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den Kopf wend' ich
Mein der» sind verdienen
mich noch einmal um:
Nach den Zigeunern lang noch schau'n Mußt' ich im Weiterfahren, Nach den Gesichtern dunkelbraun. Den schwarzlockigen Haaren.—
Hessenlander Weiberchen
Mit den schwarzen Häuberchen, Mit den kurzen Röckelchen Lanzen wie die Böckelchcn.
Im Gegensatz zu den Vogelsberger Bauern, die kurz Angebunden, stolz und verschlossen sind, zeigen sich die Hi nterländerzutraulichund mitteilsam. Ein junger Bauer schließt sich mir an, der den jetzt immer seltener werdenden blauen Kittel trägt. Er hat in Laasphe Einkäufe gemacht
prachtvoller Kopf mich an ein Bild des Piombo in Florenz erinnert. Er nennt sich Lagerls und verrät mir, daß er Soldat gewesen und katholisch ist. Morgens und abends betet er für die Seele seiner verstorbenen Frau. Er geleitet mich in seine Hütte, die einen gar ärmlichen Eindruck macht. Der einzige Raum, den sie umschließt, enthält einen kleinen Herd und zwei nicht gerade saubere Betten. Eine Lehmwand ist zusammengestürzt und wird jetzt wieder instand gesetzt. Nachts fährt der Wind über des Alten Bett, aber das stört sein Wohlbefinden nicht. Das Geldgeschenk, das ich ihm reiche, nimmt er dankend entgegen und murmelt einen Segensspruch. Gleich läuft ein Junge ins Wirtshaus und holt Schnaps? Heute hat der fromme Lagerls einen guten Tag. Abseits von den Weibern steht ein junges schlankes Mädchen mit ein paar Augen, die wie zwei Feuer brennen. Sie hat einen winzig kleinen Mund, das schwarze Haar fällt über die Stirn. Sie bettelt nicht und trägt eine stolze Zurückhaltung zur Schau. Wär ich ein Maler, müßt' ich auf die Leinwand bannen. Droben auf der Heerstraße
Weg führt am Ufer der Lahn entlang. Auf den Fel- vorwiegend Frauen beschäftigt, denn die Mannsleute im Westfälischen ihr Brot. Das Auge erlabt sich an der Buntheit und Originalität der Trachten, die sich von alters Her erhalten haben:
Festes veranstaltet werden soll. Der Lindenbaum ist Hm Tm Wege und muß dran glauben. Wär' ich zwei Stunden eher zur Stelle gewesen, hält' ich den Mann vielleicht überzeugen können, daß er den Burgplatz einer Zierde beraube. Jetzt war's zu spät und ich schaute zu, wie die scharfe Säge unbarmherzig den Baum zerschnitt. Wer konnte sagen, daß der sein ^d) Picht spürte, daß er die Todesqualen nicht empfand? Noch vor wenigen Monaten hatte er im Blütenschmuck gestanden, und die Bienen hatten sich daran berauscht. Nun war er dem Tod verfallen.
„Achtung!" rief der Herr Kaminfegermeister und Pyrotechniker. Der Lindenbaum , sank langsam, noch im Verscheiden Ehrfurcht gebietend, wie ein Held. . _
Am Abend desselben Tages war's, daß auf der Terrasse des Hotels Tannhäuser zu Biedenkopf der Briefträger an meinen Tisch trat und sagte, er habe von meiner Anwesenheit, gehört und stelle sich als Dichter vor. Ich lud ihn ein, bei Mir Platz zu nehmen und sah mir den Kollegen au. Er ist Vierziger, sein Haar ist ergraut. Aus dem sonnverbraunten Gesicht schauen ein paar gutmütige, blaue Augen heraus. Er hat zur Schiller- Feier ein Gedicht „Schiller und die deutsche Einheit" verfaßt. Das trug er mir vor. Die letzte Strophe hat sich meinem Gedächtnis eingeprägt:
„Eure Liebe nicht erkalte, Schillers Geist hin vor euch stellt« Freiheit, Einigkeit nur walte, Friede sei der ganzen Welt!"
In seiner Familie hat er Schweres erlebt. Sein Bruder war ein Trunkenbold, der den Vater bedrohte und die Mutter blutrünstig schlug. Eines Morgens fand man den Wüstling in einem Garten vor der Stadt, beim Uebersteigen des Stakets hatte er das Genick gebrochen? Während die „Biedenköpper" das Grenzgangfest feierten und die Wogen der Festfreude am höchsten gingen, fuhr der Dichter auf einem Wägelchen den toten Bruder heim. Wir sprachen noch mancherlei über das rätselvolle Leben, das so viele Wunden schlägt, über die Dichtkunst, die versöhnt und befreit, und schieden voneinander als gute Freunde.
Tie Sonne stand bereits hoch am Himmel, als ich tags darauf von der Höhe des Wittgensteiner Schlosses durch dunkle Wälder talab nach Saßmannshausen schritt. Das ist ein kleines Dorf, das nicht viel mehr als zweihundert Seelen zählt. Am Ufer der Lahn, die das Tal durchströmt, stehen acht oder neun Lehmhütten, von einem Holzstaket umgrenzt. Darin haust die Zigeunerkolonie, die ein Graf v. Wittgenstein vor hundert Jahren hierher verpflanzt hat. Die Männer arbeiten in den fürstlichen Forsten, die Frauen ziehen hausierend umher. Viele haben ihren Typus unverfälscht erhalten. „ Sie leben von der Gemeinde Saßmannshausen abgesondert und dürfen außerhalb des ihnen angewiesenen Gebietes keinen Grundbesitz erwerben. Die Alten und Hilfsbedürftigen muß der Fürst von Wittgenstein ernähren. Kaum daß ich das schmale Gäßchen der Niederlassung betrete, bin ich von Frauen und Kindern umringt, die um eine Gabe bitten. Ein alter Mann kommt herbei, dessen
und wandert wieder seinem Dörfchen zu. Ein Automobil rast an uns vorbei.
„Ich tat’ mich uni alles in der Welt net in so eine Stink- Hais' setzen", meint mein Begleiter.
Sein Gütchen bewirtschaftet er mit seiner Frau und einer Magd. Er schlachtet dreimal im Jahre und hat über nichts zu klagen. In Laasphe hat man ihm geraten, er solle sich gegen Hagelschaden versichern. Das wird er künftig auch tun. Man kann nicht wissen, was passiert. Er gibt allerlei aus der Chronik seines Dorfes zum besten. Eine hübsche Geschichte hab' ich mir gemerkt. Des jungen Bauern Nachbar ist ein wohlhabender Manu. Er hat zwei Söhne. Der älteste ist ein verwachsener! Mensch. Der soll nach dem Willen des Vaters ledig bleiben, soll „unter die Wurst gehackt werden". Er heiratet aber doch, obendrein ein armes Mädchen. Darauf wird er enterbt, und es entspinnt sich ein Prozeß. Der jüngere Bruder kehrt abends von einem Gerichtsgang heim. Im Wald gesellt sich zu ihm ein baumlanger Kerl, der grasgrün angezogen ist und furchtbar uach Schwefel riecht. Kein Zweifel, es war der Gottseibeiuns. Uebcr den Prozeß ist er genau unterrichtet und spricht mit donnernder Stimme: „Sag deinem Vater, er soll jedem sein Teil geben." Der Bursch, am ganzen Leibe zitternd, rennt nach Haus und berichtet, was ihm begegnet ist. Der Familienrat tritt zusammen. Anderen Tages kommt zwischen den Parteien ein Vergleich zustande, und der Buckel wird zusriedeugestellt. „Wissen Sie, was mein Vater selig als gesprochen hat?" endet der Bauer. „Der Deubel bekehrt mehr Menschen als der Pürner.*) Und 's is auch so. Das kann man hier wieder sehen."
Am Fuß des Slhlertsberges schwenkt der Redselige ab. Ich erklimme die Höhe. Im Tann lärmen die Spechte. Eichhörnchen spielen auf moosigem Grund. Droben genieße ich noch einmal den Blick auf das liebliche Buchfinkenland: ringswaldgeschmückte Berge, tief drunten Matten und Felder im Lunten Farbenschmelz. Fern im Westen steht eine Wolkenwand, von der Sonne rmgs umgoldet. Plötzlich öffnet sich die dunkle Schicht, und eine Welle schillernden Purpurs bricht hervor. Dahinter aber, von rosigem Blau überwölbt, erscheint ein traumhaft schönes Gcfild wie das himmlische Land der Verheißung.
*) Pfarrer. _
Auf dem Schlachtfelds von Jena.
Jena, im OftoBtt..
Ein lebhaftes Treiben herrscht in diesen schönen Herbste tagen auf dem Schlachtfelde bei Jena. Tag für Tag kommen aus der näheren und weiteren Umgebung Lehrer mit ihren Schülern und ihren Schülerinnen gewandert; oben, am Napoleonstein — der übrigens kein Denkstein, sondern eine alte Grenzmarke darstellt — stellt sich der Lehrer auf, seine Schüler scharen sich um ihn nnd er hält ahnen Vorträg darüber, wie sich die Schlacht in ihren einzelnen Phasen entwickelt hat. Auch Erwachsene wandern in diesem Herbst zahlreicher als sonst zn der Höhe des Landgrafen^ berg es empor, nm dort oben die Stimmung der Gegend auf sich wirke« zu lasseu.
Diese Stimmung wirkt auf jedes empfängliche Gemüt so eindringlich, weil hier oben die Zeit weit langsamer fortgeschritten zu sein scheint, als drunten im Tale. Denn Jena ist ja das winzige Landstädtchen nicht mehr, das' es zn Napoleons Zeiten gewesen ist, es hat sich gedehnt und gestreckt, sein Kleid mit manchem modischen Zierrate geschmückt, und fühlt sich längst nicht mehr als weltferne Kleinstadt. Droben aber, auf der ausgedehnten Hochebene, auf der vor hundert Jahren die Schlacht tobte, hat fich nicht viel geändert, das Gelände ist fast genau so ge« bliebeu, wie es auf den Karten der Schlacht gezeichnet steht, nur eiu paar kleine Seen bei Vierzehnheiligen fehlen/ sie sind ausgetrocknet und als Aecker bebaut.
Hier oben am Napoleonstein hielt am Abend des 13. Oktober 1806 der Kaiserder Franzosen Umschau. Ringsum erblickte er blühende Dörfer, umgeben von ausgedehnten! Feldern und zahlreichen Waldungen, die im Herbst in den herrlichsten Farben leuchten. Die Landleute aber, die sonst in dieser Jahreszeit die Felder bevölkern, wären verschwunden, sie waren mit Weib und Kind vor dem heraus-- ziehenden Gewitter geflüchtet. Statt ihrer belebten die preußischen Heerlager die Szenerie.
Aber für den zauberhaften Reiz einer thüringischen Herbstlandschaft hatte Napoleon wohl schwerlich Sinn, fem Auge achtete auf andere Dinge und mit Freude bemerkte er, wie günstig dies Gelände für die Kampfesweise feiner. Truppen sein mußte. Zahlreiche Gründe, Täler und Schluchten durchziehen die Hochebene, überall boten Unebenheiten des welligen Bodens, Hecken und kleine Waldungen willkommene Deckung für die leichtbeweglichen fran-


