Ausgabe 
16.2.1906
 
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Jem Maßrm, Gdlsn, Schönen.

Ein Großstadtromair von Fedor ü. Zabeltitz.

(Nachdruck verbaten.) (Fortsetzung.)

Es kamen die Gäste: viele unserer Bekannten. Da mar Herr Josef Berndal mit Frau Anita, das hübsche dümmliche Gesichtchen strahlend, denn im Vorflur hatte Prinz Arcnstein sie wieder erkannt und ihr bte Hand geküßt; Herr von Serben mit spiegelblank polierter Glatze rind Orden, am Arm seine lange hagere, resigniert und glücklos aussehendc Frau; Konsul Werner mit gesträubtem Schnurrbart und den: Glas im rechten Auge, der bei allen Antiquaren bekannte Sammler seltener französischer Erotika, ein feiner Kenner gefährlicher Pamphlete mit einer Unschuldsmiene; Arigo Rafatzli mit der dunklen Stirnlocke, Hönde in den Hosentaschen, einen gequält pessi­mistischen Zug um den Mund; der dicke Giesecke, schon wieder heftig transpirierend, das gelbe Haar kammartig gesträubt, im Knopfloch ein buntes Etwas, das bcdciitend erschien, aber nur die anhaltische Medaille für Kunst und Wissenschaft war. Nun kam der Kultusminister; Fridolin Meyer verbeugte sich tiefer und stellte seine Hausdame vor.Es ist mir eine be­sondere Freude," sagte diese. Sie wiederholte das auch den: Polizeipräsidenten und Herrn von Elgersburg, dem Zensor, der mit großer Verbindlichkeit über alle Schwierigkeiten seines Amtes hinweg zu lächeln pflegte: ein scharmanter Mann. Jetzt flutete eine neue Welle von Gästen in das Zimmer. Graf Frehlinghaus, sich die graublondcn Favoris glättend, mit Gräfin Freda und ihrem Vetter, dem Prinzen Arenstcin. Ein Generalstabsoffizier, ein Feuerwehrleutnant, soivie ein schmucker Pasewalker Kürassier folgten: drei verschiedene Uni­formen ; dann ivieder eine Woge schwarzer Fräcke und lichter Damenroben. Mit dem Justizrat Brandes, dem Syndikus Les Prinz Ferdinand-Theaters, trat Herr von Priestap ein, der sich merkwürdig verändert hatte: das Gesicht ivar wie seraphisch geworden, bildschön mit den unheimlich großen gold- gefleckten Augen und krankhaft gleich dem Antlitz eines Vi­sionärs. Claudius Imhoff erschien mit ziemlich mürrischen Zügen; er fand es pöbelhaft, daß er allein geladen worden war, ohne seine Frau. War das erhört! Er hatte absagen wollen; er titulierte Fridolin Meyer eineninfamen Juden- protz"; er war mit anfallsweise Antisemit und *it Zeiten ein begeisterter Verfechter des konfessionellen Frie-. .3 und sehr eingenommen für eine Ausgleichung der Rassengegensätze. Drei Tage lang hatte er gewütet und dann zn seiner Frau gesagt: Laura, ich gehe dennoch hin. Es ist ein Pflichtbesuch. Jeder Mensch hat Pflichten. Man muß auch die unangenehmen mit in den Kauf nehmen . . .*

Mit besonderer Auszeichnung wurde selbstverständlich der Baumeister Hammer in Empfang genommen. Geheimrat Meyer umarmte ihn; es sah so aus, als ob er ihm einen Kuß geben wolle. Aber cs geschah nicht; es blieb bei der stürmischen Begrüßung.Liebe Camelia," sagte er zu seiner Schwester,unser illüstrer Ehrengast Baumeister Hammer" . . .Es ist mir eine besondere Freude," erwiderte die gelbe Base und knixte tief. Dann raste Herr Fridolin mit Hammer umher, ihn dem Kultusminister und dem Polizeipräsidenten zu präsentieren und mit dein und jenem aus der Gesellschaft näher bekannt zu machen.

Die Gäste verteilten sich in den drei Salons, in denen ein wohnlicher Luxus sich mit Geschmack und Feincnipfinden vereinte. Vielleicht war in der Beleuchtung etivas zu viel getan worden; überall, an der Kassettierung der Decken, an den Wänden, in Winkeln und Ecken blitzten die elektrischen Lichter auf. Es gab kein trauliches, von lauem Dämmer er­fülltes Plätzchen in diesen Gemächern. Aber die schönen Ge­mälde und Skulpturen und der Reichtum der übrigen Aus­stattung wurden durch die Helle gehoben.

Die Diener öffneten die Tür zum Speisesaal; die Herren schallten noch einmal auf ihre Tischführkarten und versicherten sich dann ihrer Damen. Der Gastgeber führte die Gräfin Frehlinghaus; auf ihrer rechten Seite saß Heros Arcnstein. Hammer thronte in einsamer Größe am Kopfende des Tisches. Das machte ihn verlegen; aber Fridolin Meyer hatte es so gewünscht; er hatte gern seine besonderen Ideen und der heutige Abend sollte eine besondere Ehrung für den Bau­meister sein.

Alles wies darauf hin. Hammers Stuhl war bekränzt; über ihm, an der Querwand, hing das Künstlerwappen, gleichfalls von Girlanden umgeben. Die Tafel war ein Blütenhain, und aus der Blumenfülle leuchtete das, Gold und Silber der Aufsätze und der helle Glanz des Kristalls hervor. Hinter den Stühlen der Gäste glitt der Schwarm der Diener auf und ab, alle in gleichmäßiger Livree; ein Haushofmeister dirigierte.

Die Tischkarten enthielten zugleich das Menu, das mit Suppe von Schwalbennestern begann und auf mancherlei Etappen wie Forellen, Lammrücken ä lDrloff, Languste ä la Banderbilt und getrüffelten Puten zum gute» Ende des Desserts führte.Gott bewahre", flüsterte sich Hammer selber zu, als sein Auge die Reihe der Weine überflog K Schloßabzüge wie den 1869er Cos d'Estournel, einen Hauti Brion aus dem Glücksjahre achtundsiebzig, ein Forster Freundstück von fünfundsiebzig und den Clicquot von vier­undachtzig zusammen mit dem unbezahlbaren Pommery vom gleichen Jahre. Hammer beschloß, bet einer Sorte zu verbleiben; er wollte sich selbst zu Ehren nicht bett Wagen verderben