Ausgabe 
15.8.1906
 
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mehr hinsichtlich des Regens zu kurz kommt, uud wenn Schlesien und Posen von Regen triefen, wird es meistens zutresfen, daß im Westen und Nordwesten die Feldfrüchte unter einem Uebermaß bon Nässe zugrunde gehen. Bei der Verschiedenheit der auf einem räumlich beschränkteren Be­zirke augebauten Kulturen, von denen die eine gerade daun sonniges Wetter braucht, während für die andere Regen erwünscht wäre, wird es Sankt Petrus niemals so einrichten können, wie es vom Standpunkte des Landwirts aus ideal wäre.

Abgesehen von diesen alljährlich wiederkehrenden Uebel- ständen, mit denen jeder Landwirt von vornherein zu rechnen gewohnt ist, droht aber von Zeit zu Zeit immer die Gefahr allgemeiner schwerer Mißernten. Sie nehmen zwar nur selten den Umfang solcher Katastrophen an, wie sie in Vorderindien, im inneren China und im binnenländischen Nordamerika,^ besonders aber in Australien und in Ruß­land häufig sind, wo gerade jetzt wieder Beträge von vielen Millionen flüssig gemacht werden müssen, um die laudwirt- schastliche Bevölkerung vieler östlichen und südöstlichen Gou­vernements vor dem Zusammenbruch zu retten. Einen Scha­den von Hunderten Millionen fügen sie gelegentlich aber auch unserer Landwirtschaft zu, von deren Senioren sich noch mancher der Hungersnöte erinnert, die vor jetzt fünfzig Jahren über Deutschland yereinbrnchen und die Brotpreise zu einer seitdem nie wiedergekehrten Höhe steigerten.

Wenn die Ernte nicht so ausfällt, wie der Landwirt es stch erhofft hat, so kann dies, abgesehen von den oben­erwähnten meteorologischen Ursachen und der Dürftigkeit des Bodens, der für den Anbau bestimmter Pflanzenarten nun einmal unter keinen Umständen geeignet ist, entweder au falscher und unzureichender Düngung oder dem Auf­treten epidemischer Pflanzenkrankheiten liegen. Zur dnrch- schntttlichen Erhöhung des Ernteertrages führt zunächst also eine Düngung, die sich genau der chemischen Zusammen­setzung der Ackerkrume anpaßt imb die Einführung rentablerer P f l a n z en ar t e n, die dem Boden an­gemessen sind, wobei im Durchschnitt einer Reihe abwech­selnd guter, mittlerer und schlechter Jahre unbedingt ein höheres Ertragnis herauskommen muß. Auf diesen Pfaden bewegte sich vor einem Jahrhundert die bahnbrechende Tätig­keit Albrecht Thaers und später die geniale Forscher­arbeit unseres Justus v. Liebig, dessen Standard Work Tie Agrikulturchemie in Anwendung auf Agrikultur und Physiologie" einen unschützbaren Fortschritt bedeutete. Prak­tische Erfahrung, und luetm sic noch so vielseitig und gründ­lich ist, genügt heute für sich allein nicht mehr, um den Ruhm eines tüchtigen Landwirts zu begründen. Er muß sich vielmehr eine große Menge botanischer, chemischer und maschinentechnischer Kenntnisse aneignen, wenn er im Kon- turrenzkampse nicht unterliegen soll; denn das landwirt­schaftliche Studium im wissenschaftlichen Sinne des Wortes bildet erst im Verein mit der selbstverständlich unentbehr­lichen praktischen Erfahrung das Rüstzeug, mit dem der junge Oekonom spätere Erfolge erringen kann.

Heute ist die Landwirtschaft über diese Ziele längst herausgeschritten uud sucht neue Mittel, die es ermög­lichen, die Mißernten noch viel ivirksamer zu bekämpfen, indem man den ep idemischen P flauz en kran k- heiten energisch zu Leibe geht. Es liegt eigentlich so un­endlich nahe, die Pflanze als das, was sie ist, nämlich als lebendes, allerhand Krankheiten unterworfenes Wesen zu betrachten, dem man am besten zu Hilfe kommt, indem man seine pflanzlichen und tierischen Feinde bekämpft. Und docy, wie spät erst ist mau zur Einsicht gekommen, daß bei schwerem Mißwachs die Milliarden Nutzpflanzen, die auf unseren Feldern wachsen, Patienten sind, unter denen fnrcht- Bcire Epidemien wüten, daß genau so wie bei Mensch und Twr unzählige, meist winzig kleine, tierische und pflanzliche Schmarotzer als ungeladene Gäste an demjenigen mitzehren, hcranzücht^^viiich sich mühsam für sein Nahrungsbedürfnis . We gewaltig die hierher gehörigen Schäden sind, zeigt eine , amtliche Erhebung des Ackerbauministeriums in Washington, aus der hervorgeht, daß die Landwirtschaft und, der Gartenbau der Vereinigten Staaten allein durch schädliche In selten einen durchschnittlichen jährlichen Schaden von 700 Millionen Dollar erleidet, und ebenso unerbaulich klingt es, wenn mau in einer amtlichen preu­ßischen Statistik liest, daß im Jahre 1891 die preußische Getreideernte einen Ausfall von 418 Millionen Mark erlitt,

weil die Rostpilze (Uredinen), Schmarotzer, deren Mu- eelrum, d. h. Fädengewebe, im Innern der Pflanze lebt und die von ihm befallenen Teile abtötet, in ungewöhn­lichem Umfange ausgetreten waren.

. Wie zahlreich die epidemischen PflanzeiikranWeiten sind, zeigt folgende auf Vollständigkeit selbstverständlich keinen Anspruch machende Uebersicht. Der Stich verschiedener In­sekten ruft die Wachstumsstörung der Galläpfel und Hexenbesen hervor. Andere Insekten zerstören als Engerlinge die Wurzeln. Borkenkäfer unter­minieren Bast und Rinde; wieder andere haben es zeit­weise ans das Laub, die Blüten und die Früchte abge- ,ehen oder schlagen dauernd ihre Wohnung in der Pflanze auf, , in der sie zwar nicht die lebenswichtigen Organe zerstören, aber durch Säfteraub eine Verkümmerung der Pflanze herbeiführen. Kleine achtbeinige Blattmilben (Tetranychus) überziehen mit ihren Gespinsten die Blätter und verursachen das Absterben des Laubes. Bekannt ist ferner die unheilvolle Tätigkeit der Reblaus, die Zerstörung der Kleefelder durch Stockälchen, die Nematodenkrankheit der Rüben, die Vernichtung der Erbsen- und Bohuenfelder durch Blattläuse, der Rapsfelder durch den Raps­käfer, der Kohlfelder durch die Raupen der Kohlweiß­linge, die Krankheiten der Obstbäume durch die Raupen des Frostspcmners und Schwammspiuner, durch die Kirschen­fliege, die Blutläuse, den Apfelblütenstecher, die in Wein­gärten^ durch die Raupen des Traubenwickler, den Heuwurm und Sauerwurm unb die Verheerungen, die in unseren Walbern burch bas massenhafte Auftreten ber Nonne und des K i e f e r n sp i u u er s hervorgerufen werben.

Weit zahlreicher ist bie Reihe ber pflanzlichen Parasiten. Seltsamerweise spielen hier aber bie Bak­terien nicht eilte so bebeutenbe Rolle wie bei Mensch und Tier. Es sinb vielmehr überwiegenb etwas höher organi­sierte Pilze, von benen immer neue Arten als gefähr­liche Pflanzenschäblinge erkannt werben. Zu ben Braub- pilzen uub ben schon oben erwähnten Rostpilzen gesellen sich hier bie erst vor wenigen Jahren eutbecften Pilze, bie ben Roggenhalmbruch und Weizenhalmtod herbeiführen. Eine lange Reihe von Pilzen und Bakterien sind die Ur­sachen ber alljährlich in ber einen ober aitberen Gegend ouftretenben Kar t o f fe l s ä u l e. Pilze führen auch ben Rübeubraub, ben Bohnen-, Erbsen- imb Kleerost herbei; ein jebes Gemüse hat seine besonderen Schmarotzerpilze. Pilze vernichten ferner oft in weiten Gegenden bie ge­samte Obsternte, bebrohen bie Weinberge und zerstören bie beerentragenbeu Sträucher. Kurzum, überall machen sich Krankheiten breit, bei benen schließlich ber Mensch bie Kosten tragen muß.

Die Erkenntnis ber krankheiterregenben Ursachen ist zwar ber erste Schritt zur Besserung. Bis zur wirksamen Abstellung ber Schaben ist aber noch ein weiter Weg zurückzulegen, uub leider must man eingestehen, baß wir bis heute erst ein kurzes Stück davon zurückgelegt haben. Die P fla n z en pa t h o lo g i e und Therapie ist eben noch eine sehr junge Wissenschaft, und bezeichnenderweise ist es nicht das auf seine wissenschaftlichen Anstalten so stolze Europa, fonderu Nordamerika und Australien, die hier die Führung übernommen haben. Besonders be­merkenswert ist der von G. Compere in Westaustralien eiugeschlagene Weg, die geborenen Feinde tierischer Pflanzen­schädlinge zu studieren und sie auf ber letzteren Fährte zu setzen.

Am wirksamsten aber ist bas eiugeheube Studium ber Pflauzenepibemieu in öffentlichen Laboratorien uub An­stalten. Häufig vermag zwar schon eine oberflächliche Be­trachtung ein wirksames Mittel zur Abhilfe zu sinben, wie es sich z. B. vielfach barin bietet, baß man unser Haus­geflügel zur Säuberung ber Felber von beit ihnen als Nahrung zusagenben schäblichen Insekten benutzt ober baß man bie infizierten Pflanzenreste int Herbst verbrennt, ober über Nacht Fanglaternen aufstellt, in benen bie bem Licht znstrebendeu geflügelten Insekten verbrennen, nach­dem bie tierischen Schüblinge ans diese ihnen besonbers zusagenben Pflanzen ausgewanbert sinb. In ber Mehrzahl ber Fälle, wo chemische Desinfektionsmittel notwendig werden, wird es sich aber doch um verwickelte Untersuche uitgen handeln, bie nur ein mit allen wissenschaftlichen Hilfsmitteln ausgestattetes öffentliches Institut ausführeu kann. Derartige Versuchsstationen unb Laboratorien bestehen heute auch in Deutschlaub in großer Zahl unb haben ihren