich als die Ruhezeit der Vegetation ansieht. In Heidelberg währt die entwicklungslose Zeit" nur von Ende Oktober bis Anfang Fe­bruar. Die erste Wachstumspcriode der Blüten beginnt schon lange, bevor wir Menschen sic veranlassen würden, wenn wir das Blühen der Bäume zu dirigieren hätten. Kein Hausvater ist so voraussichtig wie die Natur. Noch bevor sich die Blüten des Jahres 1906 entfalten, legt sic schon jene des Jahres 1907 an! In aller Verborgenheit im heimlichsten Winkel der Knospen reift da die Blüte als zarte Wulst heran, mehrt Zelle um Zelle, verschiebt und ordnet ihre Bausteine so lange, bis sie etwa im Juli auch dem unbewaffneten Auge als feines Kelchlein er­kennbar wird, als stecknadelkopfgroßes Schüsselcken, in dessen Grund wieder kleine Wülste aussprießcn. Zarte Köpfchen erheben sich, hauchdünne Blättlein breiten sich schützend darüber, und im wohlgeborgenen Zentrum wölbt sich langsam dassüße Geheim­nis" der zukünftigen Blume, die Knospe, die schon den zur Befruchtung heranreifenden Samen in sich birgt. Diese sachten Regungen und Entfaltungen dauern den ganzen Sommer über, -Lis spät in den Herbst hinein. Noch lange, nachdem die Mequi- noktialstürme das letzte verdorrte Blatt vom Baume gerissen haben und er wie tot dasteht, sind in ihm tausend und abertausend Knospen rastlos tätig, das Blütenfest des kommenden Frühlings vorzubereiten. Die Natur denkt im Herbste wahrlich nicht ans Sterben, wie wir Kurzsichtigen so lange glaubten; unerschöpf­lich entquillt ihr Leben und Lebenslust, und dort, wo wir Ruhe und Tod zu sehen vermeinen, ist es nur die beklagens­werte Beschränktheit unseres Blickes, welche uns irreführt. Nir­gends sieht man dies so deutlich, wie an der angeblichen Winter­ruhe der Knospen. Ende Oktober erstarren sie und erwachen erst wieder durch die matten Küsse der Februarsonne. So spiegelt -es uns das Auge vor. Aber in Wirklichkeit hat die Knospe trotz Schnee und Kälte nicht geruht. Ungeheure Wandlungen haben sich an ihr vollzogen; es ist etwas vorgegangen, für das uns noch das richtige Verständnis fehlt. Wir können es erst an den Folgen erkennen und nur als innere Wandlung bezeichnen. Wie wenn das Kuösplein ein seelentiefcr Mensch wäre, der durch innere Erlebnisse zu einem anderen Wesen wird. In einer Pe­riode scheinbarer Verhärtung und Untätigkeit formt cs sich um, und nur dadurch wird es befähigt zu neuem Leben. Wkenasy, derjenige Botaniker, der die Kirschblüte zuerst untersuchte, sagt, aus seinen Versuchen gehedeutlich hervor, daß die Blüten­knospen der Kirsche zwischen Ende Oktober und Ende Dezember «ine Aendcrung in ihrer Beschaffenheit erleiden, die sich nicht in einer Gewichts- und Größenzunahme der Teile, sondern nur in dem verschiedenen Verhalten zu höheren Temperaturgraden zu erkennen gibt. Es liegt nahe, anzunehmen, daß diese Aenber- ung chemischer Natur ist."

Was berechtigte ihn zu dieser überraschenden Erklärung? Welche Tatsache verrät die angebliche innere Wandlung? Wir hörten es schon, eine Aendcrung in dem Einflüsse der Temperatur auf die Dlütenentwicklung. Sie zeigt sich darin, daß wir ruhende otoetge der Kirsche im November oder anfangs Dezember ver- gebuch in das Warmhaus bringen. Sie schlagen nicht aus. Wohl aver geschieht dies nach Weihnachten. Nach der hohen Zeit der geheimnisvollen Zwölfernächte ist ein großer Teil der heimischen Pflanzenwelt wie verwaiidelt. Baldurs Geburt, die Wintersonuenwende, brachte ihnen wirklich die Auferstehung. Von da ab brauchen sie nur noch günstige Temperatur, damit Mute und Blatt rasch, mit zauberhafter Schnelligkeit, sich ent»

*) Wie man sich spielend mit allen Vorgängen int Leben der Pflanzen und mit diesen selbst vertraut machen kann, lernen wir am besten aus Francos prächtigem WerkeDas Leben der Pflanze", welches z. Zt. int Verlag desKosmos, Gesellschaft der Natur- freunde", Stuttgart, in Lieferungen ä 1 Mk. erscheint. Wir geben hier eine kleine Probe von der anregenden Darstellungs- weise des Berfassers.

faltet. Mer vor Weihnachten könnte es noch so warm sein, sie bleiben leblos und harren ruhig der inneren Wandlung, die ihnen nicht vvtt der Wärme, sotidern von der Zeit kommt.

Bon den ersten wärmeren Tagen des Nachwinters an be­ginnt dagegen für die Kirschblüte eine Zeit der gewaltigsten Ent­wicklung. Die Blüten wachsen an Größe und Masse anfangs! langsam, später schneller, zum Schluß mit erstaunlicher Ge­schwindigkeit. In den letzten 6 bis 10 Tagen vor ihrer Ent­faltung verdoppeln sie ihr Gelvicht; in den letzten Tagen ivird. eine federleichte Kirschblüte täglich um/so Gramm schwerer. Das macht bei den 200 000 Blüten, die ein nur mittelgroßer Kirsch­baum hat, eine kolossale Arbeitsleistung aus.

Alle diese Tatsachen bringen uns aber dem Verständnis des Lebens um einen gewaltigen Schritt näher; die Poesie des Früht- lings erhält durch 'beit Gelehrten eine solche Folie des Wissens, daß jeder Kirschbaum für den Wissenden ein ergreifend ernstes Erlebnis wird, weil er uns au die tiefsten Tiefen des Seins mahnt. In dem lieblichen Zauber des Frühlingsblütenmeeres tritt uns wuchtig und schwer das' Lebensrätsel entgegen. Vorläufig hat es die Gestalt, daß die Pflanzen innere Fähigkeiten besitzen, welche sie teilweise in der Entwicklung unabhängig machen von den Einflüssen der Temperatur.

Wir sehen deutlich, daß_ die Sommertemperatur die Ent­wicklung der Kirschblüte gar nickt beeinflußt. Wer auch während der Frühliugsentwicklung vermögcii Schwankungelt der Tempe­ratur den Verlauf des Wachstumstempos nickt zu ändern. Die Blüten entwickeln sich int März stets rascher als im Februar, und es ist dabei gleichgiltig, ob der März wärmer ist als der Februar oder nicht. Nur auf den Gesamtverlauf der Müteu- bilduug hat die Temperatur Einfluß, und ein nasses, dabei warmes Frühjahr sieht die Gegenden früher im Blüten;chmucke prangen, als ein kaltes und trockenes. Ganz besonders aber gibt sich die teilweise Unabhängigkeit der Lebenserscheinungen von der Temperatur dadurch zu erkennen, daß vom Oktober an die Knöspenentfaltuug ruht, mag nun ein herrlicher Spätherbst die Sommerwärme wieber auf Wochen zurückrufen, oder ein Früh- tointei' uns um dieses späte Glück der letzten Herbsttage bringen.

Ale Weiöerhtrrschast in Amerika.

Von Dr. Otto Schmidt-Gibickeitsels-Berlin.

Die Verkünderin und Vorkämpferin des Frauenrechtsgcdankeus in Amerika, Fräulein Susan B. Anthony, ist kürzlich in Rochester im Alter von 86 Jahren verstorben. Sie ist auch deutschen Frauen von dem vor zwei Jahren in Berlin stattgehabten Fraucnkougresse her bekannt. Man entsinnt sich wohl noch mit recht gemischten Empfindungen jener Stunde, als sie von der Fürstin Bülow und anderen deutschen Ministerfrauen sich den Hof schneiden ließ, während sie im Arbeitsstuhle des Fürsten Bismarck es sich be­quem machte.

Auf den ersten Blick erscheint es merkwürdig, daß die Forderung der Gleichberechtigung der Geschlechter ihre schärfste Ausprägung und weiteste Verbreitung in germanischen Völkern, bei den Anglo-Amerikanern, Engländern, Skandinaven gefunden hat. Man sollte meinen, daß weibliche Rassen und Völker, wie Romanen, Slaven, diesem Gedanken eher und leichter zugänglich wären. Es ist jedoch nicht zu vergessen, daß bei den männlichen Völkern und Rassen naturgemäß nicht nur die Männer, sondern eben auch die Frauen leiblich und geistig stärker geartet sind, und daß eine etwaige Entartung, Vertrottelung des Mannes infolge übermäßigen Alkoholgenusses' oder großstädtischer lieber» kultur, wie das ja auf Skandinavien, England, Nordamerika zutrifft, leicht das Stärkeverhältnis der beiden Geschlechter nm» kehren kann. Bei den Skandinaven mag noch dazu kommen, daß sie seit etwa 100 Jahren keinen Krieg mehr kennen und wie in diesem männlichsten aller Berufe in der Männlichkeit über­haupt wohl etwas aus der Hebung gekommen sind. Für die Entnervung der Anglo-Amerikaner ist das deutlichste Zeugnis die Tatsache, daß jene neumodische Großstadtkrankheit der Neu­rasthenie von den Aerzteu zuerst in Nordamerika entdeckt und benannt worden ist. Ihre Ursache ist übermäßige Geschäftigkeit unb Unruhe, die wieder in der unersättlichen Erwerbsgier und maßlosen Ueberschätzung des Geldes ihre Ursacke haben.

Ist so die Entstehung und Verbreitung des Gleichberechtig­ungsgedankens gerade bei jenen germanischen Völkern leicht zu erklären, so braucht über den Gedanken an sich, über feine Un­sinnigkeit und Gcmeinschädlichkcit kaum noch ein Wort gesagt zu werden. Jeder halbwegs lebenskluge Mann und jede halbwegs lebensklnge Frau kann darüber niemals auch nur den geringsten Zweifel hegen. Hat man je schon gehört, daß in einem Kom­pagniegeschäft ein Gesellschafter dem andern Wettbewerb macht? Warum also durchaus nur in der Firma: Mann und Komp.? Darauf läuft nämlich schließlich das Streben nach Gleichberechtig­ung zwischen Mann und Weib hinaus. Beide Vertreter des Menschenthpus, die sonst aufeinander angewiesen find, weil sie sich gegenseitig ergänzen, treten dann einander im wirtschaftlichen und politischen Kampfe feindlich gegenüber. Aller Reiz und alle Anmut des Weibes verschwindet und macht einer unausstehlichen Altjüngferlichkeit ober einer garstigen Zuwiderhastigkeit Platz. Der eigentliche Beruf bes Weibes, Heiraten, Kinbergebären unb diese anfzüerziehen, wirb vernachlässigt oder meist ganz auf«