Ausgabe 
16.3.1906
 
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ziemlich witzlos .ausgefallene Karikatur.

modernen Freytags

Tiere unsrer Heimat.

1) Ein Wort an dicElter li. Es ist! eine alte Geschichte. Genau 125 Jahre sind vergangen, daß sie ausgezeichnet ward von einem Menschenfreund; aber jedes Frühjahr, jeden Sommer erlebe ich sie aufs neue. Damals hieß der fünsjährige Knabe Matthias, heute führt er den -Namen Arthur, Fritz oder Erich. Die Eltern haben ihn des Sonntags mitgenommen auf ihren Spa­ziergang; nach einer der Restaurationen geht's, die in den Tal­gründen links oder recksts der 'Elbe so malerisch liegen und vptt der .ursprünglichen Wühleden.Namen noch'haben lind jM

Giu neues Jourualistenstürk.

Aus Hannover, 8. März, schreibt man uns: Wir vermissen noch immer das Drama, das den Journalismus für die Bühne erobert.. Seit Gustav Tagen hat sich im Zeitungswesen gar vreles verändert, sodaß die ,,Journalisten" rein stofflich als durchaus veraltet bezeichnet werden müssen und entweder keine oder falsche Vorstellungen von dem Zeitungslcbcn und -Treiben zu erwecken geeignet scheinen. Einige Versuche sind bisher wohl unternommen worden dme Lucke auszusütlcu', aber es sind Versuche geblieben. Auch R ud o l s Vre8b er, der bekannte Berliner Kritiker und Feuilletonist, hat in feinem LustspielDieNachkritik",. das gestern, m Metern .Hoftheater zum erstenmale über die Bretter ging, das Journalistenstück schlechthin noch nicht geschrieben.^ Dazu ist das' Werkchcn zu flüchtig komponiert, zu unlogisch aufgebaut, zu spielerisch im Inhalt. Jmmerhiii bedeutet es einen flotten Griff in das neue so lockende Stosfgebiet und eilte ganz amüsante Errungenschaft für das Lustspielrepertoire der deutschen Buhnen. Freilich, man darf nicht alles für bare Münze nehmen,, Noas Presber hier gibt. Er hat Wirklichkeitsdarstcllung und Karikatur so geschickt gemischt, daß das Auge des Laien das eine nicht mehr von deui anderen zu scheiden >veiß. linmittelbar neben gut beobachteten Szenen stehen Uebcrtreibunqcn, Unmöglichkeiten, die lediglich der Posscnwirkuug wegen gcivählt iverdcn. Also man histe sich, ut Presbcrs Lustspiel ohne ivciteres eine zuverlässige Darstellung des modernen Zeitungslebens, ein Zeitdokument zu suchen. Der größte Vorzug des Stückes ist sein eleganter, und wenn hin und wieder auch etwas seichter, so doch stets liebenswürdiger, an- , regender und angeregter Dialog. Bor allem der zweite Alt ist hier rühmend hervorzuheben. Er birgt eine entzückende Trev- szeue, so fein und launig wie sie heute so leicyt kem zweiter Presber nachmacht. v , ,. .

Schlimmer, ja geradezu schlimm steht cs um die eigentliche Handlung des Stückes. Presber ist Feuilletonist und nicht Dra­matiker, das zeigt sich hier sehr unzweideutig. Die Handlung baut sich auf eine große Unwahrscheinlichkeit ans. Mail höre: Max Jahreuholz, Feuilleton-Redakteur au der in einer mitteldeutschen Residenzstadt erscheinenden ZeitungDie Wahr­heit", ein ehrenwerter Mann und gestrenger Kritiker, hat über Leonora Lamberta, eine reizende Schauspielerin, zu Gericht zu sitzen. Während alle Welt entzückt ist, lautet sein Urteil schroff und hart: ihre sinnst ist nichts, ihre Jugend ist alles. Verleger und Chefredakteur suchcil ihn uuizustimmen, letzterer zum Schluß mit Gewalt: Es entsteht ein Wortwechsel, in dessen Verlauf Fahren­holz sein Amt niederlegt. Dieser Vorgang wird nun dadurch kompliziert, daß Leonore Lamberta, wie der Hörer bald merkt, die Schwester von Max Fahrenholz ist. Doch das i,t ein gropes Geheimnis, das außer ihm, dem Hörer, nur noch derJournalist Fridolin Sauerland kennt, eine gemeine und niederträchtige Schmocknatur. Warum, so fragt man, ist es' ein Geheimnis? Wicso kann Sauerland Jahreuholz gegenüber die Drohung aus- spieleN, die Sachlage demHerold", der Konkurrenz, zu ver- rateu? Ist es' eine Schande, eine Künstlerin zur Schwester zu habest, oder über diese Schwester, wenn mau sie für unfähig halt, eine schlechte Kritik zu schreiben? Rllesl offene Fragen. In dem Augenblick, in dem das Gehcimuis von Leonore Lamberta ausgedeckt iverdcn soll, verdichtet es sich infolge eines Mißver- ständnisses nur noch mehr: Lcouore wird nun für die Frau vost Fahrenholz gehalten. Jur dritten Akte erst kommt alles an den Tag. Fahreuholz, der auf der Redaktion bereits schivcr ver­mißt wurde, übernimmt seine alte Stelle wieder, Leonore verlobt sich mit dem Sohne des Verlegers, und Sauerland, der Böse­wicht, verschwindet er begibt sich! zur Konkurrenz, der er mit den Interna aus der Redaktion, der Wahrheit trefflich und seinem Geschmack und Charakter entsprechend dienen wird. Und wieder staunt man bei diesem sriedvollen Abschluß über das törichte Versteckspiel, auf das Presber fein ganzes Stück gestellt hat: Wenn die Aufklärung int dritten Akt, ohne schlimme, Konsequenzen zu zeitigen, erfolgen kann, warum nicht auch im ersten?

Einzelne Figuren des Stückes sind gut getroffen und inter­essant charakterisiert, so vor allem der ehrenfeste, aber ctwsis grobe Chefredakteur Dr. Keßler, dann auch der Verleger, ein früherer kleiner Buchbindermeister, der es int Lause der Jahre wohl zu Geld, aber nicht zu entsprechender Bildung bringen konnte. Stark mißlungen ist dagegen der Lyriker der Redaktion Hans Christoph Finke (ein Lyriker braucht jetzt zwei Vornamen, so ist es Vorschrift bei dem Kartell deutscher Lyriker"), eine

Wasserrad als Staffage'. Bald findet der Kleine eine Blnm'e- bald einen Wurm, bald einen Käser, jetzt sicht er einen Vogel, und allemal ruft er:Vater, Vater, das ällerliebstc Blümchen, das hübsche Vögelchen!" Aber der Vater antwortet ärgerlich: Komm, komm! hast du denn noch nie einen Bogel gesehen!" Jetzt hält der Knabe eine Raupe in der Hand und bringt sie glückstrahlend der Mutter.Sieh doch das merkwürdige Tier, das ich gefunden, und die zierlichen Haare, die'S hat, und wie es so leise kabbelt mit den Füßchen."Psui, pfui, wirf sie weg, die scheußliche Raupe! sie wird dichganz voll machen"; gleich tritt sic tot! wie kannst du'S nur angreifen, solch' garstiges Zeng! nein, diese Kinder!" Bald aber bleibt der Junge wieder zurück; den Falter bewundert er, wie er von Blume zu Blume stiegt, und dann lauscht er dem Zirpen der Grillen.Was bleibst du wieder stehen, du dummer Junge! komm, komm!" schilt der Vater, der das Ting satt hat, und unsanft nimmt er den Knaben bei der Hand.Wenn du jetzt ordentlich mit- gehst, sind wir bald in der Mühle; dort gibt's Kaffee und Milch und ein großes Stück Küchen." Und nun schreitet der Kleine tapfer aus, er denkt an den Kuchen und laßt Statur Natur fein. Dem Batcr ist fein Kunstgriff gelungen.

So ungefähr steht's zu lesen in Salzmanns famosemKrebs- büchlcin" unter der herzlosen Ucberschrist:Mittel, die Kinder gegen die Schönheiten der Statur unempfindlich zu machen." Und wahrhaftig, probatnm cst! Verweise es ihnen, sich am Lebest in der freien Statur zu erfreuen, suche sic abzubringen davon durch allerlei Versprechungen, und du wirst Menschen großziehen, über denen dic Lerche ihr fröhlich Nuserstehungslied schmettert am blauen Himmelszelt: sie hörcn's nicht! zu deren Füßen die Ameisen ihren kunstvollen Bau errichten: sie schen's nicht! Ihre Gedanken weilen bereits int Wirtshaus bei Spiel und Bier.

Gerade den Tieren bringt jedes Kind das erste Interesse, die erste Liebe entgegen. Stoch ehe der Säugling sprechen kann, hört er aus die Stimme des Vogels und beobachtet die Beweg­ungen der Katze. Ter Kleine, der seine ersten Entdeckungsreisen unternimmt in Hof und Garten, schließt bald die zärtlichsten Freundschasteu mit allem, was kriecht und fliegt; das bunte Maricstkäserchen, die Schnecke mit ihren spaßigen Fühlhörnern, der summende Mailäser sind seine Lieblinge. Der Tag, an welchem der Star zum ersten Mal wieder vor dem Bretterhäuschen sitzt und mit zitternden Bewegungen der Flügel sein frohes Schwatzen und Pfeifen begleitet, wird zum Festtag. Und gar, Ivie selig sind die K'leitteu, trenn sie ein Tier mit Heimbringen, cs warten und pflegen dürfen: eine Eidechse, einen Laubfrosch, einen Hirschi- käser oder Raupen, die sich! verpuppen und zu prächtige'., Faltern sich entwickeln. Nur ein klein wenig Interesse feiteitSber Eltern, ein klein wenig Verständnis und Entgegenkommen! Von Natur, gewissermaßen instinktmäßig ist jedes Kind ein kleiner Darc- winiancr; es sieht im Tiere ein ihm verwandtes Wesen: der Star ist sein Bruder, die Kröte seine Schwester; cs' spricht mit dem Käser, der ihm über die Hand läuft, cs spielt mit dem tzüud- chen, wie mit seinen Geschwistern. Dem Hahnenschrei legt cs die Worte unter:Kikeriki, ich bin das schönste Vieh!" und mit dem kecken Meislein spielt cs Verstecken;sitz' i ha, sitz' r! rufen sic so lustig einander zu. Ein rechter Freund der Kleinen ist Ludwig Richter gewesen; wie er hat wohl kein zweiter Maler die Kindesseele verstanden. IN jeder Familicnstubc, die er so anheimelnd zeichnet, ist auch ein Haustier; draußen irn Freien, wo die Kinder sich tummeln, ein Spitz und ein «patz sehlt säst niemals. ä ,,

Es ist ein hartes, aber wahres Wort: ohne daß sre s wollest und wissen, unterdrücken die Eltern so ost diese natürliche Zu- ueigung der Kleinen zu der heimatlichen Tierwelt. Furcht nnd Ekel flößen sie den Kindern ein. Aus der Straße ist'Sder böse Hund, der gleich beißen wird" und den das Kind doch so gern geliebkost hätte; oder bas Pferd, dem es sich zutraulich nähert,gleich! wird cs mit seinem Huf tiach dir ausschlagen!' Im Garten dic schwärze Wcgschucckc,welch' ekliges Tier", und gar erst eine Kröte oder ein Regenwurm! Im Haus die Spinne, die Maus,welch' abscheuliche, häßliche Geschöpfe!" Dic Kleinen, die ansangs wahllos jedes Tier in die Hand nehmen, glauben s schließlich, was dic Erwachsenen so ost sagen; sie krestchcn auf beim Anblick einer Maus und graulen sich, den feuchtkalten Frosch ztt berühren. Vorurteile, nichts n(8. Vorurteile, aip- crzogcu, nicht angeboren!Schön" undhäßlich" sind Begriffe, die wohl im Bereich der Kunst und auf dem Gebiete des Sud lichcn Berechtigung haben, nickt aber in der Natur. Bei einem gesunden, von menschlichen Einflüssen freien Lebewefen kann keine Form', und sei sie die seltsamste, keine Eigenschaft, und! sei sie unseren menschlichen ©innen noch so unangenehm, als Un- vollkonnneuhcit ausgefaßt werden; jede einzelne Bildung ent­spricht dem ganzen großen OrgauisationSplan, ist Zloeckmatzig und in ihrer Art vollkommen. Betrachte nur das tiier in ferner natürlichen Umgebung, die Spinne beim Ban ihres Netzes, den Frosch, wie er ins Wasser hüpft und hinüber schwimmt ans andere Ufer, die Haselnatter, wie sie sich sonnt aus grasiger Halde: hast du noch den Mut, von häßlichen, ckelhasten Geschöpfen zu, reden? Ein Wahn der Erwachsenen ist's kein Kinderwahn! Auch hier gilt das Wort:Werdet wie die Kinder!"

' Dr. M. Braß.