Ausgabe 
15.9.1906
 
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gefallen, und du sollst sehen, du wirst eS später selbst ver­gessen und mir danken, daß ich dir so geraten."

Evelyn erhob die Augen zu dem ernsten Gesichte ihrer Schwester.Marian," fragte sie leise,meinst du nicht, es wäre besser und klüger für mich, seht alles alle Folgen auf einmal auf mich zu nehmen?"

Nein, und tausendmal nein!" war die hastige Antwort.

Angenommen, wir verbergen es jetzt," flüsterte die leise Stimme weiter,und dann in der Zukunft, von der du so viel erwartest, wird es bekannt o, Marian, was dann?"

Es kann nichts ans Licht kommen; ich habe jegliche Vorsichtsmaßregeln angewandt, Eve; glaube mir, es wird niemals bekannt werden."

Natürlich," murmelte Evelyn wie für sich,wenn mein armer Kleiner lebte, so würde ich gar keinen Versuch machen, meine Heirat geheim zu halten. Wozu and) ? Hätte ich ihn ja doch zum Tröste bei mir gehabt, imb hätte die ganze Welt mich auch verlassen. Ach! ich hätte für ihn gearbeitet und gelebt; was wären mir Zukunft und Ehren geivesen; jetzt, wo er tot ist, ist es aber einerlei!"

Die Worte erstarken in kaum hörbarem Geflüster, und das goldene Haupt senkte sich tief.

Wurde Marian West blaß, als diese gemurmelten Worte ihr Ohr erreichten? Zitterte die Hand, die auf der Fenster­brüstung lag? Dachte sie an einen geheimnisvollen nächt­lichen Besuch in der Nipleystraße und eine lange, flüsternde Unterredung bei verschlossenen Türen? Wie dem auch sein mochte, jedenfalls beherrschte sie sich vollständig. Ihre Stimme klang noch fester, sogar etwas ungeduldig, als sie Evelyns Gedanken wieder aufnahm.

Und jetzt, wo er tot ist, braucht natürlich kein Wort mehr darüber verloren zu werden."

Und in den Tiefen ihres Herzens beglückwünschte die Stolze sich, daß sie so gehandelt, wie sie gehandelt, dankte dem Himmel, daß Evelyn nichts von der Wahrheit wisse,- wären doch andernfalls ihre ganzen Pläne durchkreuzt wordeu.

Ich kann also versichert sein, Eve, daß du bald wieder dein einstiges, munteres, strahlendes Selbst bist, daß du dein Bestes tun wirst, meine Bemühungen um deine Zu­kunft zu unterstützen, und endlich, daß, wenn wir diesen schrecklichen Ort einmal verlassen haben, nichts davon je wieder zwischen uns erwähnt wird die Vergangenheit soll ein weißes Blatt, ein versiegeltes Buch fein."

Und wieder blickte Evelyn die Schwester zivcifelnd an. Kann die Erde ein Geheimnis verbergen, Marian? Ich dachte mir, sogar die Bäume würdens rauschen, die Vögel es fingen, die Wellen es murmeln und der Wind es seufzen und stöhnen. Schwester, ist je ein Geheimnis bewahrt ge­blieben? Menschen haben Mordtaten bei Nacht und Dunkel verübt ungesehen und unbelauscht, so wähnten sie; und nach langen Jahren, als sie sich längst in Sicherheit gewiegt, stand -ihr Geheimnis mit feurigen Buchstaben auf der Erde uud am Firmamente geschrieben."

Marian lächelte schwach.

Nicht immer; die Erde beivahrt ihre Geheimnisse Geheimnisse, die nie entdeckt werden."

Ich habe auch von Frauen gelesen, die auf Falschheit, Unwahrheit und Schuld ein stolzes Gebäude errichtet einen ehrenvollen Namen angenommen hohe Stellungen be­kleidet und gelächelt haben bei bem Gedanken, wie sicher ihr Geheimnis. Auf einmal brach der stolze Bau zusammen, und die Welt hat gehohnlächelt bei der Erinnerung daran, wie man solche Leute nur je für gut und wahr und ehrenhaft habe halten können. Solch ein Schicksal könnte auch mir be- fchieden fein, Marian".

Niemals", versetzte die ältere Schwester zuversichtlich; Dein Geheimnis ist ja so wenigen bekannt. Ich könnte mein Leben für Dr. Nurkes Schweigen verbürgen; was mich betrifft, so brauche ich wohl nichts zu versichern; Mrs. Ford geht nach Amerika; wer also könnte Dich verraten, selbst wenn diese es wollten?"

Ich weiß es nicht. Selbst das Rauschen der Blätter rmh das Flüstern des Windes wird mich erschrecken. In

jedem Fremden, dem ich begegne, werde ich einen verkappten Spion erblicken."

Das sind nervöse Stimmungen", versetzte Marian un­geduldig,die vorübergehen werden, sobald du erst wieder kräftiger bist. Und nun noch einmal: Ich werde auf diesen Gegenstand jetzt freiwillig nie mehr zurückkommen, nachdem wir uns heute morgen darüber ausgesprochen haben; aber ich werde dich auf dein Wort dazu verpflichtet ansehen, Eve, wieder strahlend gesund und schön zu werden, nm mir in allem, was ich für dein Wohlergehen tue, getreulich bei» zustehen".

Die schönen Lippen murmelten eine leise Zustimmung; die schönen Augen schiveifteu nachdenklich über die blühende Welt da draußen, und keiner der beiden Schwestern kam eine Ahnung von der Zukunft, worin das Geheimnis, das sie so sicher zu verbergen wähnten, sich aus dem Dunkel der Ver­gangenheit erheben, ihnen gegenüber treten und den stolzen Bau zerschmettern würde, den der Hochmut der einen und die Schönheit der andern errichtet.

(Fortsetzung folgt.)

Ans den Schrecksustngen des Niddertnlcs

vor 110 Jahre«.

Etwas aus diese» Tage» des Septembers 1796 weiß in Oberhessen wohl jedes Schulkind zu erzählen, die schone Geschichte zu dem Gesaugbuchsvers:

Breit ait§ die Flügel beide,

O Jesu, meine Freude, Und nimm dein Küchlein ein! Will Satan mich verschlingen. So laß die Englern fingen: Dies Kind soll miverletzet sein."

Sie steht in denErzählungen aus dem Hessenland von O. Glaubrecht das ist der Schriitstellername iur L. Rudost Oeser, der um die Mitte verflossenen Jahrhunderts Ptarrer in Liudheini a. d. Nidder war. Bon da ist sie in andere Geflhichten- sammlungen uiid zahlreiche Schullejebücher übergegaugen: Dao hessische Städtchen Lißberg es zählt heute noch keine 400 Ein­wohner wurde in der Franzosenzert schwer hemigesncht, ge­plündert und zum Teil zerstört. In emem sspauscyen, abseits gelegen, wohnte eine Mutter mit ihrem kraiiken Kmd. Der Tu­mult kommt näher; ein Franzose schlägt die Hausture em und stürzt mit dem Bajonette in die Stube, ^zn ihrer gingst wirft sich die Mutter über ihr Kind und betet den Vers:Breit aus die Flügel beide". Den wilden Kriegsmann überwältigt der Anblick. Stumnl reicht er der Frau die Hand uud verlaP das Haus. Draußen tobt das wilde Treiben werter, aber Teut yeutb betritt mehr das Häuschen. Als die Frau endlich wagt, aus dem Feilster zu sehen, findet sie die Erklärung. Bor der Hausture steht der Franzose Posten. Er hatte jeden Eindringling abgewehrt

Aus welcher Quelle Glaubrecht geschöpft hat, laßt sich mcht feststelleu. Wahrscheinlich, daß er Geschehenes^ durch eigene dich­terische Zutat zu einer fertigen Erzählung aogerundet hat. >zn Lißberg selbst findet sich heute keine lebende Ueberliewrnng der Geschichte in dieser Darstellung. Eine ähnliche ist wohl be­kannt: Franzosen drangen in eine Mühle em, töteten den Besitzer und mißhandelten den Schwiegersohn. Als sie auch m die Küche eindrangen, wohin sich die Frau mit ihren drei Kindern geflüchtet hatte, warf sich diese auf die Kiiiee und betete. Die Plünderer rührten sie nicht an. Bon der «childwache vor dem Hause weiß diese Tradition nichts. Daß es an solchen Bei­spielen des Großmutes und Mitleides nicht fehlte, beweist eine Notiz in dein Kirchenbuch der Pfarrei Schwickartshausen eine halbe Stunde voii Lißberg, Verrührend von dem dortigen Pfarrer Rullmann, der den bei der Verheerung erscyossenen Lißberger Pfarrer Koch begrub.So groß aucy das Unglück ist, so kann man doch Gott nicht genug danken, daß er die Herzen einiger edler Soldaten erweichte, welche nicht allem über tue Menschen absichtlich wegschossen, sondern auch ihre Kameraden möglichst abhiclten und ben unglücklichen Bewohnern zurre,en, sie follteu in den Wald laufen." ,

Jetzt sind es gerade 110 Jahre, daß die Ereignisse, bie m der Erzählung sich spiegeln, sich vollzogen. In der Gederner Pfarrchronik findet sich darüber aus dem Jahre 1796 nach­stehender Eintrag:Im Anfang des Septembers wurde unsere Gegend hier durch den uuglücklichen Rückzug der Franzosen sehr hart mitgenommen. Gedern blieb allein von so vielen Orten verschont. Weil schon einige Zeit vorher der Lärm erschollen war, die ganze Armee sehe zersprengt, ein jeder rette sich, so gut er könne, verwüsten aber alle Gegend, durch die sie kamen. Es beschloß also alles sich in Gegenwehr zu setzen und sich so viel möglich zu vertheidigen. Die Sturmglocke wurde als das Signal der Ankunft des Feindes gegeßen, daß ein Ort dem an­deren zu Hülfe komme. Jedes Ort war voller Erwartung bis endlich am 5. September die Armee 26 000 Mann stark unter