Ausgabe 
15.9.1906
 
Einzelbild herunterladen

Samstag den 15. Skpiemver

196 j

u

je!

;uiyiwi

11

I

I

I UW

WWMMLW '»! 7/sJ»däfc

ni

» V

«W

Im Banne des Heyemmisses.

Roman von H. v. Raesfeld.

Nachdruck Verbote».

(Fortsehung.)

Nicht solche Worte, Liebling. Vertrete ich doch Mutier- stelle bei dir. Und höre weiter: Dafür aber, daß ich mich dieses Rechtes, alles zu erfahren, begebe, verlange ich etwas anderes von dir. Sieh", fuhr Marian fort,Du bist noch so jung, bist sehr schön ach, ich hatte manche stolzen Pläne für Deine Zukunft gesponnen I Ich bin ehrgeizig ge­wesen, deinetwegen; ich habe mir gesagt, deine Schönheit, deine Geistes- und Hcrzcnsgaben würden dir eine glänzende Zukunft, eine hohe Stellung gewinnen und mit diesem Ziel im Auge habe ich nichts für dich gespart, Eve; all mein Sinnen und Trachten war stets darauf gerichtet; all meine Handlungen betrachtete ich unter diesem Gesichtspunkte; ich habe für dich gelebt, wie ich wohl sagen darf."

Und nun sind alle deine Hoffnungen vernichtet!" seufzte Evelyn, und verbarg das schöne Gesicht in den feinen weißen Händen.

Nein, nicht das; das hängt ganz von dir ab. Du scheinst zu glauben, die ganze Welt müsse nun notwendig die Geschichte deiner unglücklichen Liebe erfahren, man werde dich überall in der Gesellschaft bedauern, mitleidig oder auch wohl mit verdecktem Hohn und Spott, mit unziemlicher Neugier empfangen. Aber dem ist Gott sei Dank nicht so. Wäre dies in London vorgekommcn, so hätte unsere gesamte Uin- gebung, die ganze Dienerschaft, es notwendigerweise erfahren; wäre es dort, wo du zu Besuch gewesen, vorgekommen, so hätte cs ebenfalls nicht verborgen bleiben können. Doch jetzt, glaube ich, kann alles tiefstes Geheimnis bleiben."

Etwas wie ein Schimmer von Trost glitt über Evelyns schöne Züge.

Alles hat sich hier in einer fremden Stadt abgespielt, wo kein menschliches Wesen uns kennt: niemand als der gute Doktor Rurke hat auch nur die geringste Notiz von uns ge­nommen; und daß er schweigen wird, kann ich dir verbürgen. Den Leuten hier auf dem Mühlenhofe gilst du als die Patientin Dr. Nurkes, als Frau Folksworth, deren Mann im Auslande auf Reisen weilt und die sich Nervosität und Krankheit halber in diese Ruhe und ländliche Einsamkeit zurück­gezogen hat; eS gibt nichts, was diese Frau Folksworth mit Evelyn West, der gefeierten und bekannten Londoner Schön­heit, in Verbindung bringen könnte. Ich sehe schlechterdings somit nicht ein, wie deine unglückliche Heirat jemals bekannt werden sollte."

Dank dir und deinen vielen Bemühungen," versetzte Eyelyn leise, '

Marian wehrte ab.Die Hauptsache ist, daß du deinen Teil dazu beiträgst, Eve; das ist es, was ich von dir ver­lange und zwar in erster Linie deinethalben! Verlautet irgend etwas davon, erhebt sich irgend ein, wenn auch noch so schwacher Argwohn in dieser Beziehung, so bist du gesell­schaftlich umnöglich, tot. Bedenke das, und bedenke ferner, was die Welt, die Menschen, die Gesellschaft unserer Kreise, immer bereit, das Schlimmste anzunehmen, vorschnell, hart und lieblos zu urteilen, dir Nachreden werden. Und wenn man dir günstigstenfalls auch vergeben, dich bemitleiden, ja, entschuldigen und sagen mag, daß du so jung, so unerfahren, so ahnungslos über die Bedeutung und Tragweite eines solchen wichtigen Schrittes gewesen, glaube mir, Liebling, etwas bleibt immer hängen, und soviel ist sicher, den Platz, den du verlierst, wirst du nie, nie wieder gewinnen."

Ich weiß es," sagte Evelyn leise,ich begreife."

Siehst du," fuhr Marian eindringlich fort,du siehst die Richtigkeit meiner Worte ein. Aber damit ist es nicht genug, du mußt auch darnach handeln. Und zu dem Ende ist es notwendig, daß du alles, was jetzt vorgefallen, als dein tiefstes Geheimnis bewahrst und auch der Welt, der Gesellschaft, allen unfern Freunden und Bekannten gegenüber so auftrittst, als ob gar nichts, nicht das Allergeringste vor- gcfallen sei. Also jetzt vor allen Dingen kein Kümmern und Seufzen, keine trüben Stimmungen, kein Brüten mehr über etwas, was nicht ungeschehen gemacht werden kann. Du hast jetzt eine Verpflichtung gegen mich und mußt sie abtragen dadurch, daß du dein Bestes tust, diese ganze unglückselige Vergangen­heit in deiner Erinnerung auszutilgcn, wieder fröhlich und munter zu sein wie früher, als ob nichts vorgefallen. Willst du das versuchen, Evelyn?"

Das schöne Gesicht mit den tiefen dunkelblauen Augen erhob sieh schüchtern zu dem ihrigen.

Ich habe hieran nicht einmal gedacht, Marian; ach, ich glaubte, ich würde sterben. Das war mein einziger Ge­danke, meine einzige Hoffnung. Ich glaubte, ich hätte den Tag, wo du es erfuhrest, nicht überlebt!"

Ich kann mir das alles vorstcllen, aber das ist ja jetzr alles vorüber. Niemand weiß auch nur das Geringste; haben wir dies Abbotsville erst einmal verlassen, so werden wir nie zurückkehren. Doktor Rurke wird nie darüber sprechen; diese Frau hier, bei der wir wohnen, diese Mrs. Ford weiß nichts von uns, als was der Arzt ihr gesagt; außerdem geht sie bald nach Amerika zu ihrem Sohne und bleibt da; das Haris und alles wird verkauft. Könnte alles günstiger sein? Bewahre also dein Geheimnis, Eve, deinetwillen und der Ehre und des Namens unserer Familien willen; folge meinem Plane, aebe beim mit mir, begegne allen, als ob nichts vor*