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Anführung des Generals Le Fevre (Lefebre) und Gresnis zu Wenings ankommen. (W. liegt eine Stunde von Gedern; war Birsteinisches Städtchen.) Mle nahe gelegenen Oerter mußten sür die Armee so viel als möglich liefern. Wenings wurde eine Stunde geplündert, die Felder verwüstet, und die Leute mißhandelt. Nehmliches Schicksal hatte Merkens ritz (% St. von Gedern talabwärts'» .und Steinberg, (aus einer Anhöhe nahe bei M.). Gedern erwartete nichts besseres, als aber auf einmal abends den 6 ten das Hauptquartier hierher verlegt wurde, das dann den Leuten wieder einigen Trost versprach. Am 7 ten brachen sie hier sehr frühe wieder auf und marschierten auf die Hütte (gemeint ist der Ort Glashütten zwischen Gedern und Nidda). Viele Leute von hier mußten der Armee das Brot nachtragen, weil sie jedermann das Vieh nahmen. Bei dieser Gelegenheit hatte hier ein junger Manu von 32 Jahren, Jakob Diehl, das traurige Loos, gerade auf die Hütte zu kommen, als sie im Begriff waren, sie in Brand zu stecken, wegen einem toten Soldaten, den sie in einer Scheuer sanden und nicht anders vermutheten, als durch einen Bauer totgeschlagen zu sein, von einem Soldaten totgeschossen zu werden. Drei Häuser und drei Nebengebäude wurden ein Raub der Flammen. L i ß b c r g wurde bis auf 15 Häuser nicdergebrannt, weil sie sich gegen einige französische Patrouillen gewehrt hatten, mehr als 20 Leute tot­geschossen und ebenso viele verwundet."

Lißberg wurde besonders hart mitgenommen, weil es sich zunächst geweigert hatte, eine Einquartierung von 400 Reitern aufzunehmen. Die Quartiermacher, 9 Mann, ließ man nicht in die Stadt. Bald darauf, am Wend des 7. September, kehrten sie mit Verstärkung von Ortenberg zurück und ver­suchten den Zugang zu erzwingen, wurden aber von den Bewoh­nern geworfen und eine Strecke weit verfolgt. Am folgenden Morgen zwischen 9 und 10 Uhr kam die Rache, 600 Mann Fuß­volk und Reiter. Der Pfarrer Koch bat um Gnade für seine Gemeinde; er wurde nicht angehört und erschossen. Nun begann das Werk der Zerstörung, wie es der Gederner Chronist in kurzen Angaben schildert.

Ein Wort noch zum Verstäudnis des großen historischen Zusammenhangs, in den die ortsgeschichtlichen Begeben­heiten sollen: Die Oesterreicher hatten unter Wartensleben die Franzosen unter Jourdan am 3. September bei Würzburg ent­scheidend geschlagen. 6000 Mann waren geblieben, tot oder verwundet; 2000 wurden gefangen genommen. , Der Rückzug durch die Rhön und den Spessart glich bald einer regellosen Flucht. Nach dem Uebcrgang über die Kinzig bei Schlüchtern zog eilt Teil des geschlagenen Heeres in der Richtung Frankfurt a. M., ein anderer über Birstein-Gedern-Nidda nach Gießen und von da nach dem Rhein. Auch in der Gegend von Gießen und Wetzlar kam es zu Gesechten zwischen den Fliehenden und den nachdrängen­den Oestreichern.

Warm und weich lag der Spätsommerabend über dem Tal der Nidder, als ich gestern die Landstraße von Ortenberg nach Gedern kam. Der Herbst ist die schönste Zeit für den Vogels­berg. Gerade ging der Mond auf und sein sanftes Licht um­floß die Schloßruine Lißbergs. Vor 110 Jahren! Und es war, als ob die Steine des Gemäuers' noch trauerten ob der Dinge, die sie gesehen hatten in den Schreckenstagen des 7. und 8. S e p t e m b e r. F. G.

Aus einem anarchische» JdcalstaaL.^)

Unter diesem Titel ist jetzt eine Broschüre erschienen, die dem Freunde politischer Satyre manche amüsante Anregung geben wird. Der Verfasser, Professor Dr. W. Schaefer von der Tech­nischen Hochschule zu Hannover, behandelt in seiner Schrift ein Thema, das eigentlich zu allen Zeiten aktuell war: Die Schlech­tigkeit der Welt, und wie ihr nach den ausgeklügelten Systemen erleuchteter Geister abgehstsen werden soll. Er kommt allerdings zu einem negativen Resultat. Tout comme chez nous, das ist das Ergebnis, das er von seinem phantastischen Spaziergang durch den anarchischen Jdealstnat, der dort unten irgendwo in der Südsee liegt, zurückbringt. . Dort ist ein kommunistischer Staat ausgebaut auf Prinzipien, die eine Blütenlese aus den Ideen der Weltverbesserer von Plato und Thvinas Morus bis auf Bebel und Hertzka darstellen. In die ersten sehr angenehmen Ein­drücke des Ankömmlings bringt gleich ein offener Gegensatz zwischen der allgemeinen Gleichheit und individueller Meinung und seine Schlichtung durch einen Appell an die rohe Gewalt einen schrillen Mißklang. Ueberhaupt wird in Anarchie bei all den kleinen Fragen und Meinungsverschiedenheiten des täg­lichen Lebens kurzerhand zu dem natürlichsten und nächstliegenden Ueberzeugungsmittel gegriffen, über dessen Natur der Stein- Hauer Stentor den lapidaren Satz prägt:Unsere kräftigen Fäuste geben uns ein intellektuelles und moralisches Uebergewicht." Geld gibt es dort unten nicht, aber an seine Stelle tritt die allgemeine Wertschätzung derArbeitszeitguthaben", die die Frauen als praktischen Ausweis über ihre Vermögensverhältnisse statt des goldenen Schmuckes um den Hals tragen, die Strahenbahn-

*) Aus einem anarchischen Idealstaat. Er­innerungen eines Globetrotters von W. Schaefer. Verlag und Druck der Göhmannschen Buchdruckerei, Hannover. Preis 60 Pf.

schaffner mit verbindlichem Respekt als Trinkgeld in die Tasche stecken, die Beamten als freiwillige Anerkennung der von ihnen zu leistenden Dienste von dem gemeinen Mann beanspruchen, und je mehr, desto lieber. Wich in Anarchopolis ist keine Festung so steil, daß nicht der beladene Esel des Jugurtha zu ihr den Weg fände, wenn auch seine kostbare Last die Wandlung von Gold­barren in Papierbons durchgemacht hat. Die Wahlen kosten auch in Anarchopolis Geld, viel Geld, oder vielmehr in Ermangel­ung von Geld vielArbeitszeitguthaben". Ebenso wie überall in der Welt, so sind auch im Gleichheitsstaat Auarchia schließlich noch Gegensätze vorhanden. Stadt und Land glauben auch dort, sich gegenüber stehen zu müssen, wie ja überhaupt das Wesen der Gleichheit nach einem Wort des weisen anarchischen Land­wirtes Agrieolus darin besteht, daß jedermann glauben darf, mehr zu fein, als der andere." Stellen nun in Auarchia die Landwirte bei den Städtern den Antrag, das große Segeltuch, das, wie bei Bellamh, bezeichnenderweise in dem anarchischen Jdealstaat Horizont und Himmelsdach bespannt, für einige Zeit aufzurollen, um Sonnenschein und Regen hineinzulassen, so er­hebt sich ein tolles Wutgeschrei gegen dienotleidenden Agrarier". Ganz wie bei uns. Aber schließlich bekommt das Zeltdach einige Löcher, was geradezu ein nationales Unglück bedeutet. Es ver­steht nämlich niemand mehr so recht mit dem Luftballon um- zugehen, daß er zur Wsslickung des durchlöcherten Segeldaches eine Expedition unternehmen könnte. Denn entgegen der Prophezei­ung Bebels, daß die künftige Gesellschaft Gelehrte und Künstler in unzähliger Menge besitzen werde, sobald erst einmal der Gegen­satz zwischen Kopfarbeit 'und Handarbeit aufgehoben ist, ist ernstes Studium in Auarchia ein steiniger Acker geworden und allgemeiner Gehirnschwund eingetreten. Schließlich verläßt der Fremdling das glückliche Eiland kurz vor dem Staatsbankerott, der eintritt, da die Franzosen bei einer Champagner-Bestellung der Regierung in Gold und Silber bezahlt sein wollen und die Arbeitszeitguthaben im Auslände nichts gelten. Das' ist das Ende von Auarchia: durch die symbolischeu Löcher des Zeltdaches scheint die Sonne und regnet die Wahrheit hindurch.

Noch manche andere schreiende Widersinnigkeit schildert der Verfasser in seiner Persiflage des Zukunftsstaates: Die Terro­risierung der Straße durch die goldenen Rüpeleien der unge­zogenen Jugend, die bis zur Karikatur durchgeführte Emanzt- pation der Frau, die hohle Phrase, die Politik und öffentliche Meinung darstellt usw. Im humoristischen Bilde enthüllt das Büchlein, ohne den Leser mit grauen Theorien zn langweilen, die ganze Unmöglichkeit jener utopistischen Träumereien, bte in doktrinärer Verachtung der grundlegenden Unterschiede der Menschennatur und ihrer individuellen Berechtigung sich ein Schema zurechtschneidern, das kaum den ersten Anprall der rv- bnsien Wirklichkeit 'anshalten kann.

VersnZfchLes.

* Die Verteilung von Wasser und Land in den verschiedenen Zeitaltern der Erde ist für die Ge­schichte der Tierwelt und der speziell dem Menschen btenenben Säugetiere von jeher von größter Bebeutung gewesen. Unb um­gekehrt hat bie Auffindung von Tierüberresten in bett verschiedenen Erdschichten der Wissenschaft das wichtigste Material an bte Hanb gegeben, um sich ein Bild von der früheren Gestaltung der Erdoberfläche zu machen. _ Eine solche vergleichende Darstell­ung der Verteilung von Wasser und Land auf dem Gebiete des heutigen Europa in verschiedenen Erdperioden bringt in einem neuen, eigenartigen System der Darstellung die 2. Lieferung des illustrierten populär-wissenschaftlichen PrachtwerkesDer Mensch und d i e E r d e" (Preis pro Lieferung 60 Pf.h das Hans Kraemer int Deutschen Verlagshause Bong u. Co., Berlin W. 57, herausgibt. Auch diese zweite Lieferung bestätigt den glänzenden Eindruck, den die kürzlich erschienene erste hervornef. Außer der obengenannten Darstellung enthält sie wieder zahl­reiche fesselnde Illustrationen, die in vollendeter Weise beit be- lehrenben Inhalt mit malerischer Wirkung vereinen; so eine wundervolle Golbrelief-Prägung, welche die berühmten Goldbecher des Baphio-Fimdes wiedergibt, die mit ihren originellen «tier- darstellungen ans der ältesten (mykenischen) Kunstperiode Grie­chenlands stammen. Die farbenprächtige Reproduktion eines Aqua­rells von C. Kappstein schildert die Verwendung von Elefanten zur Tigerjagd in Nordindien. Mehr noch als die erste Lieferung läßt diese zweite eilt Urteil über die textliche Behandlung des Darstellungsstoffes zu. Julius Hart, der feinsinnige Kritiker und glänzende Stilist, setzt seine Abhandlung überTierkultus und Tierfabel" fort, aber er reiht nicht nur einfach Kuriosa an­einander, sondern er entrollt an der Hand der moberucn wlffeu- schastlichen Forschung vor uns ein umfassendes Bild der Welt- anschauimg bei den Naturvölkern, das sür beit iitobenteu Leser um so fesselnder ist, als es bie scheinbar verloren gegangenen Zusammen hänge mit bei heutigen geläuterten Weltaulchauung wiederherstellt und so jedem Denkendeit eine Fülle von Anregung bietet.

* ©er französi s ch e Raucher als Steuerzahler. Kann man sich einen großartigeren Steuerzahler vorstellen als den sranzösischeit Raucher? fragt ent Pariser Blatt. Es schemt, daß bie Regie, im heimlichen Einverstänbnis mit berLiga gegen