Ausgabe 
15.12.1906
 
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für mein Verbrechen nicht leiden. Ich will mit nach London gehen und für meine Sünde büßen."

Er sah sie mit Tränen in den Augen an.

»Sie werden doch Ihren Vater, oder Ihre Freunde erst zu Nate ziehen/ murmelte er.

»Mein Vater erwartet etwas Aehnliches; er ist auf alles gefaßt. Ich habe ihm gestern gesagt, daß ich Jack getötet Hütte/

78. Kapitel.

»Ich bin schuldig/

Der Nachmiitags-Expreßzug nach London saust durch die sommerlichen Fluren dahin, und in einem Wagen erster Klasse sitzt Werner Jefferies und ein junges Mädchen mit blassen, verstörten Zügen.

Er hat die Billetts gelöst, hat Zeitungen gekauft, hat Erfrischungen auf der ersten Zwischcnstation bringen lassen und bemüht sich nach Krästen, ihr alles so angenehm wie möglich zu machen; doch sie erwidert nichts auf alle freund­lichen Worte, die er an sie richtet.

Zwei, drei Stationen fuhren sie so Werner hatte zuletzt auch stillgeschiviegen dann strich sie sich plötzlich das schwarze Haar (ms der Stirn zurück und sah ihn mit fragen­dem Ausdruck an.

»Wohin gehen wir? Es ist mir alles wieder aus dcni Kopf gegangen."

In ihren Augen lag solche Müdigkeit und Geistesab­wesenheit, daß er sah, sie sprach die reine Wahrheit. Sie hatte für den Augenblick alles vergeßen.

Nach London/ erwiderte er langsam.Sie sind im Begriff, eine unschuldig Angeklagte zu befreien."

»Ahl jetzt fällt mir alles wieder ein. Ich gehe zu Kerker und Tod!"

Unendliches Mitleid lag in Werner's Gesicht.

»Wie traurig es ist! Ich kann den Gedanken nicht er­tragen. Ich wollte zu Gott, wir könnten ausmachen und stnden, daß alles nur ein Traum wäre/

Ein Traum," wiederholte sie mechanisch.Wer hat mir doch einmal gesagt, Träume wären die barmherzigen Angen- blickc unseres Lebens? Seit Jack tot ist, habe ich nicht wieder geschlafen mtb auch nicht mehr geträumt."

Ich habe Ihnen noch nichts Ausführliches darüber er­zählt," fuhr sie dann fort.

Tun Eie's nicht, Sie Arme; ich .müßte später vielleicht alles zu Ihrem Nachteil wiederholen, und ich will gewiß nicht den Spion spielen."

Ihr Gesicht rötete sich.

»Sie sind kein Spion. Wenn alle Menschen so wie Sie wären, so süße ich hier nicht als Mörderin. Ich will Ihnen alles erzählen. Ich werde auch denen, die ein Recht haben, es zu erfahren, nichts verheimlichen. Ich liebte Jack!"

Davon bin ich überzeugt," sagte Werner.Gott ist unendlich barmherzig, er kennt Ihr Verbrechen, aber er kennt ebensogut auch die Herausforderung/

Ich wurde dazu gedrängt," sagte sic träumerisch.Ihr ruhigen, kalten Leute, die Ihr nie ivild, feurig oder ur­sprünglich seid Ihr wißt nichts von dem ererbten Teufel in uns. Ich liebte Jack. Er suchte mich und meinen Umgang, als ich Verehrer genug hatte rind ich ihn nicht suchte. Er war hübsch, in meinen Augen wenigstens. Er liebte mich und umwarb mich, wie Frauen unserer Art gern umworben werden/

Sie hielt inne, und cs schien ihm, daß Woge auf Woge der Erinnerung über ihr Herz dahinbrause.

Ich warnte ihn oft, wenn er tändeln wolle, so möge er das mit den anderen Mädchen im Dorfe tun; mit mir zu tändeln sei gefährlich. Aber er ließ sich nicht warnen. Ich bat ihn, wenn er nicht vorhabe, mir für's ganze Leben treu zu sein, dann möge er mich lieber allein und ganz in Ruhe taffen. Er lachte nur. Er machte, daß ich ibn liebte. Und ich liebte ihn auch wirklich. Mein Vater sagte mir, Jack Jefferies halte sich für höher wie mich; ich sollte mich lieber um einen von den jungen Farmern in der Nachbarschaft wie

um ihn kümmern. Ich war aber wütend über die guten Ratschläge meines Vaters.

Jack versprach mir, ich sollte eine feine Dame werden, sollte prächtige Kleider und Juwelen haben. Er sagte, wir würden so glücklich werden, ein so angenehmes Leben führen, reich werden, sorgenlos in den Tag hineinlcben. Ich glaubte ihn, und obwohl ich ihn seiner selbst willen liebte, mißfiel mir doch der Gedanke nicht, wie großartig es wäre, eine feine Dame zu werden.

Auf einmal sah ich eine große Veränderung an ihm; er fing an, feine Kleider, Ringe und goldene Ketten zu tragen und über mich und meine Arbeit zu sticheln. Er ging von Elton fort, blieb lange aus und kam kaum noch zu uns. Er schrieb nur ein einziges Mal, und dann auch nur von großen Damen und Herren, mit denen er in London bekannt geworden war, und dann, als er zurückkchrte, sah ich, daß er aufgehört hatte, sich um mich zu flimmern, daß er mich nur wie etwas ihm im Wege Stehendes betrachtete. Einer eifersüchtigen Frau läßt sich die Wahrheit nicht verbergen. Ich sah, daß er sich meiner schämte und frei fein wollte. Ich handelte, wie mein Blut es mir eingab, ich verlangte von ihm, er solle sein Versprechen halten und mich unverzüg­lich heiraten, er aber lachte nur darüber, und damit wußte ich, daß er mich überhaupt nie heiraten würde.

Mein Vater redete mir zu, meine Freundinnen ver­spotteten mich und sagten, ich könnte einen Mann wie Jack Jefferies nie an mich fesseln; das Geschwätz brachte mich fast um den Verstand und ich entschloß mich, meine Rache an ihm zu kühlen.

Ich folgte ihm, als er Elton verließ, ungesehen und unerkannt ; ich reifte mit ihm int selben Zuge und verlor ihn keinen Moment ans den Augen. Ich spürte ihm nach bis zum Park von Kenninghall und ich beobachtete, daß er dort wartete, und daß alsbald eine Dame zu ihm kam, die ihn ober zu verabscheuen schien. Ich konnte nicht alles hören, was sic sagten; schließlich verstand ich, daß er sie wegen einer Heirat drängte. Ich muß Ihnen noch erzählen, daß ich vor meiner Abfahrt von Elton einen Revolver kaufte.

Es kann keinerlei Schwierigkeit haben, meine Schuld zu beweisen," fuhr sie fort.Ich kaufte den Revolver bei Baileys in der Querstraße in Elton; ich weiß noch, sie lachten darüber, daß ich die Waffe kaufte. Als er seinem Zweck ge­dient, warf ich ihn in einen Teich nahe bei Kenninghall ich glaube, Creek's Teich nennen ihn die Leute; er wird sich dort finden lassen und kamt nötigenfalls Zeugnis gegen mich ablegen.

Ich bemühte mich also, alles zu erlauschen, was er zu der Dame sagte. Ich wogte mich so nahe aus dem Dickicht heran, als es möglich war, ohne daß ich im Hellen Mond­licht gesehen wurde; dennoch konnte ich nicht verstehen, was sie sagten, bis schließlich die Unterhaltung lauter wurde, die Dame anfing zu klagen und endlich Jack Jefferies sagte, er wüßte noch -nicht, ob er jetzt in feiner ganz anders ge­wordenen Lage und Stelliing mich noch zu seiner Magd gut genug finden würde.

Diese Worte brachten mich von Sinnen, ich feuerte und sah ihn reguugs- und lautlos zu Lady Waynes Füßen hin­stürzen. Wenn sie daran gedacht hätte, nach der Richtung zu sehen, ivohcr der Schuß gefallen, so hätte sie mich finden müssen, wenn sic daran gedacht hatte, Lärm zu schlagen, häjle ich entdeckt werden müssen aber von meinem Ver­steck im Dickicht aiis sah ich im fahlen Mondlichte, daß sie vor Grausen und Entsetzen ganz außer sich war und an gar nichts wciler dachte. Außer einer hastigen und unwill­kürlichen Bewegung, wobei die Zweige raschelten, rührte ich mich denn aiich nicht. Ich sah, wie sie neben dem Toten nicderkniete, seinen Kopf emporhob und ihn wieder sinken ließ, dann floh sie davon. Es war mir einerlei, ob man mich fand oder nicht. Als sie fort war, kroch ich aus meinem Versteck hervor und ging dahin, wo mein toter Liebster lag.

Ich warf Uiich neben ihn auf die Erde, lag dort einige Stunden lang und sagte Leben und Lieben und Glück Lebe«