Ausgabe 
16.5.1906
 
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Mittessose Mädchen.

Roman von H. Ehrhardt.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Ein Notpfennig, hat sie oft im stillen gedacht. Wer kann wissen, von welcher Seite die Not wieder einmal unerwartet ins Haus bricht? Wie die Summe sie jetzt lockt und anzieht. Sie würde ja vielleicht nicht genügen, aber in diesem Falle würde ihr Stolz nichts Verletzendes dabei finden, Tante Hertzberg um Hilfe zu bitten. Ihr mußte sie sich überhaupt anvertrauen, wollte sie ihren Entschluß zur Tat werden lassen.

In ihrem Salon verkehrten Maler von berühmtem Namen, die der Geheimrätin zu Gefallen ihr gewiß eines Lehrmeisters wegen einen guten Rat geben würden. Aber wie würde sich ihr Studium mit ihren Pflichten als Haus­frau vereinen lassen? Wer sollte den kleinen Haushalt leite«, wer ihnen das Mittagessen kochen? Suse, die kaum ein paar Eier zu sieden verstand?

Bergehoch wuchsen die Hindernisse vor ihr empor, ver­sperrten ihr den Weg zum Glück. Eine dumpfe Resignation trat an die Stelle ihres emporgeflammten Hoffens. Sie räumte in apathischer Ruhe ihre Malereien zusammen und verschloß sie in den Tiefen einer Schrankschublade.

Tann rollte sie noch die Nähmaschine unter die Hänge­lampe und begann in ein paar Beinkleider Walters einen Flicken einzusetzen. In das Schnurren des Rades klang von draußen das Geräusch eines sich, im Schloß drehenden Schlüssels Suse kehrte von ihrem ersten Fluge in die großstädtische Geselligkeit zurück.

Tas blonde Haar unter dem schwarzen Spitzenschleier zerzaust, mit glühenden Wangen und rotgeküßten Lippen trat sie ins? Zimmer. Beim Anblick der nähenden Schwester zuckte sie peinlich berührt zusammen. Ter Kontrast, war auch zu grell. Hier in Berlin, wo die Ausstattung der Zimmer in den vornehmen Stadtvierteln an sich schon eine luxuriöse ist, wirkte die Wohnung der Verwandten noch viel eleganter als in N. und die Sphäre von Glanz und Vornehmheit, die Suse eben verlassen und die ihr den oberflächlichen Sinn berauscht hatte, lieh ihr deutlrch wie nie die Armseligkeit ihrer Existenz vor Augen treten. Ter krankhafte Wunsch nach Reichtum und Wohlleben überfiel sie in dem Moment mit solcher Wucht, daß selbst die Er­innerung an Fritz Trautendorf, dessen Abschiedskuh noch, auf ihren Lippen brannte, daneben verblaßte. Sie flog auf die Schwester zu und kniete neben ihr nieder.

Oh, Ruth! Wer doch Geld hätte!"

Sie schrie es fast aus, den blonden Kopf in dem Schoß per Ueberraschten bergend.

Ruth löste mit einem trüben Lächeln die schwarzen Spitzen von den weichen Haarwellen.

Ist dies das einzige Resultat Deines heutigen Be­

suches, Sus?" fragte sie leise, Angst und Tadel zugleich in der weichen Stimme,Tu bist doch sonst so genußfähig hast Tn Dich denn nicht amüsiert?"

Oh, famos, himmlisch!" Suse hob den Kopf, ihre blauen Augen glänzten,es waren nur zwei junge Ehe­paare da und drei unverheiratete Offiziere aber lustig waren wir einer von den Ehemännern ist ja zum Schreien komisch Couplets singt er Dir man kann sich rein totlachen", sie hatte ihre tragische Aufwallung bereits vergessen und schwatzte nun flott orauf los, erzählte die Einzelheiten des Menus, beschrieb die Toiletten der Damen, Tu, die Meta sah im schwarzen Spitzenkleide über weißer Seide mordsschick aus", verbreitete sich des längeren über die musikalischen Leistungen des einen Offiziers, mit dem sie vierhändig gespielt hatte, bis Ruth ihren Redeschwall unterbrach:

Wer hat Dich denn nach Haus gebracht? Max?"

Ta wurde Suse glühendrot.

Nein!" antwortete sie, indem sie aufstehend au ihrem Kleide Spuren der staubigen Tiele abzuklopfen versuchte, einer von dsen Offizieren hat mich, begleitet Oberleut­nant Trautendorf."

Ruths Blick heftete sich ungläubig, zweifelnd auf die sichtlich verlegene Schwester.

Trautendorf?" fragte sie gleichsam tastend, dann jäh auffahrend faßte sie nach dem Arm Suses und fetzte atem­los, mit zitternder Stimme hinzu:der Trautendorf aus N., Suse, derselbe? Ja, ich seh' Dir's an, daß er's ist, es fällt mir jetzt auch ein, daß Meta Dir neulich einen altert Bekannten für heute ankündigte um Gottes mitten, Suse, das darf ja nicht sein, den durftest Tu nicht Wiedersehen."

Eine solch angstvolle Erregung sprach aus ihren Worten, daß Suse von der Größe ihrer heimlichen Schuld zum ersten Male tief niedergedrückt wurde und beklommen meinte:

Aber warum dem: nicht, Ruth?"

Das fragst Tu noch? Ja, war es Dir denn nicht vor allen Dingen gräßlich peinlich und beschämend, einen Men­schen wiederzusehen, der sich so gut wie verlobt mit Dir hatte und der Dich dann als seiner unwürdig aufgab?"

Im Vollbewußtsein von Trautendorfs Liebe übersonnte ein Lächeln Suses' reizendes Gesichtchen. Sie schüttelte fast übermütig den Kopf.

Ach wo, an so was hab' ich gar nicht gedacht wir haben uns beide toll gefreut, uns wiederzusehen, und er bat mich dann später um Verzeihung gebeten und durchs blicken lassen, daß er sich schnell von meiner Uufchuld über­zeugt habe und daß er mich geheiratet hätte, wäre er nicht bei einem Bankkrach um sein ganzes Vermögen gekommen., Und so lieb und nett war er, ach, Ruth, schade, daß Tu nicht mit warst, er hätte Dir auch, gefallen. Es ist ein Jammer, daß er ein armer Schlucker ist."

Es war etwas wie schlecht verborgener Jubel in ihrer Stimme, der Ruth mißtrauisch machte. Eine neue Gefahr stieg da vor?, einer Seite auf, mit der sie nie mehr gerechnet