Ausgabe 
15.6.1906
 
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Mittel löse Mädchen.

Roman von H. Ehrhardt.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

In dem kleinen Restaurant am See waren nur wenige Gäste. Noch lag rötliches Licht über dem das Häuschen be­grenzenden Garten, vom See herüber begann eine frische Brise zu wehen. Eine Leier spielte vor der Tür denLuna­walzer". Auf dem Grasplatz unter den großen Obstbäumen drehten sich ein paar halbwüchsige Mädchen lachend im Tanz. Weiße Kleider stattertcn und um die erhitzten Gesichter wehte gelöstes Haar.

Suse stand strahlenden Auges.

Ach, Fritz, den Lunawalzer I Weißt Du noch?"

Er nickte. Ihm würgte es in der Kehle. Ihre heitere Ahnungslosigkeit steigerte seine innere Qualen.

Er nur, um ihr nicht vorzeitig den Abend zu ver­derben, aber jeder Bisten quoll ihm im Munde. Ihr schmeckte das ländliche Abendbrot köstlich, das kräftige dunkle Brot, die goldgelbe Butter, die frischen Eier, der rosige zarte Schinken.

Er trank ein Glas Wein nach deut anderen, vorsichtig hatte er den leichtesten Mosel gewählt. Suse verdünnte ihn noch mit Selterwasser.

Allmählich begann das Tageslicht zu sterben. Die tanzenden Mädchen saßen jetzt sittsam bei den Eltern, und die Leier draußen spielte nun klagend und langezogenStell' auf den Tisch die duftenden Reseden".

Suse sagte leise die Worte des traurigen Liedes zu der Melodie. Als sie geendet, sah sie zu Trautendorf auf, der schweratmend der süßen leisen Stimme gelauscht hatte. Tic ganze ungestillte Sehnsucht der einfachen Worte faßte auch ihm im Gedanken an die Zukunft. Nicht länger im Stande, seine Erregung zu verbergen, nahm er Susc's Hände in die seinen und drückte sie, daß sie im Schiiierz ausschrie. Und während ihre großen fragenden Kinderaugen durch die Däm- merung ihm entgegenleuchteten, bat sie, den krampfhaften Händedruck richtig deutend:Sag es mir jetzt, Fritz cs quält mich spanne mich nicht länger auf die Folter ich muß wissen, was mit Dir ist."

Da sagte er knapp und klar, wie eine militärische Meldung klangs:Ich bin für einen erkrankten Kameraden nach China abberufen tu drei Tagen reise ich."

Ter Streich war gefallen. Schwer sank des Mädchens Haupt auf die Schulter des Mannes. Kein Laut kam von ihren Lippen. Und doch schrie alles an ihr. Nach China! Das hatte sie nicht mehr erivartct. Mit dem feinen Instinkt des liebenden Weibes ahnte sie das übrige. Sie weißte cs:

das war keine Trennung, der ein Wiedersehen folgen würde, es war das Ende. Ihre Starrheit wirkte geradezu auf­rührerisch auf Trautendorf, bei bei ihrem Temperament einen leidenschaftlichen Schmerzensausbruch erwartet hatte. Fast unsanft hob er den blonden Kopf von seiner Schulter empor und bedeckte ihr tief erblaßtes, förmlich versteinertes Gesichtchen mit Küssen.

Sprich doch nur ein Wort, Suse, Herzenskmd, sel nicht so starr weine Dich mt§, Du machst mich ja ver­rückt mit dieser Ruhe"

Sie bewegte zuckend die Lippen.

Ich verlier'Dich auf immer, Fritz nicht wahr? Ich fühle das."

Er vermochte sie nicht zu täuschen.

Mein Liebling, es ist besser so einmal mußte es )a doch sein." Und er sprach alles aus, was Ruths Mahnworte an guten vernünftigen ehrlichen Gedanken in ihm wachgerufen hatten so wie er vor Monaten hätte zu ihr sprechen müssen, damals schon, als er eingeschen, daß ihrer Liebe kein erreich­bares Ziel gegeben war.

Sie hörte ihm zu, ohne sich zu rühren. In schnell emporgeschossener Bitterkeit fand sie seine vernünftigen Vor­stellungen kühl und nüchtern, dachte nur das Eine, daß der Krieg ihin ein willkommener Vorwand war, um sie skrupellos verlassen zu können. In ihrem Schmerz erinnerte, sie sich nicht mehr daran, wie oft sie ihm versichert, daß er in keiner Weise an sie gebunden sei, ivie oft sie ihrerseits ihn hatte arifgeben wollen.

Geh'nur!" sagte sie, sich aus seinen Armen lösend, und ihre junge Stimme klang herb und höhnisch, »ich halte Dich nicht, da Du mich so leichten Kaufes aufgiebst."

Drüben an der Straße war eine Laterne aufgeflammt und leuchtete grell zii ihnen hinüber. Ganz fassungslos starrte der junge Offizier in Suse's verzerrtes, schmerzzuckendes Gesicht. . . ( _ .

War das sein kleines sonniges, leichtlebiges Mädchen, |eut herziger Tollkopf? So schwer nahm sie die Trennung?

Einen Moment war er nahe daran, ihr zu Füßen zu stürzen, ihr von Ruths Einmischung zu erzählen und Schwüre ewiger Liebe und Treue daran zu knüpfen, aber er wies die Versuchung von sich. Hatte Ruth nicht recht? Suse war so jung, sie würde es verwinden. Nur kern jahre­langes aussichtsloses Verhältnis! ES war ein Unrecht gegen ihr junges Leben.

Er zog die Widerstrebende auf seine Knie.Suse, Lieb­ling, sei nicht so bitter und ungerecht. Du weißt, wie un­säglich ich Dich liebe ich hab' Dir hundertmal mein Leben angeboteit und Du hast es nicht gewollt. Was gäbe ich dafür könnte ich Dich als mein Weib hier zurücklassen.