Ausgabe 
15.1.1906
 
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Wohnung; überübermorgen schicke ich Ihnen die Möbel für Bureau, Empfangs- und Arbeitszimmer ins Hans. Die drei Stuben habe ich selbst entworfen; die Möbel stehen bei Pfaff. Sie werden Ihnen gefallen."

Imhoff ritz vor Aufregung sein altägyptisches Kopftuch voin Haupte.

,,Nina!" brüllte er.Nina, komm her! Zeige Dich; aber in angemessener Toilette! Ich will Dich jemandem vorstellen, vor dein Du das Knie zu beugen hast!"

Die Liesegang lugte durch die Tür. Da wurde Imhoff zornig,'raus, Licsegang!" wetterte er.Keine alten Weiber zu dieser Stunde! Geht in Eure Hexenküche zurück und beschwört den Kaffeesatz und das Weiße voin Ei und murmelt Walpurgissprüche! Laßt die Jugend ein, Nina soll kommen!" . . . $

Sic kam schon. ES trat wirklich die Jugend in das Zimmer. Es glitt ein froh leuchtender Sonnenstrahl hinein, und es klang ein Lachen des Glücks.

Nina war in Stratzentoilette; ging nicht geputzt und mit einem Storchnesthut auf dem Kopfe, auf dein eine Orangerie sich wiegt. Sie ivar sehr einfach gekleidet, und am Arm hing ihr eine Miisikmappe. Aber auf die Kleidung sah Hammer gar nicht, sondern schaute ihr in das Gesicht, das ivie eine LenzknoSpe ivar, die eben der Morgen küßt.

Dies ist Nina, meine Tochter", sagte Imhoff mit großer Bewegung der rechten Hand.Und dies, Nina, ist der berühmte Baumeister Urban Hammer, der im Begriffe ist, seinen Zauberstab zu erheben, und übers Jahr steht ein neues Opern- und Schaiispielhaus zwischen Brandenburger Tor und Altem Fritzen. Aber die Oper allein ist's, was Dich und mich augeht. Mache Deine Reverenz und sage dem Herrn Baumeister, wie glücklich Du sein würdest, ivenn Du in seinem neuen Hause zum ersten Male vor die Oeffentlich- keit treten könntest."

Nina war ein wenig rot geworden und verbeugte sich zuerst sehr würdevoll und nach den Regeln der Tanzstunde. Aber als Hammer ihr mit freundlichem Lächeln die Hand entgegenstreckte, da wurde sie sofort zutraulicher, ließ der zeremoniösen Berneiguug noch einen raschen niedlichen Knix nachfolgen und sagte, das Grübchen in ihrer rechten Wange und zwei Reihen blitzblanker Zähne zeigend:

O, Herr Baumeister, da würde ich ja selig sein! Glück ist gar kein Ausdruck. Vater hat mir schon mannig- mal von dem neuen Theater erzählt, aber, versieht sich, immer nur unter Diskretion, denn cs sollte ja noch ver­schwiegen bleiben: was muß das für ein herrlicher Bau werden l"

Es wird ein Tempel der heiligen Kunst", fiel Im­hoff mit erhobener Stiinme ein,gewidmet dem Schönen, Wahren und Edlen. Es wird in seiner Art ein Gottes­haus."

Diese großen Worte verwirrten Nina. Sie wurde ctivas verlegen, schaute fragend zu Hammer auf und stotterte:

Aber nicht wahr, Herr Baumeister, es werden doch auch Spielopern gegeben, nicht nur heroische auch solche, in denen ich ich mitwirken kann? . . . Ich will nämlich Opern-Soubrette werden."

Dem leicht empfänglichen Baumeister gefiel die Kleine gar zu gut. Das mar ja ein süßes Geschöpfchen, diese Nina mit ihren leuchtenden dunklen Augen, dem Grübchen, dem frischen Teint und dem schwarzbraunen Gelock.

Er neigte verbindlich den Kopf und entgegnete:Natür­lich geben wir auch Spielopern, auch Operetten, wenn es drauf ankommt. Vielleicht eröffnen wir mit einem neuen Werke, in dem Sie beschäftigt sein könnten. Imhoff, da§ wäre wirklich gut. Die Premiere im neuen Hause muß eine Uraufführung sein. Etwas Leichteres, etwas für das große Publikum; aber mit glänzender Ausstattung. Wir müssen gleich zeigen, was wir können. Schauen Sie sich um in der musikalischen Welt; es wird sich ja wohl etwas Geeig­netes finden . . . Haben Sie schon Ihren Kontrakt, liebes Fräulein?"

»Nein/ sagte Nina, schüttelte den Kopf und wurde aber­mals rot.

Das fand Hammer unbegreiflich.Aber, lieber Imhoff, dann schließen Sie schleunigst mit Ihrem Fräulein Tochter ab", meinte er.Ein so bedeutendes Talent müssen wir fest­halten."

Wollen Sie sie nicht einmal singen hören, Bau­meister?"

Ja . . . Nein ... Ja aber bei Gelegenheit . . . Ich bin gar nicht musikalisch das heißt, ich höre sehr gern Musik und Gesang ich verstehe bloß nichts davon . . . Ich muß mich da auf Sie verlassen. Wenn Sie sagen, Ihr Fräulein Tochter ist eine Acquisation, zu der wir uns gratulieren können, so genügt mir das."

Das kann ich mit gutem Gewissen sagen, Baumeister. Ihre Stimme ist nicht gerade umfangreich, aber süß. Ja süß ist das rechte Wort. Sie hat eine süße Stimme. Sie hat eine Stimme, die sich gewissermaßen in Herz und Seele schmeichelt."

Das glaube ich", erwiderte Hammer und machte ver­liebte Augen, während Nina das Köpfchen schief hielt und auf die Erde schaute.

Sie ist die geborene Soubrette", fuhr Imhoff fort; ist sie das nicht?"

Gewiß ist sic das", antwortete Hammer, und Nina tat immer schämiger.

Baumeister, wer schließt die Kontrakte ab? Ich oder Serben?"

Beide", sagte Hammer,Sic müsscn sich einigen".

Bon. Und die Gagenfrage?"

Nach Ihrem Ermessen. Stellen Sie uns eine Kal­kulation auf, Imhoff. Das sind Fragen, die in den ersten Konferenzen erledigt werden müsscn. Da werden wir den Etat besprechen . . Gnädiges Fräulein, es ist mir ein großes Vergnügen gewesen, Sie kennen gelernt zu haben . . ."

Nina sprang mit glänzendem Gesicht an den Baumeister heran, gab ihm abermals die Hand, ivarf noch einen glück­lichen Blick auf ihren Vater und ging davon. Ihre Mmik- mappe zitterte am runden Arm und die Röcke schwenkten hin und her. Es war hohe Zeit, daß sie in den Unterricht kam. Aber sie schaute doch noch einmal in die Küche hinein und rief in halbem Jauchzen:Liesegang, geliebter Fafner, mein Traum ist ans. Der Mann mit dem Löwen hat mir Glück gebracht. Es war etwas Bedeutungsvolles, dessen Sinn unklar ist. Aber daß es etwas Gutes war, steht fest. Ich bin engagiert und trete zum ersten male in einer neuen Nolle in einer neuen Oper in einem neuen Theater auf! Adjö, Liesegang!" . . . Sie schmetterte die Küchentür wieder zu.

Was für Gage wollen Sie Ihrem Töchterchen be­willigen?" fragte Hammer im Salon.

Imhoff drehte den Kopf hin und her.Sie ist An­fängerin, und ich bin der Vater", meinte er diplomatisch. Man soll nicht behaupten, daß ich den Nepotismus be­günstigen ivolle. Sagen wir: zweihundert Mark den Monat."

Das ist zu wenig, Imhoff. Eine gute Opernsoubrette kann mehr fordern."

Sagen wir dreihundert."

Sagen wir vierhundert. Imhoff, in diesem Falle be­stimme ich. Sie sind der Vater; Sie sind befangen. Eins Kraft wie Ihre Tochter müssen wir >ms dauernd fesseln. Wenn wir heroische Sängerinnen mit fünfzehnhundert Mark und mehr den Monat honorieren, können wir der Soubrette nicht eine Lappalie bieten. Und nun Schluß. Die erste Konferenz findet in Ihrer neuen Wohnung statt. Ich bitte mir aus, daß Sie diese Rumpelkammer schleunigst verlassen . . . Hören Sie: bei Pfaff steht noch eine hübsche Boudoir­einrichtung, die ich vor zwei Jahren entworfen habe. Die schicke ich mit. Auch Ihr Fräulein Tochter hat Anrecht da­rauf, anständig zu logieren. Was kommts darauf an! Repräsentation muß sein. Addio, Imhoff. Ich gehe jetzt zu Priestap ..."

Imhoff hatte noch tausend Fragen. Aber der Baumeistei