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®o war also Werner Jefferies von da an als Lord Romseys Privat-Sekretär bekannt, und er war vielleicht zu dieser Periode einer der glücklichsten Menschen der Welt. Ec stand früh (iiif, beeilte sich mit seiner Arbeit, öffnete nie eins seiner Bücher oder Zeitschriften, bevor er alles erledigt hatte, was der Earl verlangte, und hatte alsdann noch immer einige Stunden für sein eigenes Studium übrig. Nach fünf Uhr stand er Lady Nomsey zu Diensten. Er ging zusammen mit ihr und Balduin spazieren, dann kam das Diner und angenehme Abende im Gesellschaftszimmer. —- —
Eines Abends sprachen Lord und Lady Nonisey davon, die ihnen im vergangenen Jahre seitens der übrigen Gutsnachbarn erwiesene Gastfreundschaft wieder zu vergelten.
„Die nettsten Nachbarn, die wir haben", sagte die Gräfin, sich an Werner wendend, „sind die Waynes von Kenninghall. Kennen Sie vielleicht den Namen?"
Nein, er hatte ihn nie gehört.
„Sie sind ja ein solcher Verehrer der Schönheit in jeglicher Gestalt", fuhr sie lächelnd fort; „Sie werden von Lady Wayne entzückt sein. Sie ist, ohne Ausnahme, die lieblichste und anmutigste Frau, die ich je gesehen; nicht wahr, James?"
„Unzweifelhaft", stimmte der Earl zu; „sie ist nicht nur sehr lieblich und liebenswürdig, sondern auch von unwiderstehlich mit sich fortreißendem, sonnig heiterem Temperament."
„Wir müssen sie sofort bitten", sagte die Gräfin. „Lady Wayne war sehr teilnahmsvoll während deiner Krankheit, Balduin; sie schrieb mehrere male."
„Wie weit ist dies Kenninghall von hier?" fragte Werner.
„Ungefähr vier Stunden", erwiderte Lady Romsey. „Ich weiß nicht, James", wandte sie sich dann an ihren Gatten, „ob Miß West zurückgekehrt ist. Hast du vielleicht davon gehört?"
Balduin fragte dazwischen: „Wo ist Miß West denn gewesen, Mutter?"
Die Gräfin lachte. „Ich bin nicht die einzige törichte und besorgte Mutter auf der Welt. Lady Wayne entschied sich seiner Zeit nach vielem Beratschlagen und Ueberlegen dafür, ihre Tochter Elsie in ein sehr berühmtes Pariser Pensionat zu schicken; der Gedanke, Elsie allein gehen zu lassen, war ihr jedoch unerträglich. Miß West ist also so lange in Paris geblieben, daß sie über Elsie wachen konnte. Jetzt lachst du, Balduin. Erinnere dich, daß ich deinetwegen ebenso besorgt war."
„Elsie war früher bei unseren Kinderspielen gewöhnlich meine kleine Fran", sagte Lord St. Gilbert nachdenklich. „Es war ein liebes kleines Mädchen. Wenn sie so geblieben, möchte ich sie wohl im Ernst zu meiner Frau machen."
„Das können wir uns immer noch genug überlegen", lächelte die Gräfin. „Wir wollen es also als abgemacht betrachten, daß die Waynes nächste Woche bei uns speisen, falls sie nicht anderweitig engagiert sind."
Werner, der eine große Vorliebe für alles hatte was er anregende Worte nannte, wiederholte sich mehr als einmal: „Kenninghall, Kenninghall!"
Das Wort gefiel ihm; es hatte etwas Musikalisches, etwas Poetisches für ihn, und einmal sagte er auch leise vor sich hin: „Lady Wayne, von Kenninghall. Ich bin gespannt, wie sie wohl aussieht, da alle ihre Schönheit so sehr loben."
Er sollte bald selber sehen und urteilen. Die Einladung zum Diner wurde abgeschickt und fand Annahme. In späteren Jahren erinnerte er sich des Tages so sehr gut.
Es war nahezu Ende Juli, und die das Schloß umgebenden Gärten waren wie eine bunte, üppige, blühende Farbenpracht.
Es waren außerdem einige sonstige Gäste.gebeten worden, und vor Sonnenuntergang fuhr Wagen auf Wagen vor der Schloßrampe auf. „Die lieblichste Frau in England", wiederholte Werner träumerisch, als er dies Schauspiel von einem Bibliothekfenster aus beobachtete. „Ich bin gespannt, wie sie wohl ist!" Er war bisher überhaupt noch nicht sehr schönen Frauen begegnet, ausgenommen in Büchern, und war infolgedessen natürlicherweise einigermaßen gespannt darauf, nunmehr eine in Wirklichkeit zu sehen. (Forts, folgt.)
Im Wuchfinkettlsnd.^)
Von Alfred Bock.
Nachdruck verboten..
In der Stille des Abends brach ich von Marburg auf und wanderte lahnaufwärts. Hinter den Bergen stieg der zunehmende Mond empor und erhellte die Landschaft mit mildem Licht. An derselben Stelle hatte er gestanden, da vor mehr denn sechshundert Jahren Elisabeth von Thüringen in Marburg ihren traurigen Einzug hielt. Und er schaute herab, da der Hohen- staufe Friedrich II., von Scharen frommer Pilger umdrängt, die Gebeine der Heiligen zur letzten Ruhestätte trug. Und er schwebte vorüber, da ein jahrzehntelanger fürchterlicher Krieg Blut und Mord, Brand und Schande über die Stadt brachte, da die Hungersnot unter den Bürgern wütete imbjrie schreckliche Pest. Und er sah hernieder, da die Männer das Schwert in die Scheide steckten, und die Glocken den Frieden verkündigten. Von all dem war er Zeuge. Kein fühlloser Zeuge. Wer weiß denn etwas vom innersten Wesen des bleichen Trabanten? Etwa die Sternforscher, die ihn mit ihren Instrumenten zerlegen und messen? Mit Nichten. Wohl aber die Nachtwandler, die von einer dunklen, geheimnisvollen Macht getrieben, seinem Lichtschein folgen. Von ihnen stammt die Kunde: Einst am ersten Schöpfungstage war das Antlitz des Molches glatt und klar. Wie nun die Menschen die Erde bevölkerten, und die bösen an Zahl die guten überragten, grub sich Runzel um Runzel in das Gesicht des Mondes, und Myriaden Geschlechter ließen ihre Spur darauf zurück. Jahr für Jahr mehren sich die Furchen und Risse. Zuweilen, wenn sich die Erdgeborenen gar zu toll gebärden, hört man nächstens bei klarstem Himmel ein seltsames dumpfes Getöse. Und ahnt niemand, von wannen es kommt. Das ist der grollende Mond. Wer weiß, was all noch geschehen mag!
Glock elf erreichte ich K a l d e r n, wo, wie die Sage meldet, Sigurd den Fafnir erschlug. Vor der altehrwürdigen, vom Mondlicht umflossenen Kirche traf ich den Nachtwächter, der mir eine Herberge wies. Der Wirt, ein betagter Mann mit schlohweißem Haar, war ob der nächtlichen Störung zuerst ein bißchen brummig, dann besann er sich eines besseren und holte einen Trunk herbei. Während ich den trockenen Gaumen letzte, hörte ich einen landwirtschaftlichen Vortrag. In diesem Jahre ist dem Bauersmann ein reicher Ernte- fegen beschert. Kaum daß die Scheunen die Fülle bergest können. Trotzdem gibt es „Knotterer", die nicht zufrieden sind. Heutzutage nimmt die Dreschmaschine den Menschen die schwerste Arbeit ab. Früher war's anders. Da ging man zur Erntezeit um zehn Uhr zu Bett, war um zwölf wieder auf der Dreschtenne und zog um vier hinaus, das Grummet zu mähen.
„Sellemal", schloß der Alte, „hieß es sich krümmen und kratzen. Und taten einem alle Rippen weh. Und was gab's? Kartoffel und Brot. Alleweil sein ich fünfundsiebzig, und mein Sinn ruht uoch net. Etz guckeu Sie sich emal uns' junge Leut'- an. Das wird mit Fleisch gestoppt und hat kein' Saft und keine Kraft. Und läßt das Man! hängen. Ich hun auch so ent Staches. Ehnder ich mich vor dem auszieh', schmeiß ich meine Sach' in die Lahn. Da hör ich wenigstens den Plumps." t
Gegen Mitternacht führte mich der Wirt auf meine Stube. Ich sank in die unergründliche Tiefe eines Bauernbettes. Draußen hatte der Nachtwächter Posto gefaßt, blies zwölfmal auf seinem Horn und rief:
„Zwölf ist's! Nun scheidet sich die Zett, Richt' auf den Herrn dein Sinnen, Es kommt der Herr der Herrlichkeit Und führet dich von hinnen.
Tut auf das Herz, laßt ihn hineir.
Der Herr will euer Führer sein!" , ,
Der andere Morgen fand mich mitten int hessischen Hinte r l a n d oder, wie der Volksmund sagt, im „Buchfinkenland". Das ist kein Spottname, wie man leichthin glauben könnte, vielmehr rührt die Bezeichnung daher, daß hier Tausende von Buchfinken überwintertt, die im Frühling, wenn dje Liebe ihre Brust schwellt, ihren melodischen Gesang ertönen lassen.
Mein Blick schweift hinauf zu den schön geschwungenest Linien der waldbedeckten Höhen und ruht auf grünen Mattest aus. ließet der Sackpseife, dem höchsten Gipfel des Hinterlandes,- schwebt eine weiße Wolke wie eine Botin aus Himmelshöhen. An solch herrlichem Tag empfindet man die Natur wie eine wundervolle Symphonie, darin Millionen Stimmen zu einem, gewaltigen Hymnus zusammenklingen^ ,
Ehe ich in der freundlichen Kreisstadt Biedenkopf Mtt- tagsrast hielt, erstieg ich die wohlerhaltene Burg, auf der einst der „eiserne Heinrich" saß. Der geht jetzt noch um, und tm: Biedenkopfer Buben, die an der Bstrgmauer spielen, rufen: „Laaft, der eiserne Heinrich kimmt!" ,, , f;
Vor der Burg sind zwei Männer ani Werk, emen schöst gewachsenen Lindenbaum zu fällen. Ein gut geHetbeter Herr steht dabei. Er gibt sich mir als der Kaminfegermeister von Biedenkopf zu erkenneu. Da er, wie er sich- ausdruckte, früher pyrotechnisch tätig gewesen ist, Hat man ihm dte Beleuchtung de« Burg übertragen, die bei Gelegenheit eines landwtrtschaftltchest
*) Zuerst erschienen im „Berl. Tagebl."


