Ausgabe 
14.9.1906
 
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sich beobachtend' mit voller Klarheit an jenes zu hängen. Und das kranke Ich lebte und dachte in einem furchtbar komischen Wirrsal verdrießlicher Irrungen. Es war so von Halluzinationen und Visionen in Anspruch genommen, daß dem Patienten die Zeit mit unbegreiflicher Schnelligkeit verflog nnd er eigentlich niemals Langeweile verspürte, obwohl er sich mit nichts ernstlich beschäftigen konnte. Aengstlich verheimlichte er den Aerzten alle Zwangsvor­stellungen, die erfüllt waren von grotesker Phantastik:Ver­wunderlich genug, und vielleicht nur erklärlich aus der nahezu vollkommenen Erschöpfung aller meiner Kräfte, in der ich schon in die Krankheit eingetreten, war mir selber in jeder Rückschau der vollkommene Mangel an sexualen Gesichten in einer so langen und bunten Reihe von Erscheinungen. Noch eine daraus sei verzeichnet, weil mir i!*£ Ursprung durchaus rätselhaft erscheint. Ich wußte ganz gewiß, daß der Arzt, der mich behandelte und alle seine Hingebung und Kunst an mich wendete, keinen anderen ähnlichen Fall in seiner Praxis habe. Dennoch glaub' ich au einen solchen, und es war ein Doppelgänger von mir und es bestand eine Art Vampyrismus zwischen uns. Denn je schlechter es mit mir bestellt war, desto näher rückte jener seiner Genesung : trat aber bei mir eine jener immer trügerischen Wendungen zum Besseren ein, so siechte mein Widerpart schlimmer dahin, ohne daß mir in einer nicht aufzuhellenden Weise das gleichgültig bleiben konnte. Zwi­schen uns beiden aber lief eilfertig und ohne Unterlaß ein Hündchen hin und wieder. Oftmals war mir, als müßt' ich darauf Leuten, damit man ihm endlich den Paß ver­lege; niemals aber vermocht' ich diesen Entschluß. Es war, als müßten nun einmal die Dinge und was immer in noch so wunderlicher Weise mit ihnen verwoben war, ihren unaufhaltsamen Lauf haben bis ans letzte und vor- bestimmte Ende, das niemand zu wenden stark genug war, dahin ich von geheimer Gewalt geführt ward, um es schaudernd oder eratmend zu grüßen. Und so trug jener kleine behende Bote des Unheils fürder unbeirrt seine Posten. Es scheint mir merkwürdig, wie die Einbildungs- kraft, die wir sonst zu meistern wähnen, sich selbstherrlich aufreckt, dem gebietenden Verstand fast feindselig gegenüber­stellt und uns Widerstrebende gewalttätig Pfade sührt, die zu betreten uns anders mit gutem Grunde schaudern würde."

Tie vielen Amerika na abenteuerlichster Art, die man besonders in der sauren Gurkenzeit alljährlich aufgetischt bekommt, erfüllen jeden vernünftigen Leser gewiß mit Ver­druß. Ms wäre da drüben wirklich nur ein Land der ewigen Wunder und Ungeheuerlichkeiten auf jedem Gebiete! Um so angenehmer berührt inzwischen dieses Wustes von Auf­schneiderei und Sensationshascherei ein vernünftiger und belehrender Artikel, der wertvolle Aufklärungen bringt.

Tr. Thomas Stet tu er behandelt im letzten Heft vondlord u.nd Süd" (Verlag S. Schottländer- Breslau) Die Sage von der weißen Frau" und versucht es, zu ergründen, auf welchem Wege die Gräfin Kunigunde von Orlamünde mit derweißen Frau" des Hohenzollern- schen Hauses in Verbindung gebracht wurde.Zum ersten Male wird nach dem Tode des Markgrafen Mbrecht Achilles berichtet, daß in den dunklen Gängen und Gewölben der Plassenburg eine gespenstige Erscheinung im weißen Ge­wand sich zeigte. Sie stiftete soviel Unruhe und Unheil an, daß Albrecht der Krieger ihr weicht und die Hofhaltung nach Bayreuth verlegt; aber auch dort erscheint sie, ebenso in Berlin und bald überall, wo Hohenzollern sitzen. In Minutolis Geschichte der weißen Frau sind alle bekannten Fälle ihres Erscheinens ausgezeichnet" sie sind zahlreich genug. Man vermag wohl zu erkennen, wie die Gestalt Kunigundens von Orlamünde der ehemaligen Besitzerin der Plassenburg mit der weißen Frau der Hohenzollern rdentifiziert wurde.Die schöne Herrin, die lange dort ge­wohnt hatte, war in blühenden: Alter ins Kloster gegangen, kurz nachdem Burggraf Mbrecht eine andere gefreit. In der orlamündischen Gruft zu Himmelskron nahe der Plassen­burg fand man unverwest geblieben die Leichen zweier Kinder, deren Namen keine Inschrift und kein Bild meldete." (Nm Albrecht freien zu können, soll die schöne Gräfin ihre beiden Kinder erster Ehe im Schlafe nut einer goldenen Nadel getötet haben.)Als nun die Kunde sich verbreitete, daß in jenem Schlosse ein Geist in weißem Gewände sich zeige, da mochte vor das innere Auge eines Besuchers! jener, vrlamündischen Kiude^rnst die Gestalt der Gräfin

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von Orlamünde treten, wie er sie in Gründlach auf ihrem' Grabstein gesehen. Da dieser ursprünglich farbig war, mochte der Eindruck der hohen Gestalt in: weißen Kleide wohl ein bleibender sein! Sie hatte ja nach ihres Mannes Tode heiß einen anderen geliebt, war ins Kloster gegangen, wohl nm begangener Schuld willen; aber der Himmel hatte die Sühne nicht angenommen, und in dem Gewand, in dem sie auf dem Grabstein steht, wär sie verurteilt, ruhelos uniher zu wandern. Durch den Zusammenhang mit Albrecht war erklärt, warum sie ein Gast der Hohenzollernschlösser sei, nnd so war Kunigunde von Orlamünde zur weißen Frau geworden." Lange galt sie als ein Geist der Rache, der den Hohenzollern nur erscheine, um ihnen Unheil und Nahen des Todes zu künden. Später aber hat sich die Sage gewandelt, die weiße Frau ist zu einer milden Mahnerin geworden, indem sie das, was sic ans sündiger Liebe verbrochen haben soll, durch Täten nie ermüdender Liebe sühnen will. So wurde sie schließlich zu einem Schntz- geist des Hohenzollernhanses im Volksaberglauben umge- stallet.

In dem neuesten Heft derDeutschen Kultur" (Deutscher Kulturverlag, G. m. b. H., Leipzig) befindet sich u. a. ein lesenswerter Artikel von Max Hertel iiberTie Psychologie des Kleides". Zuerst zwang natürlich die äußere Notwendigkeit den Menschen dazu, sich zu kleiden. Dann erst entwickelte sich das Schamgefühl, das ihm gebot, seine Blöße sorgfältig zu bedecken. Eine gewaltige Rolle inbezug auf die Entwicklung der Bekleidung zum Luxus, zur denkbar größten Schönheit, spielt das Liebesleben: Wäre ein Geschlecht allein da, so würde die Kleidung ohne Zweifel ärmer sein, sie entbehrte eines bedeutenden Im­pulses, und insofern ist das Liebesleben ein Teil ihrer psycho­logischen Grundlage." Ebenso hohes Interesse wie etwa, die Nationaltracht erregt vom psychologischen Standpunkt aus die Art, wie sich der einzelne kleidet:Mancher hat die Gewohnheit, jahraus, jahrein dieselben Kleider, die gleichen Farben, Schnitte nnd Stoffe zu tragen. Diese Er­scheinung tritt weniger bei der Jugend als beim Alter, mehr bei Männern als bei Frauen auf. Abgesehen von den Fällen, da wirtschaftliche Motive das Beibehalten be­dingen, ist es oft der Ausdruck einer auf alle Lebensgebiete übertragenen konservativen Gesinnung. Dann wieder kann es Eigentümlichkeit eines Menschen sein, der durch Arbeit, vornehmlich ideelle, in Anspruch genommen ist. Zeit­mangel oder die Einsicht, welch geringer Wert der Kleider- fragc zukommt gegenüber den Gütern, die er sich erworben hat und täglich neu bereitet, veranlaßt ihn zu der erwähnten Stagnation in seiner Bekleidung. Oft auch hat sie ihren Grund in einer bestimmten Verfassung des Gemüts, in einer Resignation, Depression, Verachtung oder wenigstens Gleichgültigkeit gegenüber den Gütern der materiellen Welt." __ (Nat.-Ztg.)

Ikanenporst öer den MimvMem.

lieber dieses Thema sprach Professor Dr. Adree- München auf dem Deutschen Anthropolo gentag in Görlitz. Zunächst betonte er, daß das Epos nnd Drama unberührt bleibe, die Frage nach einem weiblichen Homer, Goethe oder Shakespeare ist noch eine Frage der Zukunft. Bei den Naturvölkern finden wir Frauen in derselben Weise dichterisch tätig, wie die Männer; freilich ist der nur feiten vorkommende Reim und der Rhythmus von besonedrer Art, aber bei Frauen und Männern in gleicher Weise. Die poe­tischen Erzeugnisse sind immer improvisiert, nur bei den Kultushandlungen findet sich traditionelle Poesie vor; bei den improvisierten lyrischen Gedichten ist der Dichter nnd die Dichterin gleichzeitig auch immer Sänger und Komponist. Be: einzelnen Völkern treten lediglich Frauen und Jung­frauen dichtend auf, so bei den Guyana-Indianern und den Kamschageli; berühmt ist dieGoldblume" auf Haiti, die Bet ihren: Volk zu hohen: Ansehen gelangte; weil sie durch ihre Gesänge zum Kampf gegen die weißen Eindring­linge aufforderte, Würbe dies Heldenweib in: Jahre 1505 von den Spaniern gehängt. Auch bei den Völkern, bei denen Männer als Dichter auftreten, sind den Frauen allein Vorbehalten zunächst die Wiegenlieder. Ebenso sind die Spiellieder allein Sache der Frauen. Hier finden wir eine ganze Reihe von Parallelen, die uns zeigen, wie manche Spiele und Lieder durch weite Länder hindurch gehen. So finden wir das bekannte europäische Spiellied:Das ist