Ausgabe 
14.12.1906
 
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Ireitag de» 14. Aezemöer

Wr. 184

1906

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Im Manne des Heyermnisses.

Roman von H. v. Raesfeld.

Nachdruck verboten;

(Fortsetzung.)

73. Kapitel.

Des vorsätzlichen Mordes angeklagt.

Lord Wayne war es, der dies kummervolle Tete-a-Tete unterbrach. Herr Sinclair war erschienen und hatte dar­auf hingewiesen, die Zeit dränge. >

Es ist nutzlos, eine böse Stunde aufzuschieben, My­lord", sagte er.Ich habe den Verhaftsbefehl hier, und er mutz ausgeführt werden. Es tut mir so leid, wie es nur jemandem tun kann, aber Gerechtigkeit muß sein."

Doch die Bitten seines Weibes klangen Lord Wayne noch im Ohr; ihr bleiches, bittendes und beschwörendes Gesicht stieg vor ihm auf.

Ich bin ein englischer Edelmann", sagte er,und als solcher kann ich Sie nicht zu bestechen suchen; aber sagen Sie mir, gibt es etwas, ich darf sagen, etwas auf der ganzen Welt, was ich tun kann, um meiner Gattin diese unauslöschliche Schmach zu ersparen? "

Nein, etwas derartiges gab es nicht. Ehe die Sonne untcrging, mußte Lady Wayne, als des vorsätzlichen Mordes angeklagt, noch nach London ins Gefängnis gebracht werden. Tie Sache würde sich eine Zeitlang sehr still halten lassen, schließlich aber mußte doch alles bekannt werden.

Lord Wayne sah sehr ruhig in das schlaue Gesicht seines Gegenübers.

Sie begehen eine» Mißgriff, Sinclair", sagte er.Ab­gesehen von allem persönlichen Interesse, das ich an der Sache habe, versichere ich Ihnen aufs feierlichste, daß Sie Unrecht haben: Lady Wayne ist vollständig unschuldig."

Es wäre sehr sonderbar, Mylord, wenn Sie das nicht glaubten", erwiderte der Geheimpolizist unbeirrt.Wenn Sie mir die Umstände, die so stark gegen sie sprechen, in zufriedenstellender Weise erklären können, so soll es mich wirklich freuen."

Lord Wayne saß einige Minuten tief in Gedanken ver­sunken.

Ich will Ihnen alles sagen", sagte er dann;Sie grd verständig, klug und schlau, und sehen vielleicht einen eg aus dem Dilemma. Sei dem aber wie ihm wolle, ich verpfände Ihnen sogar das Heil meiner Seele darauf, daß Lady Wayne ebenso schuldlos an diesem Verbrechen ist, wie Sie oder ich. Sie sollen alles erfahren. Ich erzähle Ihnen lediglich den Sachverhalt und vertraue, daß cs Ihrer Kombination gelingt, das Geheimnis zu enthüllen."

Daraus erzählte er die Geschichte von der ersten Heirat seiner Gemahlin. Der Geheimpolizist hörte mit Aufmerk­samkeit zu; kein Wort entging ihm; als Lord Wayne aber geendet, schüttelte er ernst den Kopf.

Mylord", sagte er einfach,diese Geschichte bekräftigt

leider nur die Schuld der bedauernswerten Dame. Ich frage, wer hatte einen so starken Beweggrund wie sie, ihn aus der Welt zu schaffen? Er bedrohte sie, verlangte Unmögliches von ihr; wenn sie dem nicht zustimmte, ivas eine Beleidigung war, so hätte er ihrem guten Namen und Ruf ein Brandmal aufgedrückt. Was ist wahrscheinlicher, als daß sie ihn aus dem Wege wünschen sollte?"

Ich kann Sie nicht überzeugen", sagte Lord Wayne ruhig.Sie werden, des bin ich überzeugt, finden, daß Sie auf falscher Fährte sind, und werden es bitter be­reuen, einer Unschuldigen so himmelschreiendes Unrecht getan zu haben."

Sie werden finden, Mylord, daß die ganze Welt so denkt; die Geschichte, von der Sie glauben, sie entlaste Lady Wayne, beweist nur ihre Schuld."

Dann wollen wir die Sache nicht weiter erörtern", sagte Lord Wayne und erhob sich;ich werde mit meiner Gemahlin nach London gehen, und werde die Aufgabe, ihre Unschuld zu beweisen, geschickteren Händen überlassen, wie den Ihrigen."

Herr Sinclair lächelte vor sich hin, die Spitze rührte ihn nicht, es war ja nur natürlich, daß Lord Wayne seine Gattin verteidigte.

Ich will ihr mitteilen, was sie erwartet, und mit ihr gehen", sagte Lord Wayne an der Tür.

Auf dem Wege zu den Gemächern seiner Gemahlin traf er Elsie.

Papa", flüsterte sie ängstlich,ist irgend etwas nicht, wie es sein sollte? Alles ist so merkwürdig."

Nichts, nichts, mein Liebling", erwiderte er scheinbar fröhlich,ich möchte aber, du bestelltest den Wagen und führest zu Lady Romsey hinüber und brächtest eine Mit­teilung von mir hin."

Sie errötete, lächelte und sagte, sie würde bald fertig sein. Er schrieb an die Gräfin hastig folgende Zeilen: Liebe Lady Romsey, ich habe keine Zeit, Ihnen ausführlich mitzuteilen, was hier nicht stimmt. Bitte, halten Sie Elsie ein paar Tage dort bei sich, und sorgen dafür, daß sie keine Klatschereien hört. Sie sollen in wenigen Tagen mehr erfahren."

Er sah, wie Elsie lächelnd und seelenvergnügt abfuhr. Daun betrat er das Gemach, wo seine Gemahlin und ihr Sohn weilten. Niemand hätte aus seinen Zügen entnehmen können, wie tief die innere Wunde war.

Evelyn", sagte er sanft,ich gehe mit dir nach London." Ihr schönes Gesicht wurde noch um eine Schattierung blässer.

Ich wollte, es wäre zu meinem Grabe", stöhnte sie leise.O, Mortimer, läßt sich nichts tun, um mich zu retten?"

Werner", sagte Lord Wayne,es freut mich, daß deine Mutter dich zur Hülfe hat; niemand weiß besser wie du, wie unbegründet, wie abgeschmackt diese Anklage gegen sie ist, die wir alle hochachten und verehren. Ich gehe mit