Mittwoch den 15. August

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1906 Wr. 119

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Der Stern.

Roman von Ulrich Frank.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

Die Hand, die den Brief hielt, war herabgesnnken. Tränen rollten erst weich und leise über die bleichen Wangen. Lust und Weh erfüllten ihre Seele, dann weinte sie tief und heiß.

Der Vater, der sie verstohlen beobachtet hatte, eilte er­schrocken herbei.

Ums Himmels willen, Dellchen? Bist du böse? Ist dir was nicht recht? Ich kann ja noch einen anderen Brief schreiben . . . bitte, sage es mir,"

Sie hatte seine Hand ergriffen und an ihre Lippen ge­zogen. Ilnd dann sah sie ihn an so dankbar und sanft und zärtlich, daß es keines Wortes bedurfte. Er nmßte, daß sie ihni nicht zürne.

Still verharrten sie noch ein Weilchen, bis sie allmählich sich beruhigt hatte und sich aufrichtete.

Ich will anschreiben, Vätchen," sagte sie, ging in das Nebenzimmer zum Schreibtisch und setzte mit großer, fester Hand nur eine Zeile aufs Papier:Wir kommen, Muttchen. Wir kommen. Della."

Vor ihrer Abreise hatte Adele noch eine Unterredung mit Wittelsbach. Er hatte während der Zeit ihres Gast­spieles sich absichtlich von ihr fcrngehalten. War allerdings wohl zu flüchtigem Besuch bei ihr erschienen, aber wie ein Eleichgiltiger, Fremder, jedenfalls wie einer, der die Künst- lerin in der für sie so wichtigen und bedeutsamen Zeit nicht beanspruchen wollte, nicht anstrengen und nicht aufregcn. Sic hatte dies als sehr rücksichtsvoll dankbar empfunden, besonders im Hinblick auf den Brief, den sie am Tage nach ihrer An­kunft von ihm empfangen hatte.

Wenn sie daran dachte, so war sie auf Augenblicke ge­neigt, sein Benehmen als eine seiner Launen anzusehen, die hastig kamen und gingen, ihn aber dann leidenschaftlich be­herrschten. Trotzdem war sie nicht erstaunt, am Tage nach der Beendigung ihres Gastspieles ein Billct von ihm zu er­halten, worin er sie bat, ihm eine letzte, ungestörte Uutcr- rcdung zu gewähren, bevor er Berlin verlasse. Ihrer Ab- sichten und Pläne war nicht mit einem Worte gedacht.

Sic cmiroortete sofort/ zustimmend. Nicht ohne Bangen und Zagen sah sie dieser Stunde entgegen. Sie kannte seine unbegreifliche Macht über sie, aber sie fühlte auch, daß sie aus diesen, Zustand der Abhängigkeit und Willensunfreiheit hinauskommen müsse, daß sie selbständig auftreten, selbständig in ihren Entschlüssen und Handlungen sein müsse.

Es war gegen Abend, als er bei ihr eintrat. Seinen

Pelz hatte er draußen abgelegt und nun stand cr vor ihr im ganz dunklen Anzug, der die Blässe seines Antlitzes noch deutlicher hervortreten ließ. Sein glattrasiertes Gesicht, scharf und bewegt, spiegelte in seiner unendlichen Ausdrucksfähigkeit jedes Gefühl wieder. Das Haar, in dessen dunkle Fülle sich schon weiße Fäden mischten, umgab in natürlichen, weichen Wellen das energische Haupt und fiel bei gewissen Bewegun­gen in die Stirn. Die Stirn war ^das Merkwürdigste an diesem Kopfe. Niedrig und mir an den Schläfen etwas breiter ausladend, trug sie dennoch ein so unverkennbar geistiges Gepräge, daß sie das ganze Antlitz beherrschte. Die Augenbrauen wölbten sich über dunklen Augen, die ihre ganz besondere Sprache redeten. In dem Augenblick, als cr vor Della sich verneigte, blickten sie düster mit einem Ausdruck von Trauer und Nachdenklichkeit.

Der erste Schnee, Della!" sagte cr und wies auf das Fenster. Sie folgte seiner Bewegung und bemerkte jetzt erst, daß die Flocken stark und voll niedersanken. Novembcrflocken, die die Erde rasch aufsaugt, die aber jetzt in weichem, laut­losem Schncetanz umherschwirrtcn wie weiße, zart beschwingte Voaclscharcn.

Dicht, ganz dicht, aus tief herabhängenden hellgrauen Wolken.

Er hatte seine Absicht erreicht. Wie mit einem Schlage trat das Bild jenes Noocmberabcnds vor sie hin, wo er ihr nachgczogen war durch den weiten, weißen Garten, gespenstisch, herzbedrückend. Dann der Vormittag des Weihnachtstages und was darauf folgte. Eine lange Reihe von Ereignissen, eine Kette, die mit ehernen Banden sie fesselte.

An ihn?! Ein Schauer durchrieselte sie, ein unsägliches Angstgefühl stieg in ihr empor.

Stillschweigend beobachtete er die Wirkung seiner wenigen, scheinbar harmlos klingenden Worte. Noch hält er sie, wenn auch ihre Seele sich ihm zu entwinden droht und die eigene Kraft sich in ihr regt.

Er hatte dies im Theater empfunden, wo sie sich ihren eigenen Eingebungen völlig überließ und hinreißende Wirkun­gen erzielte. In leidenschaftlicher Erregung, in Zorn und In­grimm hatte er es gefühlt, daß sie, die er wie sein Geschöpf, sein Eigentum betrachtete, sich losringe. Aber gerade dies er­weckte seine Bewunderung, seine Begehrlichkeit. Das war nicht mehr seine Schülerin, die scheu und ehrfurchtsvoll zu ihm aufblickle, das war rin Wcib, stolz und selbstbewußt. Und dennoch sein Werk!

Eine grenzenlose Furcht hatte ihn überfallen, sie zu ver­lieren.

Zaghaft war cr hcrgekommen, aber sein Mut wuchs und seine Hoffnung, als er sie so verträumt vor sich sah, ganz