Ausgabe 
14.11.1906
 
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MMwoch den 14. Movember

Mr. 168

1906

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Im Marine des Heßeimniffes.

Roman von H. v. Raesfeld.

Nachdruck verboten.

(Fortsetzung.)

ytieninnb sonst hat auch nur eine Ahnung", erwiderte er.Sehen Sie, Miß West, ich habe seit vielen Jcrl)ren versucht, dies herauszukriegcn. Mancherlei Kleinigkeiten er­weckten meinen Verdacht. So zum Beispiel wollte meine Mutter mir nie sagen, wo sie gewohnt hatte, ehe sie nach Elton gekommen war. Ich dachte mir, dafür muß sie einen Grund haben. Ich bekam das auch heraus. Dann war es wir rätselhaft, wo sie ihr Einkommen herkriegtc. Nach einiger Zeit bekam ich auch das heraus. Sie wissen gut genug, daß es nutzlos wäre, etwas abzuleugnen, denn ich bin nach Abbotsville gewesen und habe dort Erkundigungen einge- zogen."

Ein berechnender, hinterlistiger Spion sind Sie ge­wesen, und Sie haben Erfolg mit Ihrem Spionieren ge­habt", sagte sie verächtlich.

Ja, das habe ich. Und ich schäme mich dessen auch gar nicht besonders. Arbeiten habe ich nie gern getan, Miß West. Als ich fand, daß meine Mutter von dem Geheimnis lebte, beschloß ich, dasselbe zu tun. Ich kann ebenso gut ganz ehrlich sein und Ihnen sagen, daß das auch der Grund ist, daß ich nie ein Handwerk gelernt, oder ein Geschäft an­gefangen habe; es wäre ja Trotz gegen die Vorsehung ge­wesen, wenn ich nicht mein Bestes getan hätte, um dies Ge­heimnis, bas mir vor der Nase, lag, auszutüfteln und davon zu leben."

Sie sind wirkich sehr offenherzig", warf sie bitter hin.

Ja, das bin ich nun mal. Deshalb werden wir uns auch um so eher verstehen. Also ich weiß, daß der junge Mann, den Sie meinen Bruder nennen, in Wirklichkeit Ihr Sohn ist. Nun, was wollen Sie mir geben, wenn ich das Geheimnis hüte, wie meine Mutter es gehütet hat?"

Zunächst fragt sich, was verlangen Sie?"

Und ihre blauen Lippen preßten sich gewaltsam zu- saininen, um den Schrei unaussprechlicher Scham und Qual zu unterdrücken, die sie darüber empfand, daß sie hier stand und um Ehre und guten Namen feilschte und handelte.

Sie sind reich", sagte Jack wie überlegend;ich weiß, Sie haben ein jährliches Einkommen von viertausend Pfund; aber Ihr Stolz, kalkulier' ich, ist Ihnen doch lieber wie Ihr Geld."

Er hielt inne; sie nickte nur.

Ich denke", fuhr Jack bescheiden fort,daß ich sehr ehrlich gegen Sie verkahre. Andere Leute würden die Hälfte

von dem verlangen, was Sie haben. Ich will nur eintausend Pfund pro Jahr mehr nichr".

Sind Cie verrückt?" fragte Miß West verächtlich.

Nein, ich bin vollkommen bei Verstände. Nur ruhig, überlegen Sie sich's, ehe Sie mir's abschlagen. Unter dem tu' ichs nicht. Wenn Sie's mir nicht geben, gehe ich zu Lord Wayne. Er wird Nachforschungen anstellen, und dann wird es mit Ihnen total vorbei sein Sie können sich nie wieder sehen lassen. Ueberlegen Sie sich's also, so lange Sie wollen; drängen will ich Sie nicht. Ich werde wiederkommen und mir Ihren Bescheid holen."

Er Hütte noch mehr gesagt, aber in diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und- Werner trat hastig herein. Der Diener hatte ihn nach langem Suchen endlich im Garten hinter dem Hause gefunden.

Er sah verwundert nach Miß West, doch sie wandte ihr Gesicht ab, um ihn die Totenblässe darauf nicht sehen zu lassen. Mit einigen undeutlich gemurmelten Worten der Entschuldigung ging sie schnell hinaus, Werner einiger­maßen verblüfft über ihr sonderbares Benehmen zurück- lassend.

41. Kapitel.

Erkauftes Schweigen.

Schnell stieg Marian West die große, breite Treppe empor, nnt die Einsamkeit ihres eigenen Gemaches auf- zusuchen. Selbst im Traum hatte sie nicht daran gedacht, bah es so kommen könnte, hatte sie sich doch stets so sicher gefühlt in dem Bewußtsein, daß das Geheimnis ge­borgen. Wohl hatte sie zuweilen, im schlimmsten Falle, sich vorgestcllt, daß Kate Jefferies krank werden und viel­leicht in Fieberträumen davon sprechen könne, aber daß, auf diese außergewöhnliche Art und Weise ans Licht kommen würde, war ihr nicht im entferntesten eingefallen.

Sie ging in ihr eigenes Ziinmer und schloß die Tür sorgfältig, dann blieb sie stehen, wie jemand, der plötzlich im Leben Schiffbruch gelitten. Sie war verwirrt, wie vor den Kopf geschlagen, keines klaren Gedankens fähig. Sie hatte die Last ihres Geheimnisses seit so vielen Jahren allem getragen, daß das Bewußtsein, es sei trotz all' ihren Vorsichtsmaßregeln aus Licht gekommen, zuviel für sie war. ,,

Großer Gott!" rief sie, als sie nnt gerungenen Händen da stand, den irren Blick ins Leere gerichtet,endlich istz es gekommen!"

Die unbestimmte Furcht langer Jahre hatte sich ver? wirklicht; die quälende Angst, die sie zuweilen verfolgt unbi in ihren Bannkreis gezogen, war düstere, grausame $3irt« lichkeit.

Es ist gekommen. 0, Eve! wie soll ich dich retten; mein Liebling? Dn hast mir so vertraut du glaubst,, die Vergangenheit sei tot, begraben und vergessen. Und ich habe dich betrogen o, ich Elende, Erbärmliche, Schuld