Ausgabe 
15.6.1906
 
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Livorno, Neapel nach Sizilien meinen Weg nehmen. Da der Winter auch in den ofenlosen Quartieren Noms und Neapels kalt und ungemütlich ist, riet man mir, den Januar in dem wärmeren Sizilien Palermo, Taormina, Catania, Syrakus, Messina zu verbringen. Für Neapel, Capri, Sorrent, Pompeji hatte ich die Zeit von Mitte Februar bis Mitte März vorgesehen, für Rom Mitte März bis Mitte April, für die Riviera di Levante die Hälfte April, für Pisa, Florenz, Venedig, Mailand und die italienischen Seen den Mai.

Einst hatte ich auf dem Schlachtfelde von Waterloo Kornblumen gepflückt und von Bouillon auS einen Ausflug nach Sedan und Bazeilles unternommen. Wie auf der Hin­reise Ajaccio, die Geburtsstadt Napoleons I., so wollte ich auf der Wende Elba besuchen. Bestehen doch so viele Er­innerungen aus der Napoleonischen Zeit in unserer Familie. Einem Urgroßvater, Pastor Heike, war von den Franzosen seine Kirche in der Neustadt in die Luft gesprengt worden. Der andere, Pastor Wilda, hatte zur Erinnerung an jene Zeit von seinem Patron ein Damasttafeltuch mit der Hochzeit von Kana erhalten, als die gräfliche Tafelwäsche den Kirchen­wänden endlich wieder entnommen werde» konnte. Ein naher Bekannter, der Oberforstmeister R., hatte in Weimar gelegent­lich einer zu Ehren Napoleons veranstalteten Hofjagd alles Wild forttreiben lassen, so daß schließlich nur eine lahme Hirschkuh angehinkt kam. R. mußte natürlich fliehen. Außer­dem lockte .mich dazu das Beispiel meines Freundes Dr. Willi Wolterstorff, der April 1899 in Korsika gewesen war und seinen Aufenthalt in seinenStreifzügen durch Korsika" in glühenden Farben schildert. Für die Reise hatte ich 5000 Mark ausgeworfen, meine traurige korsische Sache allein hat mir 8000 Mark gekostet, nicht gerechnet den furchtbaren Schmutz, durch den ich waten mußte, alle die enisetzlichen seelischen Aufregungen, in denen ich fast meinen Glauben au Gott verlor, und die unendliche Schmach und Schande, unter der mir beinahe das Herz gebrochen ist. Bisher ist mir nicht die geringste Entschädigung zuteil geworden, auch nicht aus Billigkeitsgründen.

Man kennt Korsika, das Land der Vendetta oder Blut­rache, seine Einwohner und ihre Sitten aus vielen Beschreib­ungen. Am 30. Dezember 1903, vormittags gegen 10V4 Uhr, war in dem Stadtwäldchen nahe bei der Hauptstadt Ajaccio der herzensgute Realschuldirektor M. ermordet und um viel­leicht 150 Frcs., eine alte goldene Uhr und Uhrkette beraubt worden. Nach den amtlichen Feststellungen hatte er erst einen Schuß hinten ins Genick, der nicht tätlich gewesen war, dann einen Schuß in die Schläfe und schließlich den Erlösungsschuß ins Ohr erhalten. Ein Kampf zwischen dem Opfer und dem oder den Mördern soll vorhergegangen sein. Viele Fuß­spuren von verschiedenen Längen von dem Kampfe scheinen nicht nachgemessen und sollen später verwischt worden sein. Ich habe leiser die derzeitige» Zeitungsberichte nicht mehr bekommen können und kann deshalb nicht feststellen, ob die Fußspuren von den Mörder» oder von den Gendarmen, als die Leiche gegen 4 Uhr in der Dunkelheit heruntergeschafft wurde, um alle Weiterungen zu vermeiden, oder von dem heftigen Platzregen, der in der Nacht vom 30. auf 31. De­zember herniederging, verwischt worden sind. Bemerken will ich, daß des Boden auf Korsika ziemlich hart ist. Wen» also Fußspuren vorhanden gewesen sind, muß der Kampf zwischen Opfer und Mörder sehr heftig gewesen sein. Der Gerichts- arzt hat int Gefängnis eingehend an meinen Händen die Nägel, die Höhlen zwischen ben Finger», dan» die Achsel­höhlen und die Wäsche untersucht. Wen» ich der Mörder geivesc» tunre, hätte er irgend etwas finde» müsse». Ich bin der Ansicht, schon diese genaue Untersuchung hätte mir zur Freiheit wieder verhelfen müssen, wenn man mich nicht wegen höherer Intentionen festhalten und u.nschädlich machen wollte.

Jedenfalls mutete es mich eigentümlich an, daß gelegent­lich der Schwurgerichtssitzung in Bastia von meinem Ver­teidiger festgelegt wurde, daß der Tatbestand am Orte erst einige Tage später aus dem Gedächtnis ausgenommen wordc»

wäre. Wenn ich nicht irre, verbesserte resp. erweiterte in Bastia der Gerichtsarzt sei» erstes im Januar abgegebenes Gutachten dahin, daß der Ermordete vor seiner Beraubung auf dem Gesicht gelegen nnd dann herumgedreht worben wäre. Diese Aussage ist sehr wesentlich, den» Direktor M. war eine sehr große Gestalt, die ich kamn hätte herumwälzen könne», wenigstens nicht ohne mich, »ach deut blutüber­strömte» Leibe, de» ich am 30. Dezember abends im Hospice Eugenie sah, zu urteilen, furchtbar mit Blut zu besudel». Diese Blutflecke wären sicher von zwei Knabe», die mich in der Nähe der Higlandvilla um Streichhölzer für ihre Ziga­retten angingen und denen ich, nachdem ich meine sämtlichen netten Nock- und Hosentasche» »ach der Streichholzschachtel durchsucht, nicht nur ein, sondern sogar ein zweites Streich­holz ganz geutächlich gegeben hatte, bemerkt worden. Ein Raubmörder, der von seiner Bluttat kam, mürbe kaum bie Junge» so gefällig bebient habe». Doch zurück von dieser Abschweifung!

Der Ermorbete roar gegen 2 Uhr nachmittags von zwei französischen Pensionäre» unseres Hotel Suisse, einem Herrn Geiger und seiner Tochter, aufgefunben worden. Diese hatten darauf einen Gärtner, ben sie Blume» pflückend antrafen, abgeschickt, die Gendarmerie zu benachrichtigen, bie bei ber Abfahrt bes um 3 Uhr nach Borna in See gehenben Dampfers beschäftigt mar. Es herrschte bamals in Marseille unb Ajaccio ber mildeste Hafenarbeiterstreik. Er mar so ausgeartet, baß bie Gendarmerie um bie Schiffe Korbon bilden mußten, damit diese nicht erstürmt und ausgeplündert wurden.

(Q-ortießung folgt.)

Heinrich Hart f.

In Tecklenburg bei Münster ist der bekannte, Dichter und Kritiker Heinrich Hart nach nionatelangem, schwerem Krebsleiden int Alter von 50 Jahren sanft entschlummert.

Einer der Rufer des sog.jüngsten Deutschland,, ist in dem Entschlafenen dahingegangen, einer der begabtesten Ver­künder der neuen Literatur-Epoche und ein Führer aus den Irrungen und Wirrungen jener gährenben Tage, da es tu ar in ben achtziger Jahren bes vorigen Jahrhunderts- ein junges Geschlecht lärmend, fast allzu lärmend, auf den Plan trat, das deutsche Schrifttum in modernem Geiste zu erneuern. Mit seinem jüngeren Bruder Julius stand Heinrich Hart damals in beit vorderste» Reihe» der Kämpfer, aber er war bereit einer, dessen Worte und Gedanke» aus den brauen­den Nebel» einer sehnsuchtsvolle» Zeit gleich einem hellen Licht hervorleuchteten und ben Suchenden einen sichere» Weg iviescn. Den» als ein Bereifterer schon griff er in die Bewegung ein, als ein Mann, der zwar noch erfüllt mar von ben kühnsten Träume» der Jugend, dem aber historische und philosophische Studien, dem das Lebe» auch ben Blick ge­schärft und das Gemüt befruchtet hatten, und der schon ein Künstler mar, da die anderen noch im Sturm und Drang dahinirrten. So ist er damals vielen ein Lehrer und Berater gewesen.

An das gemeinschaftliche Literatenleben der beiden Brüder Hart, das Ernst von Wolzogen in seiner köstlichen, vicl- zuseltcit gegebenen KomödieLumpengesindel", wenn auch stark übertrieben, doch lebendig und humorvoll, mit seinem ganze» Bohämecharakter geschildert hat, schlossen sich im Sommer 1883 auch noch eine Reihe junger Berliner Studenten an, bereit Name halb einen starken Klang in ber, Literatur befani, so Karl Henckell, Herman» Conradi, Arno Holz, Otto Erich Hartleben, Paul Ernst n. a., und auch Gerhart Hauptmann ging in der Hauptsache von diesem Kreise und seinen Anregungen ans. Ganz besonders aber wuchs der Einfluß Heinrich Harts und seines Bruders, als sic 1887 als Theater- und Literaturkritiker an dieTägliche Rundschau" kamen. Das eigene poetische Schaffen Harts hat mit den Forderungen, die er als Kritiker stellte, srcilich nicht Schritt gehalten;' es gehört zum größten Teil vielmehr der älteren, als der wirklich modernen, von neuem Geiste erfüllten Rich­tung an. Dies zeigt sich schon in der ersten Sammlung seiner Dichtungen, die 1878 unter dem TitelWeltpfmgsten,