Ausgabe 
16.5.1906
 
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hatte. All ihr eigenes Wünschen, ihr Hoffen und Entsagen schien ihr nebensächlich. Sie dachte nur daran, daß in diesem Wiedersehen mit Trautendorf für Suse eine neue Enttäuschung, ja vielleicht Schlimmeres lauerte.

Suse!" sagte sie und in ihre glatte weiße Stirn grub sich plötzlich eine tiefe Sorgenfalte, die dem ganzen Gesicht etwas düsteres verlieh,dies Wiedersehen ist ein Unglück für Dich. Glaubst Tu wirklich, der Gedanke an den armen Schlucker wird Dich gegen Tein eigenes Herz schützen können? Mir scheint überhaupt, Tu liebst ihn noch immer."

Suses spitze Mausezähne bissen trotzig die volle Unter­lippe.

Und wenn ichs täte"

Schon im Begriff, in dieser trotzigen Aufwallung der Schwester die ganze Wahrheit zu gestehen, besann sie sich eines Besseren. Ter Schlag würde die ahnungslose Ruth zu hart treffen, nachdem schon die Mitteilung dieses Wieder­sehens sie so niedergeschmettert hatte. Auch gebot die Klug­heit ihr, sich nicht zu verraten, sie ahnte instinktiv, daß ihres Glückes Ende dann nahe sei. Ruth und ein heimliches, aussichtsloses Liebesverhältnis dulden das war eine Absurdität.

So fügte die kleine Schauspielerin, während sie begann, sich die Bluse aufzuhaken, ein leichtes Gähnen markierend, lachend hinzu:

Aber ich tu's ja nicht, Ruth, hab' keine Bange er gefällt mir noch immer sehr gut, aber er hat, wie gesagt, keinen roten Heller und ich", sie hatte unterdeß die Bluse nbgestreift und streckte nun sehnsüchtig die runden, lveißen Kinderarme in die Luft,ich habe einen solchen Durst nach Reichtum in mir. Tu glaubst es ja gar nicht es ist nicht bloß für mich nein, ich möchte Euch alle retten aus der Misere, Euch alle reich und glücklich sehen", sie umschlang zärtlich den Hals der regungslos dasitzenden Schwester,Tu könntest Tir wünschen, tvas Tu willst, Ruth."

Tie Gebelaune des glücklichen Kindes floß gleich einem Rausch durch ihr verliebtes Herzchen.

Ruth lehnte ihre kühle, blasse Wange gegen das glühende Gesicht der jungen Schwester. In dem Moment war nur Liebe üt ihr, warme, opferwillige Liebe für das junge, schöne, leichtsinnige Geschöpf neben sich, das im Kern doch gut war und kindlich reinen Sinnes. Und um ihr einen Beweis ihres liebenden Vertrauens zu geben, erzählte sie ihr flüsternd wie ein Geheimnis von den heißen Wünschen, die sie kurz vorher nach schwerem Kämpf begraben. Suse machte große Augen. Sie hatte eigentlich noch nie daran gedacht, daß RntH vielleicht baS: Zeug zu einer großen Malerin in sich trüge, sie hatte sich daran genügen lassen, daß Ruths Können ebenso weit reichte, wie ihre Kunst auf dem Klavier nämlich, Geld zu verdienen.

Tie Vorstellung, die Schwester in der Reihe derjenigen zu sehen, die für ein einziges Bild viele hundert Mark ein» strichen, berauschte ihren lebhaften Sinn und sie war ganz und gar nicht einverstanden mit Ruths Entsagungsplänen.

Mit der noch ungebrochenen Energie und Zuversicht ihrer 19 Jahre griff sie die Idee von Ruths Malstudium auf und entwickelte mehr praktische Vernunft in ihren Vor­schlägen, als die verständige, aber innerlich oft mutlose ältere Schwester.

Tas Hauptbedenken Ruths war für sie sofort erledigt. Man würde oas Mittagessen eben aus einem Restaurant holen, gleich drei Häuser weiter wußte Suse von einem billigen Mittagstisch, 30 Pfennig für die Person. Zu diesem Zweck würde dieSchäfern" eben mittag noch einmal heran­kommen und auch gleich das Geschirrwaschen hinterher übernehmen, damit Ruth keine Zeit dadurch verloren ging die zehn Pfennige, die sie dafür mehr verlangen würde, brachte in der so gewonnenen Zeit Ruths Malerei für Tietzheim reichlich ein.

Oh, es wird brlilant gehen!"

Suse war ganz Begeisterung, ganz Hoffen! Und von ihrer überschäumenden Kraft flutete ein belebender Strom zu Ruth hinüber.

Sie sah aus ihrem dunklen Lebenswege fern ein Licht aufstrahlen, noch schemenhaft und unsicher, aber doch eine Leuchte der Hoffnung. Ein zitternder Schauer ging über ihren ganzen Körper. Sie war sich des schicksalsschweren Ernstes des Augenblicks voll bewußt, mit zagender Hand griff sie an die verschlossene Pforte des Glücks. Aber ihre Stimme klang Aar und fest, als sie aufstehend sagte:

Nun, so sei es! Mit Gottes Hilfe will ichs versuchen,

ob ich höheren Zielen gewachsen bin und wenn Tu mir beistehen willst, Sus"

Gern, gern! Ich wiA auch gewiß mehr im Haushalt an greifen, Ruth"

Sie war heute in ih-rem Schuldbewußtfein um den Finger zu wickeln, die Mente Sus, und bereit, der älteren Schwester alles nur erdenkliche Liebe zu tun. Seit langem waren die beiden Schwestern nicht so eins gewesen, wie da sie sich heute zur Ruhe legten.

Von Trautendorf wurde nicht mehr geredet, trotzdem das Schwatzen noch int Bett ein Weilchen fortgesetzt wurde. Aber sein' hübsches, braunes, durchtriebenes Lentnants- gesicht war doch das letzte Bild, das vor Suses schlafmüden Augen gaukelte, ehe Gott Morpheus sie in seine Arme nahm.

4.

Eine innere Rastlosigkeit trieb Ruth am nächsten Morgen schon frühzeitig aus bett Federn. Sie kleidete sich möglichst geräuschlos an, um Suse nicht zu wecken, die noch fest schlief, den Schlaf sorgloser, unbekümmerter Jugend.

Durch die beiseite gezogenen Vorhänge der Fenster war dem strahlenden Glanz des sonnigen Märzmorgens der volle Eintritt gestattet, auf der Straße regte sich schon das Leben der Großstadt, deutlich heraufklingend, aber die Schläferin blieb davon unberührt. Ruth wunderte sich von neuem über die junge Schwester, die nach dem atifregeuden Er­lebnis des Vorabends so ruhig mit einem Lächeln um die roten Lippen bis in den hellen Tag hinein schlafen konnte.

Es geht eben nichts in die Tiefe bei ihr!" dachte sie und wüßte nicht, sollte sie die Schwester deshalb beneiden oder bedauern.

Sie setzte sich an ihre Staffelei am Fenster, aber aus der Malerei wurde nicht viel, denn ihre Hand entbehrte der sonstigen Sicherheit.

Es war Wegen acht' Uhr, die beiden Brüder waren längst nach Schule und Geschäft gewandert, die Schwestern allein, da klingelte es und der Briefträger brachte einen Stadtpostbrief. Eine Einladung der Geheimrätin zu einem letzten jour fixe, in dem sie ihre Kinder zum erftenmale in dem Kreise ihrer Bekannten bei sich sehen wollte.

Sie drohte Ruth mit ihrer allerhöchsten Ungnade, falls sie nicht bei ihr erscheinen würde. Aber Ruth dachte dies­mal an keine Absage. Ihr schien diese Einladung wie ein Schicksalswink. Ein wahres Fieber hatte sie ersaßt, sie konnte es kaum erwarten, bis sie den ersten Schritt aus dem Weg zum Ruhm tun durfte.

Eine halbe Stunde vor der ihnen angegebenen Zeit ließen sie sich zwei Tage später bei der Geheimrätin melden.

Sie bewohnte int ersten Stock eines vornehmen Miets­hauses der Kantstraße vier Zimmer, von denen drei zum Empfang der Gäste im Weißen Glanz des elektrischen Lichts erstrahlten. Die Geheimrätin in heliotropfarbenem Seiden­kleide, ein schwarzes Spitzenhäubchen auf dem weißen Haar, empfing das Schwesternpaar in ihrem eigentlichen Wohnzimmer mit lebhaften Freudenäußerungen.

Seht Ihr, das ist recht, das lob'ich mir! Ihr gehört unter Menschen. So hübsch wie Ihr beide seid, es mär' ein Jammer, solltet Ihr unbesehen verblühen. Nun, Kleinchen!" sie liebkoste Suses weiche Wange,wie hast Du Dich neulich bei Meta amüsiert? Sehr gut? Nun ja, ich hab' oa so was läuten hören von einem alten Verehrer! Sieh'mal an, man wird ja sehr rot. ' Da bin ich doch neugierig, tute das Kerlchen ausschaut er kommt nämlich auch heut"

Ach, Tantchen, es ist ja wieder nichts, er hat doch kein Geld."

Na, wenn Du so vergnügt dabei lachst, wird Dir's wohl nit zu nahe gehen ich hab' einen steinreichen Ober- Regierungsrat für Dich in peito aber Du mußt fehr klug sein, nm sein Hagestolzentum brechen zu können."

Suses Augen sprühten tausend Schelmenblitze.

Machen wir alles, Tanting!"

Dann überließ sie Ruth das Feld und begann neugierig in den Zimmern herumzustöbern, die viel altertümliche Rari­täten und alte interessante Familienbilder beherbergten. Unter» deß schüttete Ruth der Greisin ihr übervolles Herz aus. Wie sie im voraus gewußt, war Frau von Hertzberg geradezu be­geistert von ihrem Entschluß, der ihr die innere Kraft und