Ausgabe 
15.8.1906
 
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Schlußstein in der in Dahlem bei Berlin errichtetenBw- loaischen Abteilung für Land- und Forstwissenschaft am Kaiserlichen Reichsgesundheitsamt zu Berlin" gefunden, dessen kostenfrei gegebene Auskünfte leider noch immer mcht im wünschenswerten Umfange benutzt werden.

Unter den zahlreichen anderen Wegen, die zur Er­höhung der Ernteerträge führen sollen, ist seit neuester Zeit die sogen.Elektrokultur" häufig genannt worden. Die Elektrizität ist ja heute sozusagen das vielgepriesene Mädchen für alles" und ist in der Tat geeignet, das Pflanzenwachstum zu befördern. Gleichwohl darf man sich von ihr eine Umwälzung in der Landwirtschaft Nicht ver­sprechen. In besonderen Fällen, wo es sich um die Er­zielung sehr hoch bezahlter Früchte außerhalb der Saison handelt, kann sie sich rentieren. Ihre Anwendung auf großen Flächen aber hat eine unheimlich lächerliche Aehn- lichkeit mit dem Vorschlag eines auf einem Landgut unter­richtenden weltfremden Lehramtskandidaten ttt einem Wiuterfeldschen Romane, der dem Gutsherrn zur Erhöhung der Eriiteerträge den Vorschlag macht, den Millionen Klee­pflänzchen seiner Felder je ein viertes Blatt zu inokulieren.

Frankfurt in französischer Beleuchtung.

Ter französische Autor Jules Huret, der zurzeit in Deutschland reist, gibt imFigaro" eine Schilderung von Frankfurt am Main, die neben einigen" Naivitäten manche? Bemerkenswerte und Cha­rakteristische enthält. Er erzählt von dein berühmten Hanptbahnhof, auf bem 500 Züge täglich verkehren, von dem äußerst regen Straßenbahnverkehr, von den sehr schönen belebten Straßen und hübschen Promenaden anstelle des allen Wallgrabens.Wenn man in Frankreich Verschanzungen niederlegt, so sucht man sogleich Geld ans dem Grund und Boden zu schlagen wir lieben ja die Natur so sehr! in Deutschland denkt man sofort daran, hier Promenaden anzulegen, Bäume zn pflanzen, und iimit baut weiter draußen." Er spricht dann von den historischen Häusern der Stadt und verbreitet sich ausführlich über Frankfurt als die Stadt der Kaufleute und der Bankiers.Frankfurt ist reich." Es hat 831 Bürger, die ein Einkommen von 30 500 Mk. haben, die also Millionäre sind, und 247, die ein Einkommen über 100 000 Mk. haben, 10 mit 135 000 Alk. Einkommen, 11 mit 155 000, 7 mit 200 000, 1 mit 2 305 000, 1 mit 2 400 000 und 1 mit 6 280 000 Mk. Einkommen I Der letztere ist Herr von Rothschild. Als ihn die Steuerbenmten nach der höhe seines Einkommens fragten, sagte er:Ich weiß es wirklich nicht." Jndeffen mußte er es wissen, und so machte man annähernde Schätzungen und kam für die Steuer auf die genannte Ziffer . . ."Frankfurt wird größer," schreibt Huret weiter,und es sieht voraus, daß es immer weiter wachsen wird, und so sind bereits Pläne für die Ausdehnung der Stadt in den nächsten fünfzig Jahren ausgearbeilet, Alan nimmt »an, daß cs sich nach einer bestimmten Richtung entwickeln wird, und schon sehen die Architekten die Gärten und Parks, die großen Straßen und die Baulinien der künftigen Stadt vor. Tie Gemeindebehörde kauft von den angrenzenden Gemeinden ungeheure Terrains und übt auf diese Gemeinden genügenden Einfluß aus, um zn verhüten, daß ihre Straßen rmd Neubauten nicht ihre eigenen Pläne stören, lind diese Gemeinden gehen willig darauf ein, denn sie brauchen Frankfurt täglich, und sie wissen, daß sie bei einem Widerstande beseitigt werden würden. Aber ist diese Voraussicht, diese Methode, dieser organisatorische Geist, der an die Entwicklung in fünfzig Jahren denkt, dieses Anpflanzen von Bäumen und Projektieren von Straßen und Plätzen ist das alles nicht wirklich lehrreich? . ... Frankfurt, die freie Stadt hat sich ein Gefühl der Unabhängigkeit und Kraft bewahrt. Es verdankt nichts den Fürsten und großen Herren, und es ist stolz darauf. Es hat seine Geschäfte, sein Glück für sich, und es will es weiter so haben. So erklären sich die vielen Privatunternehmnngen, die noch Ijente zu seinem Gedeihen zusammenwirken, die öffentlichen Gebäude, diese Oper, dieses Post- gebäude, die Schulen, die Gymnasien die Ausgaben für beit öffent­lichen Unterricht, die die Höhe von vier Millionen erreichen, imb dieses Gesamtbudget von 213 Millionen! So erklärt sich vor allein auch dieLiebederFrankiurterBürgerschait zu ihrerStadt, diese leiden­schaftliche Hingabe für ihre Interessen, die sie jährlich mehrere Millionen Stiftungen machen läßt." Und nun zählt Huret, aus­führlich diese reichen Stiftungen für Schulen und Museen, für Bi­bliotheken imb Krankenhäuser ans, die von reichen Frankfurtern gemacht worden sind; er erwähnt n. a. besonders den Ankauf des Rembrandt, für den die nötige Summe von über 320 000 Mk. in einigen Stunden von sechs Frankfurtern, deren Namen nicht ver­öffentlicht wurden, zusammengebracht wurde. Zum Schluß spricht er von den ökonomischen Beziehungen zivischen Berlin und Frank­furt und von den großen industriellen Unternehmungen, die den Reichtum Frankfurts ausmachen. Bon Frankfurt geht auch der größere Teil des inneren Handels mit Südamerika und sogar mit Nordamerika aus.Warum dies?" fragte ich erstaunt den Indu­

striellen, der mich aus diese Tatsache aufmerksam machte.Frank­furt vereinigt doch nur einen kleinen Teil der deutschen Industrien, die in den Vereinigten Staaten, in Brasilien, Argentinien, Mexiko und Chile verbreitet werden."Das ist richtig," erwiderte er mir mit zufriedenem Lächeln,aber die Frankfurter sind die besten Kaufleute von ganz Deutschland, und die pfiffigsten. Sie haben in allen großen Zentren Südamerikas Vertreter, die sie über die Bedürfnisse dieser Länder aus dem Laufenden halten; sie haben in Deutschland Einkäufer, die die gewünschten Waren billig zu kaufen wissen/ und so wird Frankfurt durch das Verniittlungsgeschäft reich. Nichts hindert Euch Franzosen, es ebenso zu machen. Wnrunr laßt Ihr Euch aus den lateinischen Ländern vertreiben, in denen Ihr vor uns wart? Ihr kämpft nicht darum, und wenn Ihr verdrängt seid, sagt Ihr: Das ist der Fehler der Regierung I"

Spracheüe des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.

Z w e i g v e r e i n Gießen.

E x a m e n.

Gehört Examen zu den Fremdwörtern, die kein allzu langes Leben mehr bei uns führen werden? Kaum, denn unsere Studenten werden z. B. sicher noch immerins Examen steigen", wenn es auch amtlich längst keins mehr geben sollte, sondern nur noch Prüfungen. Und doch hat Friedrich Kluge darauf hingewiesen, daß man in solchen verdeutlichenden Doppelbildungen wie reitende Kavallerie, treibendes Agens, Guerillakrieg, Examensprüfimg u. ä. nicht nur Halbbildung, unfreiwillige Komik und Geschmacklosigkeit erkennen solle, daß man sie vielmehr auch ernst nehmen müsse als die echte und wahre Regung, das Fremde allmählich ganz abzu» streifen. So komme seit 1700 denn auch schon neben der Examens- prüfung Prüfung allein auf, und dieses gewinne noch heute vor unseren Augen Breite und Umfang. In Oesterreich z. B. soll das Wort Prüfung allein im schriftlichen wie im mündlichen Verkehr gebräuchlich sein; anExamen" erkennt man dort den Reichs­deutschen. Und um wieviel verständlicher ist doch auch Prüfung! Ist es doch kaum Uebertreibung, zu behaupten, daß von 100 männ­lichen und weiblichen Examinanden, nein: Prüflingen, kaum 90, wissen würden, was sie zu antworten hätten, wenn ihnen die Frage vorgelegt würde:Nun sagen Sir mir einmal, was heißt denn eigentlich Examen selbst?" So geläufig ihnen das Wort ist, so verständnisinnig sie sich seines Begriffes ganze Schwere vorzustellen wissenwas es heißt" zu sagen, das würde ihnen schwer fallen. Im Lateinischen steht examen neben dem Zeitworte exigere (ex-agere, heraustreiben), es ist aus exagimen über exagmen entstanden; seine erste Bedeutung ist ausfliegender Schwarm, z. B. von Bienen, dann von Menschen; die zweite ist die des Züngleins an der Wage, des hin und her fliegenden; davon dann der Begriff des Abwägeus, des Untersuchens, des Prüfens. Das Zeitwort exigere hat die Bedeutungen : 1. heraustreiben, aber auch verbannen, und schleudern; 2. zu Ende bringen, vollenden; 3. einfordern, erforschen; 4. ab­messen, abwägen, untersuchen, erwägen; examinare aber, ba§ von examen abgeleitete Zeitwort, das übrigens ins Deutsche als exa­minieren eher eingedrungen ist als Examen selbst und schon int Mittelhochdeutschen vorkommt, heißt nur abwägen, untersuchen, prüfen. Trotz langem Verweilen also sind examinieren und Examen Fremdlinge bei uns geblieben, und es steht wirklich nichts im Wege, sie durch prüfen und" Prüfung zu verdrängen.

Allein.

Unter diesem Titel veröffentlicht Agnes Harder inliebet Land und Meer" (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt) das folgende schöne Gedicht:

Nie, das lerne mit Schauern der Ehrfurcht erkennen, Niemals kannst einen anderen dein eigen du nennen!

Schmiege dich an ein Herz in der Liebe Macht

Nur deine eigene Flamme leuchtet dir durch die Nacht.

Gib in der Freundschaft dich hin an den andern Neben ihm nur, nicht mit ihm darssl du wandern!

Knie vor der Mutter heiligem Schoß

Ihre eigenen Träume zog sie in dir nur groß!

Immer, das sieh in schauernder Ehrfurcht ein, Immer bleibst du auf Erden! allein.

Rätsel.

Nachdruck verboten.

Müden bin ich willkommen, ich stärke zu weiterer Arbeit. Setz' statt des Fußes den Kopf: rastlos diene ich dir, Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Arithmogriphs in voriger Nummer: Zetjnt Ei Irene CoMcnz Heiber Ehe Äiedi Zeichen der Zeit.

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,