Ausgabe 
14.12.1906
 
Einzelbild herunterladen

735

es nannte, daß seine Mitteilung die Hälfte ihres Schreckens verlor.

Und doch wurde Elsie's liebliches Gesichtchen sehr blaß, als sie alles hörte.

Arme Mama!" schluchzte sie.O, Bald, wie freut es mich, daß Raymond und Harry im Auslande sind und nichts davon geivahr werden. Was meinst du, wird es Papa das Her; brechen?"

Lord Wayne wird ganz zweifellos schon bald beweisen können, daß es ein wahnsinniger Mißgriff dieser Detektivs ist. Diese Kerle werden ihren Bock alsdann schwer büßen müssen."

Bald, weiß denn nun jedermann, daß meine schöne, unschuldige Mutter dieses gräßlichen Verbrechens angeklagt ist?"

Statt aller Antwort schloß er sie in die Arme, küßte sie und flüsterte ihr zärtlich zu, das sei gan znebensächlich; die, die ihre Mutter am besten kannten, wüßten auch, wie unschuldig sie sei, und würden sie wegen dieses ihr so ungerechterweise bereiteten Kummers nur noch lieber haben.

Es wird uns doch nicht trennen, Bald," flüsterte sie angstvoll und schmiegte sich enger an ihn.Du wirst dich meiner doch nicht schämen, weil diese Wolke über uns gestanden hat?"

Selbst der Tod sollte uns nicht trennen, Elsie," erwiderte er zärtlich, und doch empfand er insgeheim eine fchreckliche Angst, daß seine Eltern vielleicht doch die Schmach als zu groß ansehen und der Verbindung ihre Zustimmung versagen würden.

Einerlei, komme, was da wolle," sagte er sich;ich werde Elsie treu sein, und wenn ich deswegen enterbt werden sollte."

Kein Wort sagte er ihr von den Gerüchten über die erste Heirat ihrer Mutter, das überließ er Lord Wayne. Angenoinmen, sie wäre wirklich früher verheiratet gewesen und hätte ihre Heirat verheimlichen wollen ging das denn irgend jemanden außer ihr selbst etwas an?

So blieb Elsie der fchlimmste Schlag erspart. Balduin widmete sich ihr in ausgedehntestem Maße, er verbrachte seine ganze Zeit in ihrer Gesellschaft, und die, die nur irgendivie Neig­ung zeigten, den: jungen Mädchen durch unangenehme Teil­nahme lästig zil fallen, sahen sich bald mit derartiger Ent­schiedenheit in ihre Schranken zurückgcwiesen, daß sie den Versuch nicht zu wiederholen wagten.

Jack Jefferies lag nunmehr schon mehrere Tage unter dem grünen Rasen und seine Mutier war noch immer im Försterhause.

Am Tage nach dem Begräbnisse hatte sie sich zu Beit gelegt und hatte es nicht mehr verlassen ivollen. Dec Kummer hatte die Fran schrecklich vorändert; finster und schweigsam brütete sie vor sich hin und sprach oft tagelang kein Wort, kaum, daß sie die notdürftigste Nahrung zu sich nahm. Die Nerzte, die auf Lord Wayne's Veranlassung sie behandelten, blickten ernst drein und sprachen von beginnender Gemüts­krankheit.

75. Kapitel.

Nochmals in Elton.

Werner war damit beschäftigt, die ihm anvertraute Auf­gabe zu lösen. Nachdem er mit Sergeant Ellwt überlegt und sich überzeugt hatte, daß am Tatorte selbst und in der Umgebung nichts weiter auszuspüren war, war er nach Elton gereist, in der festen Ueberzeugung, daß dort der Schlüssel zu diesem dunklen Geheimnisse zu finden sein werde. Das Herz krampfte sich ihm zusammen, als er das verlassene Häuschen wiedersah. Da war das hübsche, altmodische Gärtchen mit der Laube und der grüngestrichenen Bank, .wo er sein erstes Gedicht geschrieben; da die Obstbäume, die Jack und er so oft geplündert, die Wiesen, in denen sie ziisammen gespielt alles wie früher, und doch so ganz, ganz anders!

Nicht lange, und die Nachbarn kamen, einer nach dem andern, und versammelten sich um ihn, hatten sie ihn doch stets am besten von den beiden Brüdern leiden mögen. Und sie hatten so viel zu fragen. Gerüchte von der Tragödie

waren auch nach Elton schon gedrungen, nicht aber di? Einzelheiten, und nun stand Werner da und erzählte, wie der arme Jack an einem stillen, schönen Somiuerabend meuchlings erschossen worden sei, und wie der Schlag seine Mutter fast um den Verstand gebracht habe.

Laut, lebhaft und teilnahmsvoll waren die Erörterungen der guten Nachbarn. Jack war keineswegs beliebt bei ihnen gewesen, aber es war doch schrecklich, zu hören, wie er niedergeschossen worden war wie ein Hund.

Jetzt weiß ich auch, warum Belsy Fenton so schlecht und elend aussieht," sagte eine Frau zu ihrer Nachbarin. Ich konnte mir auch gar nicht denken, was sie eigentlich hatte."

Werner hörte die Bemerkung und wandte sich zu der Sprecherin.

Wer ist Betsy Fenton?" fragte er.Was hatte sie mit meinem Bruder zu tun?"

So viele dienstfertige Stimmen schrieen durcheinander, daß er nur mit Mühe etwas verstand.Betsy war Farmer Fentons Tochter und wohl das schönste Mädchen in Elton und war mit dem Verstorbenen so gut wie verlobt gewesen."

Mit greifbarer Deutlichkeit erinnerte Werner sich plötz­lich, wie er eines Tages bei Jacks Anwesenheit in London noch darüber gelacht hatte, was ihm sein Bruder von einem netten Bauernmädchen erzählt hatte, das er hatte heiraten wollen. Leichte, törichte, prahlerische Worte waren's ge­wesen, und er hatte sie damals kaum beachtet, kaum ge­hört; jetzt kehrten sie ihm mit merkwürdiger Deutlichkeit in das Gedächtnis zurück.

Lady Wayne hatte ihm nichts verheimlicht. Sie hatte ihm erzählt, daß Jack als Preis seines Schweigens die Hand ihrer Tochter Elsie gefordert hatte.

Verlobt gewesen?" wiederholte er darum ungläubig erstaunt.Davon weiß ich nichts. Sollte das wohl nicht bloß Gerede gewesen sein? Oder ist die Verlobung nicht doch bald wieder aufgehoben worden?" fragte er.

Das wußte niemand. Sie glaubten auch nicht, daß Betsy Fenton sich das hätte gefallen lassen; das sei kein Mädchen, das sich zum Narren halten lasse.

Jack sei ja wohl eine Zeitlang ganz sonderbar in seinem Benehmen gewesen habe vornehm getan und auch viel Geld gehabt, aber daß die Verlobung aufgehoben sei, davon hatte kein Mensch etwas gehört.

Das war so ziemlich alles, was Werner erfuhr. Nachdem die Neugierde der Nachbarn befriedigt, zog einer nach dem andern wieder ab und er blieb allein in dem Gärtchen, in tiefes Sinnen über das Gehörte verloren. Der eine Ge­danke ließ ihn nicht mehr los. Wenn Jack wirklich mit dieser ländlichen Schönheit verlobt war, wie konnte er dann Elsie Wayne heiraten wollen? Lag hier vielleicht die Lösung des Geheimnisses?

Er verbrachte den Rest des Vormittags damit, weitere Erkundigungen über das Verhältnis Jacks zu diesem Mäd­chen einzuziehen, und was er erfuhr, bestärkte seinen schon gleich gefaßten Entschluß, zu dem Gut zu gehen und oas Mädchen selbst zu sprechen.

Warm und glänzend lag der Sonnenschein über den Wiesen; sanft wogte das Korn im Winde; die Wallhecken waren eine einzige duftende schimmernde Blütenpracht und die Vögel sangen, als ob Svmmer und Sonnenschein nie enden sollten, als Werner den Weg zu Farmer Fentons Haufe dahinschritt.

Er schritt rüstig aus; nach und nach verschwanden die Wallhecken zu beiden Seiten, der Weg stieg au, und plötzlich fielen von der Anhöhe aus seine Augen auf einen Anblick, der ihn vollständig fesselte.

Ein langer, niedriger, grün berankter Zaun, der eine Wiese von einem etwas höher gelegenen Kornfelde trennte, hohe grüne Ahornbäume im Hintergründe warfen ihren breiten Schatten auf das saftige Gras, worin üppig wuchernde wilde Blumen leuchteten. An den Zaun gelehnt, stand allein und einsam ein junges Mädchen und starrte mit leeren, träumerischen Blicken in das wogende Korn, ein Gesicht, wie Werner es nie gesehen so wild, so blaß, so leidvoll jung, doch ohne das Licht und die Frische der Jugend, schön, doch müde, abgespannt und unheimlich anzusehen.

Er stand ein paar Augenblicke wie angewurzelt und sah