Worrtag den 15. HKLoöer
1906
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Im Wanne des Geheimnisses.
Roman von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verboten., (Fortsetzung.)
15. Kapitel.
Auf dem Lande.
Es mar unmöglich für Werner, sich nicht glücklich und wie zu Hause zu fühlen. Lord und Lady Nomsey hätten nicht freundlicher, nicht liebevoller und gütiger gegen ihn sein können, wenn er ihr eigener Sohn gewesen wäre.
Downham war prachtvoll; seit vielen Generationen war es der Hauptsitz der Nomseys gewesen; alle Familien-Denk- würdigkeitcn, die Familien-Gcmälde, der Familienschmuck, wurden hier aufbewahrt. Die RomseyZ auf Downham waren eine der ältesten Familien der Grafschaft. Allgemein sah man zu ihnen auf, achtete und liebte sie.
Das Schloß selbst war ein schönes Gebäude, eine glückliche Vereinigung altertümlicher Größe und moderner Pracht. Werner hatte nie zuvor etwas Aehnliches gesehen; er war anfangs fast geblendet von dem hier auf Schritt und Tritt herrschenden Luxus.
Und doch — vielleicht ein wenig zu Lady Romseys Erstaunen — schien er alsbald unter allem ganz wie zu Hause. Rach wenigen Stunden nahm er alles, als ob er sein ganzes Leben daran gewöhnt gewesen.
„Du sagtest mir, er sei der Sohn eines Bahnwärters," sagte Lady Romscy zu ihrem Gatten. „Hast du ihn wieder beobachtet? Bitte, benimmt er sich nicht, als ob er für den Purpur geboren sei?"
„Allerdings,, et sicht etwas Derartigem sehr ähnlich, das muß ich gestehen," erwiderte der Earl.
Und beide wunderten sich — jedenfalls viel mehr, als sie es getan hätten, wäre ihnen die Wahrheit bekannt gewesen.
Die ersten paar Tage verflossen angenehm genug. Lord St. Gilbert erholte sich rapide; die Lust der Heimat erwies sich wirksamer als alle ärztliche Kunst; und als die größte Besorgnis für ihn endlich vorüber, hatte Werner Zeit, an sein neues Leben zu denken und sich dessen zu freuen. Wie herrlich cs hicr doch war; wohin fein Blick nur fiel, ruhte er auf einer Schönheit, entweder der Natur oder der Kunst. Ach, wie so ganz anders war doch dies Leben gegen das, was er bisher geführt! Alles, was Reichtum nur erlaufen, Luxus nur ersinnen konnte, war hier — alles Schöne schien aus allen Weltteilen gesammelt und hier in harmonischer Vereinigung vertreten zu fein. Wie schön war es doch, die wohltuende vornehme Ruhe, der feine Duft, die Harmonie in
allem und jedem, die in diesen prächtigen Gemächern zu herrschen schienen!
Das Zimmer, das ihm am besten gefiel, war die großartige alte Bibliothek, ein langer, großer Raum, der auf den Park mit seinen stattlichen Bäumen ging. Von den tief» nischigcn Fenstern aus sah man in lange Alleen von Wald- bäumcn hinein. Die Wände waren mit reicher, altertümlicher Eichenschnitzerei getäfelt, ein weicher, dicker, Carmoisin« Teppich bedcekte den Boden bis in die fernsten Winkel. Für ihn jedoch war der Hauptreiz der Inhalt: die Bücher. Alle gebildeten Nationen in allen Epochen des Geisteslebens waren vertreten, alte, seltene Drucke und moderne und modernste Literatur in Hülle und Fülle. An jeden: der großen Bogenfenster war eine tiefe Nische, darin ein Tischchen und ein bequemer Stuhl, so daß man bei der Lektüre oder beim Studium den Blick zuweilen an der lieblichen Natur draußen erquicken konnte. , , -
Hier ivars, wo Werner mit Entzüeken seine Zeit verbrachte. Er fand dort Bücher, von denen er gelesen, und die selbst zu lesen er sich immer gesehnt. Früh am Morgen, wo jeder andere noch schlief, war der junge Student hier tätig und fleißig, und hier in der Bibliothek von Downham wars, wo er jenes Gedicht „Der Engel Liebe" begann, das später seinen Namen weit und breit im Lande berühmt machte.
Werner bat nach kurzem den Earl, ihm irgend eine geregelte feste Tätigkeit oder Beschäftigung zu geben. „ „Ich bin an derartige beständige Tätigkeit auf der Universität gewöhnt gewesen," sagte er, „und ich würde mich soviel glücklicher fühlen, wenn ich etwas Regelmäßiges zu tun hätte."
„Vornehmes Nichtstun paßt Ihnen also nicht," lächelte der Earl. „Gut, — ich kann Ihnen eine Beschäftigung an- bicten, von der ich glaube, daß sie Ihnen gefallen wird. . Ich habe seit einiger Zeit schon den Wunsch gehegt, einen Privat- sckretär zu haben. Ich werde alt und bequem und brauche jemanden, die sämtlichen, au mich persönlich einlanfenden Briefe zu beantworten, meine Rechnungen durchzusehen, Auszüge für mich zu machen, und ivas dergleichen mehr ist. Würde Ihnen eine solche Stellung in meinem Hanse zusagen?"
„Mehr denn jede andere", versetzte Werner freudig. „Sie machen mich sehr glücklich, Lord Romscy."
„Nun gut, Sie können gleich anfangen. Die Vergütung beträgt zweihundert Pfund pro Jahr; und von Ihrer Zeit werde ich vielleicht fünf Stunden pro Tag beanspruchen."
„Er wird sich tausendmal glücklicher und zufriedener fühlen", sagte der edelsinnige Schloßherr seiner Gemahlin heimlich, „als es jetzt der Fall ist. Er ist von hochgemuter, feinfühliger Art und will uns nicht für Gmistbezeugungen verpflichtet fein, ohne etwas dafür zu leisten."


