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wohl auf immer. In den kurzen Stunden dort habe ich Jahre durchlebt.
»Niemand kam; niemand schien auch nur das Mindeste gehört zu haben. Die Nacht schwand dahin; die Sterne verglommen ; es dämmerte am Himmel, und noch- hatte niemand etwas von dein Toten entdeckt.
»Die Vögel fingen an zu singen, die Blumen öffneten sich, noch immer kam niemand. Ich erhob mich, küsste sein kaltes Gesicht, dann stahl ich inich tut kühlen Morgengrauen durch den Wald davon.
„Nicht der mindeste Verdacht siel auf mich, ich wurde nicht bemerkt; doch den Plag konnte ich nicht verlassen. Ich wußte, daß man ihn zu dein Hause des Försters getragen hatte, und ich trieb mich in dessen Nähe umher. Ich sah auch seine Mutter und die Polizisten.
„Dann erfuhr ich, daß alles Lady Wayne zur Last gelegt ivürde, und der Gedanke, daß sie dafür büßen solle, gefiel mir. Jetzt, ivo ich alles in anderem Lichte sehe, gefällt er mir nicht mehr. Ich mag nicht mehr leben! Das Leben ohne Jack hat keinen Reiz, keinen Inhalt mehr für mich. Ich habe meinem Vater gesagt, daß ich Jack Jefferies erschossen habe, imb er weiß auch, daß ich jetzt nach London gehe, um Leben mit Leben zu bezahlen.'
(Schluß folgt.)
Neue Lyrik.
Besprochen voll O. R.
Daß die Lyrik einen großen Teil der Neuerscheinungen ekn- nimmt, ist nicht verwunderlich. Matr ist es längst gewöhnt, in unserer lyrikschwangeren Zeit, wo jeder Primaner, reder Engel im Flügelkleide sich berufen fühlt, den Pegasus zu reiten, jedes neue Gedicht-Bändchen recht skeptisch in die Hand zu nehmen und die meisten wieder still beiseite zu legen, ehe man noch über das erste Dutzend der Seiten hinausgekoinmen. Und wieviel Lyrik schlummert in den Papierkörben unserer Redaktionen! Drei Bändchen, liegen mir vor. Karl Neurath, der Herausgeber des Hessischen Musenalmanachs, tritt mit einer Gedichtsammlung „E i n s a m e S t e r n e" (Verlag A. Frees, Gießen) an die Oefsent- lichkeit. Seiner Braut widntet er dies Bündchen, dem ein Geleitwort vorangeht. Diese Einleitung ist das Beste am ganzen Buche, sie allein spricht beredt für Neurath. Freilich, er wird zugebeu müssen, daß er in ihr gar zu selbstbewußt auftritt. Der große Dichter ist er denn doch noch nicht! Alle Lyriker bringen uns ja zuerst Lenz und Liebe, Jugendlust und Jugendsehnsucht und gerade in der Behandlung dieses immer wiederkehrenden Stoffes zeigt sich schon ihre Bedeutung. Neurath hat ihm, obwohl er die Seiten seiner Harfe auf einen eigenen Ton stimmt, keine neue Seite abzugewinnen verstanden. Ebensosehr wie unsere alten Meister ihm in den Ohren klingen, hat ihn auch die Moderne umstrickt. In der Form mttß er sich von manchen Schlacken freimachen. Die Sprache ist schlicht und einfach ohne viel Gesuchtes und Geschranbtes, und neben wahrem Empfinden flackert überall die ungestüme Jugend durch, mit der die Form nicht immer Schritt zu halten vermag. Es' ist ein eigen Ding um dieses Buch: man muß es schon für sich selber reden lassen, wie die Phrase lautet, unb weiteren, reiferen Arbeiten des Dichters entgegensehen, eha man ihn recht beurteilen kann.
Noch einfacher, aber weit selbständiger ist Karl Bieueu- steiu in seinem Zyklus „Aus Traum und Sehnsucht" (Verlag für Literatur, Kuirst imb Musik, Leipzig). Er ist fast zu einfach geworden. Manches wirkt völlig nichtssagend, und rch ivüßte nicht, was uns besonders an dem Werke zu fesseln vermöchte. Man gewinnt den Eindruck, als wäre manches nur entstanden, weil der Verfasser dichten „mußte". Dabei enthält der Band zu oft Wiederkehrendes, ist überhaupt übersättigt. Mäßigung täte not. Einige Perlen freilich sind vorhanden.
Derselbe Verlag bietet uns von Helene Waldaestel „Neue Gedichte". Hier zeigen sich dichterisches Schassen, Kraft und Gestaltungsgabe. Wuchtig trifft sie unser Innerstes. Sie vermag es, uns Feierabende der Seele zu bereiten, wie es Neurath so gern möchte und wie es ihm nicht gelingt. Ein recht wohltuendes Buch, diese „Neuen Gedichte".
Noch ein Gast meldet sich auf dem Weihnachtsbüchertische. Ich meine die „Gedicht e" von Schulrat A. Kleinschmidt- Gießen (Leipzig, Friedrich Brandstetter), ein Werk, das auf keinem Weihnachtstische an einen falschen Platz gerät. Man hört den Schulmann heraus, nicht etwa den Pedanten, sondern den freien Lehrer. Jedes Gedicht ist formell vollendet. Dann aber ist auch der Ausdruck, die Empfindung, das ganze Wesen der Kleinschmidtschen Poesie voll ausgereift. Hier brodelt und zischt und kocht es nicht über, und doch kommt auch die Leiden-- schast zu ihrem Recht. Weit über seine Lyrik stelle ich noch
die Balladen. Hiev, wo er andere Völker, andere Sitten uuA in prächtigen Farben malen kann, hier ist Kleinschmidt Meister. Herrlich gelungen sind besonder!» seine „Zonenbilder", mit Recht „Bilder" genannt, denn beim Lesen dieser Gedichte steigen die prachtvollen Szenerien vor unserm Auge auf und nehmen uns gefangen. Kleinschmidts Lyrik besitz! auch eine imponierende Kraft. Das Buch kann bei all dem Dilettantismus der heutigen Literatur nicht warm genug empfohlen werden. Der einzige Fehler, den es hat, ist, daß es zu reichhaltig ist. Aber andererseits bringt es so jedem etwas, vor allem der reiferen Jugend sollte es unter den Christbaum gelegt iverben.
Weihnachtsliteralur.
— Schillers Werke. Herausgegeben von Albert Köster und Max Hecker (Großhergog Wilhelm Ernst-Ausgabe Deutscher Klassiker. Leipzig, Insel-Verlag). 6 Bände. In Leder gebunden 24 Mk. — Als im Zusammenhang mit den Kunstbestrebungen: unserer Zeit die neue Buchkunst auch in Deutschland sich Bahn gebrochen hatte, wurde immer dringender und vielstimmiger der Wunsch nach einer modernen Ausgabe der Werke unserer großen Dichter und Denker laut. Diese Lücke suchte der Insel-Verlag durch die Großherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe Deutscher Klassiker auszufüllen. Das erste größere Werk, der sechsbändige Schiller, liegt nunmehr vor und gestattet ein Urteil über das Unternehmen. Schönheit und Zweckmäßigkeit bei dieser Ausgabe zu verbinden, war das Ziel des Verlages, und man darf sagen, daß er es erreicht hat. Die Bände sind in großer, klarer Antiquaschrift auf imdurchsichtiges Dünndruckpapier gedruckt und in schönes, schmiegsames, rotes Leder gebunden. Sie bilden für jeden B ü ch er fr eund eine ganz auserlesene Freude. Man könnte diese reizenden, schmucken Bändchen geradezu zärtlich lieben. Man ist verführt, sie immer wieder und wieder hervorzuholen und sie all in ihrer weichen Schmiegsamkeit zu liebkosen.,. Die Wilhelm Ernst-Ausgabe wird vielleicht die deutsche Klassiker-Ausgabe der Zukunft werden. Ihre großen Vorzüge: daß sie im Bücherschrank nur wenig Platz beansprucht, daß sie auch bei stundenlangem Lesen die Hand nicht ermüdet, daß sie überall bequem mitgeführt werden kann und an jedem Ruheort zu geistiger Erfrischung verhilft — diese nur ihr eigenen Vorzüge werden sie gewiß auch denen erwünscht machen, die bereits andere Klassiker-Ausgaben besitzen.
— Psychologie der Volksdichtung. Von Otto Bö ckel. (VI u. 432 S.) 8. Preis geh. 7 Mark. — Allen Aeußer- ungen der Volksseele, die sich ja im Bolksliede am klarsten spiegelt, ist hier mit feinem Verständnis nachgespürt. Alles, was das Volk denkt und fühlt, was es liebt und haßt, seine Freuden und Leiden, kurz, sein ganzes reiches Innenleben wird hier lebendig. Dabei ergibt sich, daß das Gefühlsleben aller Völker auf derselben Kulturstufe eine überraschende Aehnlichkeit aufweist. Von dem reichen Inhalte kann hier nur eine kurze Andeutung gegeben werden. Nach einer Erörterung über den Ursprung des Volks- gesanges überhaupt schildert das Buch das Wesen und Entstehen des Volksliedes, seine Sprache und seine Sänger, insbesondere auch den Anteil der Frauen am Volksgesang, seine Wanderungen und Wandlungen, seine Stätten und Arten (Spott-, Kriegs-, Hochzeitslieder und Totenklagen), würdigt dann aber auch das Volkslied nach seinem inneren Gehalt, indem es den „Optimismus der Volksdichtung" auszeigt wie das in ihr herrschende Verhältnis des Menschen zur Natur, indem es ferner dem im Volkslied im allgemeinen wie in Spott und Humor im besonderen zum Ausdruck kommenden Gefühlsleben nachgeht, um schließlich in wehmütigen Betrachtungen über das Verschwinden des Volksliedes ansznkliirgen.
Arithmogriph.
Nachdruck verboten.
1 2 3 3 2 Stadt in Hannover.
2 3 4 8 Figur aus einer Waguer'schen Oper.
3 6 5 4 2 weiblicher Vorname.
4 6 3 3 8 römischer Staatsmann.
5 3 3 2 französischer Fluß.
6 5 russischer Fluß.
4 8 6 3 biblischer Name.
6 3 2 ein Naturforscher.
7 8 6 3 männlicher Vorname.
4 8 8 3 2 Fluß in Deutschland.
4 8 3 wohlschmeckender Raubfisch.
3 5 4 4 8 Stadt in Posen.
8 4 5 syrischer Küstenfluß.
Die Anfangsbuchstaben der gefundenen Wörter sollen der Reihe nach, von" oben nach unten gelesen, den Namen eines Astronomen und dessen Vaterstadt bezeichnen.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Logogriphs in voriger Nninmev:
Raupe, Kappe.
Redaktion: Ernst Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen UnioersttätS-Buch- und Sleindruckeret, R. Lange, ®teßen.


