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kann, würde
; »ich Gott wahr,
„Versteh' mich recht, Bald/ sagte der Vater ernst sage nicht, daß die Anklage auf Wahrheit beruht — verhüte I — Ich will lediglich sagen, es ist wirklich daß eine derartige Anklage ergaben ist."
Lord St. Gilbert bebte vor Entrüstung.
„Wer überhaupt eine solche Geschichte glauben
Leide tun!
Seine Eltern baten ihn, seinen Zorn und seine Entrüstung zu mäßigen, damit wenigstens Elsie nichts zu Ohren komme; aber die Sache sollte sich nicht mehr lange verheimlichen lassen. Am folgenden Tage nachmittags bat Elite ihren Bräutigam, ihr doch mitzuteilen, was eigentlich vor sich gehe.
„Es ist etwas von Mama," sagte sie kläglich, „die Leiite sehen mich so merkwürdig an, wenn ich ihren Namen nur erwähne. Was ists? Wenn alle mich täuschen, so ivirlt wenigstens du mir doch die Wahrheit sagen."
Er wußte, srüher oder spater mußte sie ja doch davon hören oder lesen, — und deshalb teilte er es ihr schonend mit. Er sagte ihr, einige Esel von Geheimpolizisten hätten sich erdreistet, Lady Wayne zu verdächtigen, weil sie sie mit dem Toten früher hätten sprechen sehen.
Er erzählte es ihr so vorsichtig, behutsam und zärtlich, mit soviel Entrüstung über die Tölpelei der Polizei, wie er
muß blödsinnig sein!" rief er aus, „Laüy Wayne keinem W'urm, geschweige denn einem Menschen, etwas zu
thr, ich überlasse dir ihre Verteidigung; wenn du irgend einen Plan ausfindig machen kannst, ihr zu helfen, so tue es; es muß doch eine Lösung des Geheimnisses geben, nur, daß sie uns bis jetzt noch unbekannt ist."
„Ich werde nach Elton gehen", sagte Werner entschlossen, „der arine Jack hat fast sein ganzes kurzes Leben dort zugebracht; dort werde ich vielleicht auch den Schlüssel §u diesem Geheimnis finden."
Nicht lange nachher, und die Linden Kenninghalls sahen ein Schauspiel, das sie noch nie zuvor gesehen; ein geschlossener Wagen fuhr vor dem großen Portal vor, darein stieg die goldhaarige Herrin des Schlosses, neben ihr zwei schwarze, stumme, aufmerksame Gestalten, ihr Antlitz blaß wie der Tod. Dann stieg auch Lord Wayne ein; er sah blaß und ernst aus; er hätte alle seine weiten Besitzungen, sein ganzes großes Vermögen hingegeben, um sie zu retten, und — er konnte es nicht.
Isabel Wayne beobachtete alles mit gespannten, neugierigen Augen.
Lord Wayne hatte sie fragen lassen, ob sie die Sorge stir das Hauswesen eine kurze Zeit lang übernehmen wolle, während Lady Wahne und er abwesend seien — aber warum das nur, warum?
Es war vorher nichts von einer solchen Reise erwähnt worden.
Sie hatte Lord Wayne flüchtig zu Gesicht bekommen, und seine Miene hatte sie erschreckt, ein blasser, stiller, unverwischbarer Kummer war darin ausgeprägt.
Wie das Gerücht zuerst entstanden, wußte kein Mensch, aber es verbreitete sich langsam, unmerklich: „Es ist mit Lady Wayne nicht alles in Ordnung."
Was war es — das wußte niemand. Die Leute trafen sich, sahen sehr teilnahmsvoll und geheimnisvoll aus, daun fragten sie sich:
„Haben Sie diese merkwürdige Geschichte von Lady Wayne schon gehört?"
Dann, wenn sie dazu kamen, die Geschichte zu erzählen, war jede Lesart anders, und keiner wußte so recht und bestimmt, was eigentlich nicht in Ordnung war.
„Etwas, was mit diesem schrecklichen Mord in Verbindung steht", sagte der eine.
Ein anderer behauptete: „Nein, es ist eine sonderbare Geschichte über eine frühere Heirat ans Licht gekommen."
Niemals war Mrs. Isabel Wayne so unausgesetzt in Anspruch genommen gewesen, wie jetzt. Die Herzogin von Chisledon kam angefahren, neugierig, erregt, glücklich.
„Mar es wahr? War wirklich mit Lady Wayne etwas nicht in Ordnung?"
Zur allgemeinen Enttäuschung hatte Mrs. Isabel Mahne nichts zu erzählen. Tie Mordtat war wirklich sehr unangenehm gewesen. Lord und Lady Wayne wären tu London, sie wüßte nichts darüber, wann sie zurückerwartet würden.
Am Tage nach Lady Wahnes eiliger Abreise wurde Jack zu Grabe getragen.
Noch lange nachher erzählte man von dem wilden Schmerze der Mutter — sie und Werner waren die einzigen Leidtragenden — wie sie allen Trost zurückgewiesen habe, und wie man, als der Sarg ins Grab gelassen worden, sie nur mit Mühe daran verhindern konnte, nachzuspringen.
Lord Wayne hatte die Anordnungen für das Begräbnis getroffen, es war nicht gespart worden, und während die Leute umherstanden und seine Freigebigkeit lobten, sahen sie sich gleichzeitig etwas sonderbar an und fragten:
„Was ist dies eigentlich für eine Geschichte mit seiner Frau?"
74. Kapitel.
Die Welt und ihre Meinung.
Die Wahrheit wurde bald bekannt. Die sonderbaren Gerüchte, die Klatschgeschichten, die dunklen Andeutungen wurden eirdlich klar. Die Leute auf und bei Kennmghall sahen einander entsetzt an und flüsterten sich gegenseitig zu, daß Laüy Wayne des vorsätzlichen Mordes angeklagt sei.
Nie war eine solche Erregung, ein solches Aussehen bagewesen.
„Wer war denn der Ermordete?" fragte man, und die Antwort warf auch kein Licht auf das Geheimnis — „Ter Bruder von Lord Romscys Sekretär."
Was hatte er denn mit Lady Wayne zu schaffen? Weshalb hätte sie ihn ermorden sollen? Eine kurze Zeit lang wunderte man sich, plauderte, klatschte, kombinierte und
erfand; dann kam so etwas wie ein Schimmer der Wahrheit. Eine Geschichte über Lady Waynes Leben vor ihrer Verheiratung war ans Licht gekommen, und der Ermordete stand damit int Zusammenhänge.
Die Herzogin von Chisledou triumphierte. Wieder fand sie sich als „Königin der Grafschaft" fester denn je aus dem Throne.
Marian West lag sehr krank auf Kenninghall, zu krank, als daß sie ihrer Schwester nach London hätte folgen können, tote sie so gern getan hätte. Der Schlag war zu viel für sie gewesen. Ihr ganzes Leben war sie einem Trugbilde treu gewesen, — und sie konnte das Gleichf- gewicht ihrer Seele noch nicht wieder gewinnen.
Lord Romsey war einer der ersten, die die Wahrheit erfuhren. Nicht von beteiligter Seite; kein Brief war ihm von London aus geworden. Lord Wayne verbrachte feine ganze Zeit damit, daß er von einem berühmten Advokaten zum andern ging; es ließ sich jedoch wenig Trost aus all diesen Besuchen und Besprechungen schöpfen.
Es hatte ihm zuerst geschienen, daß es gar niemand glauben könne. Auf den ersten Blick erschien es ja auch nn- glaublich, unfaßbar — eine sanfte, hochgeborene Dame an- getlagt, einen Manu mit kaltem Blute uiedergeschossen zu haben; aber zu seinem Kun mer und feinet Entrüstung machten die, die zunächst die Anklage gehört und sie für abgeschmackt erklärt hatten, alsbald ein ernstes Gesicht, nachdem sie alles gehört, was vorhergegangen. Lady Waynes Geschichte schien ein grelles Licht auf die Mordtat zu werfen; sie lieferte den Schlüssel, das eine, woran es bisher immer gefehlt.
Lord Wayne fand alsbald, daß er für seine Gemahlin den geschicktesten Anwalt im ganzen Lande beschaffen, daß er überhaupt an juristischer Hülfe haben konnte, soviel er nur wollte; aber er konnte wenige finden, die feinen Beteuerungen von ihrer Unschuld auch nur die geringste Aufmerksamkeit schenkten.
Er war so gänzlich außer sich, daß er fein Versprechen, nach Downham zu schreiben, vollständig vergaß. Mittler» weile taten der Earl und die Gräfin dort ihr Bestes, diese unangenehmen Tatsachen vor Elsie zu verheimlichen, sie konnten sie jedoch Lord St. Gilbert nicht verheimlichen. Dieser kam eines Tages nach Hause, mit rotem Kops und bebend vor Eutrüstling, und platzte z» ihrem Schrecken alsbald mit der Mitteilung heraus, er habe t>en jungen Baronet Clifford mit der Reitpeitsche traktiert, weil dieser öffentlich erzählt habe, Lady Wayne fei des vorsätzlichen Mordes angeklagt. Der Earl nahm den Aufgeregten bei Seite und erzählte ihm, daß er allen Grund habe zu der Annahme, daß es sich tatsächlich auch so verhalte, aber der junge Lord kehrte sich empört von feinem Vater ab.


