Ausgabe 
15.6.1906
 
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aber soll ich Dich warten und harren lassen auf meine Rückkehr, die auch keine Aenderung in meine Verhältnisse bringt, als höchstens den Hauptmann? Den magst Tu ja doch nicht ohne Geld, Suse, und Schätze werd' ich drüben nicht sammeln."

Er streichelte tröstend das lichte im Laternenschein flim­mernde Köpfchen. Um sie war es Nacht jetzt. Die Sterne blinzelten schon durch eine Lücke in den Baumkronen. Bald war es Zeit, zum Bahnhof zu gehen.

Sei tapfer, mein Süßes!" redete er Weiter, ratlos diesem starren, schweigenden Schmerze gegenüber,sieh, daß Du mich vergessen lernst. Es muß sein. Tas Leben ist eben hart und grausam."

Sie rührte sich nicht.So gar kein Glück!" murmelte sie eintönig,so gar kein Glück."

So viel Trostlosigkeit und Resignation bebte in den Wenigen Worten. Sie hatte keine Tränen. Ein Stein lag ihr au f der Brust. Ganz kalt war ihr innerlich, trvtzdeni die Luft noch immer schwül und drückend auf der Erde lag, und ihre Stirn und ihre Hände brannten. Auch er war so heiß. Sie fühlte fernen hastigen Atem über ihre Stirn wehen.

Suse!" sagte er heiser, sich dicht über ihr Gesicht neigend,ist unsere Liebe denn kein Glück gewesen?" Seine Arnre umschlossen sie fester, sein sehniger Körper zitterte in ungeheurer Aufregung.

Sieh mich doch einmal an, Srrse!"

Ihr Kopf bog sich in den Nacken, ihr Weißes Gesicht leuchtete förmlich, die Augen starrten tot.

Aber sic erfaßten doch den ernsten vorwurfsvollen Blick, der eine verzweifelte Mahnung, ein heißes Flehen barg. Er löste die Starrheit, die sie umfangen.

Fritz!" Ein einziger halberstickter Aufschrei. Gesättigt von Liebe und Weh. Dann tont] sie beide Arme um seinen Hals und brach in herzzerreißendes Weinen ans.

Dritter Teil.

1.

Ein Februartag. Kalt und klar. Der Himmel in blau- leuchtender Kuppel über der Riesenstadt. Die Sonne strahlte hell, ohne noch zu wärmen. Aber wenn sie mit ihrem gol­denen Glanz in ein behagliches, blnmendurchduftendes Zimmer fiel, dann täuschte fie doch völlig über den frostigen Wintertag hinweg.

Auf der Erkerbalustrade in Meta von Brockhaus Zimmer blühten buntfarbig die ersten Vorboten des Frühlings, Hyazinthen von zarten: Blau bis zum intensiven Rosenrot, >grellgelbe Tulpen und großtraubige, elseubeinweiße Mai­glöckchen.

Meta vertrug sonst starke Blumengerüche nicht, aber heute befand sie sich trotz der tiefen Trauerkleidung, die sie trug, in Feststimmung und zu einer solchen gehörten Blumen und Duft und Wärme sie lächelte leise und träumerisch vor sich hin. Wer ihr das vor ein paar Jahren gesagt hätte, daß sie einmal um anderer Menschen Glück solch zitternde tiefgehende Freude empfinden würde, sie, die kühle, verschlossene Natur, die egoistisch sich gegen frenrdes Glück und Leid verwahrt hatte! Suse! Was war sie ihr früher gewefen? Eine gleichgiltige Verwandte, die sie in einer großmütigen Laune in ihr Haus lud! Und jetzt! Wie warn: und zärtlich es aus den Tiefen ihrer Brust emporguoll, wenn sie des liebreizenden Mädchens dachte! Und daß sie es sein durfte, die über das blonde Haupt das Füllhorn des Glücks ausschütten würde.

Sie griff unwillkürlich nach dem Briefe, den sie seit Tagen mit sich herumtrug, und der, zerknittert und nicht mehr sehr sauber, an einzelnen Stellen verwischte Buch­staben, aufwies, als seien Tränen darauf gefallen.

Die blasse Frau fuhr glättend mit der schmalen Weißen Hand über das dünne überseeische Papier und begann zum so und so vielten Male zu lesen:

Mein liebes Weib! Nach den traurigen Nachrichten der letzten Zeit, die für Dich so schwer war, und in der ich Dir nicht helfend und stützend zur Seite stehen konnte, hat Dein letzter Brief, der mich erst nach einigen Irrfahrten erreichte, mir viel Freude bereitet, mir gleichsam eine schwere Last von der Seele genommen. Es war mir zu schrecklich, daß ich in Deiner Trauer um die gute Mutter in der großen Wohnung Dich so allein wußte. Welch glückliche Idee von Dir, Suse Meridies als eine Art Gesellschafterin Ku Dir zu nehmen. Wenn Tu auch schreibst, daß sie viel

ernster rind vernünftiger geworden ist, so steckt in der kleinen Person doch sicher noch Lebensfreude genug, um Dich damit aufzuheitern und zu zerstreuen. Ich freue mich so besonders, daß Du immer mehr Gefallen an Suse findest, weil ich Dir heute in bezug auf sie einen Vorschlag machen oder Dich eigentlich, da ich durch ein Versprechen bereits gebunden bin, vor eine vollendete Tatsache stellen möchte. Ich schrieb Dir schon öfter davon, daß ich hier Fritz Trautendorf, mit dem ich dienstlich stets vereint geblieben, freundschaftlich nahe getreten bin, ihn in dieser Zeit aufrichtig schätzen gelernt habe. Trotzdem war es mir zuerst unmöglich, zu erfahren, warum er damals so verzweifelt förmlich mich um meine Fürsprache für sein Fortkommen nach China au- flehte und welches der Grund für sein jäh verändertes tief niedergedrücktes Wesen war. Als ich ihm aber neulich aus' Deinem Briefe erzählte, wurde er bei der Nennung von Suses Namen sehr blaß und verlor schließlich völlig die Fassung, als ich ihm unter Diskretion anvertraute, daß der unvernünftige Kindskopf die glänzende Partie, den reichen Oberregierungsrat, rundweg ausgeschlagen hatte. Er zitterte am ganzen Körper. Da steuerte ich geradewegs auf mein Ziel zu und srug ihn, ob etwa Suse der Grund zu. seiner unglücklichen Stimmung wäre? Da kams endlich heraus: sie lieben sich seit Jahren und können sich nicht heiraten, wollen sie die Welt nicht um eine neue Misere bereichern. Dazu sind doch die beiden prächtigen Menschen­kinder zu schade, nicht wahr, mein Herz? Um es kurz zu machen, ich beschloß, Deines Einverständnisses sicher, Suse zu adoptieren, und habe bereits von hier aus alle nötigen Schritte getan, die Du an Ort und Stelle auf Verlangen unterstützen wirst. So sehr fühle ich mich jetzt eins mit Dir, mein liebes Weib, daß ich keinen Moment im Zweifel darüber bin, ob mein Entschluß Deine Zustimm­ung finden wird oder nicht. Ich weiß genau, Du wirst Suse freudig als Tochter an Dein Herz nehmen und sie zugleich Trautendorf, der in wenigen Tagen die Heimreise antritt, und sich bei seiner Rückkehr sofort bei Dir melden wird, in die Arme legen. Wir werden in dem glücklichen jungen Paare einen tröstlichen Ersatz finden für die Kinder, die uns versagt geblieben sind. Doppelt betrauere ich jetzt das frühe Hinscheiden unserer guten Mutter, die sicher an unserem Vorhaben ihre hellste Freude gehabt hätte. Wäre sie nicht so plötzlich ahnungslos ihres nahen Endes gestorben, sie hätte gewiß vorher ein Testament gemacht und die Zukunft der Geschwister, die sie so herzlich liebte, sicher gestellt. Ruth gegenüber ist es ja unendlich schwer, ohne eine letzt- willrge Verfügung der Verstorbenen eine Form zu siuden, in die man das Geschenk einer größeren Geldsumme kleiden könnte, ohne sie zu verletzen. Du schriebst, sie gefiele Dir jetzt gar nicht, natürlich itn guten Sinne, sähe schlecht aus und habe ihre Malstunden aufgegeben, trotzdem man ihr erstes Werk wohlwollend kritisierte und sich bald ein Käufer faud. Es hat mich amüsiert, daß Du da auch eine Herzeus- geschichte witterst wäre ja ein Jammer um das schöne stolze Geschöpf. Sollte etwa der Maler ?"

(Fortsetzung folgt.)

157 Hage korsischer Raubmörder.

Erinnerungen an Korsika.

Nach eigenen Erlebnissen anfgezeichnet von Adolf T i e m a n n.*) (Nachdruck erwünscht.)

Man hat mich gefragt, warum ich Korsika besucht Hube- Nachdem ich die Riviera di Ponente von Genua aus bis Nizza bereist hatte, wollte ich nicht wieder von Nizza nach Genua zurückkehren, sondern von Nizza über Ajaccio, Bastia,

*) Die Geschichte des Magdeburgers Adoli Tiemanu, der im Jahre 1904 in Korsika des Raubmordes an einem Deutschen an­geklagt war, eine lange Untersuchungshaft in Ajaccio und dann in Bastia verbüßte und dann vom Schwurgericht in Bastia srei- gesprochen wurde, dürite ihren großen Umrissen nach manchem Leser in Erinnerung sein. Der so hart Geprüfte hat die Geschichte seines Abenteuers ausgeschrieben; er übergab sie uns zur Einsicht und wir entschlossen uns, sie zu veröffentlichen, weil sie interessante psychologische Züge enthält und ein Beitrag zur Physiognomie der Insel und ihrer Bewohner ist. Die Verantwortung für die Treue der Darstellung, an der wir zu zweifeln keinen Grund haben, muß dem Verfasser liberlassen bleiben; aus naheliegenden Gründen sahen wir auch von redaktionellen Aenderungen und Eingriffen in die Form des Werkes ab. D. Red-