Ausgabe 
14.9.1906
 
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Sie antwortete nicht, sondern sah die Schwester nur un­verwandt an.

Du hast ein Geheimnis und einen dunklen Punkt in deinem Leben gehabt," begann Marian wieder,indes ich glaubte, jede Seite läge klar vor mir, wie ein offenes Buch. Lag jetzt keine Geheimnisse, keine Dunkelheiten mehr herrschen, Evel Vertraue mir, Liebling; Du wirst in mir die treueste und vertrauenswürdigste Freundin finden."

Ein qualvoll gespannter Ausdruck lag in Marians Zügen, ein bittender, sehnsüchtiger Ton in ihrer Stimme, dem auch das härteste Herz nicht hätte widerstehen können.

Evelyn's schöne, dunkelblaue Augen füllten sich mit Tränen.

Ich kann es nicht," schluchzte sie leise,ich kann dir nichts anvertrauen, Mariani Du weißt es; quäle mich nicht. Mein Geheimnis ist mein eigen; es muß mit mir sterben. Ach, Schwester, wenn ich nur hätte sterben können!"

Kannst du mir denn nicht wenigstens die nähereil Um­stände deiner unglücklichen Heirat mitteilen? Nicht sagen, iver dein Mann ist? Nicht, warum dies alles so geheim ge­halten iverden soll?"

Ich kann es nicht."

Willst du mir denn nicht sagen, ob ich ihn oder seine Angehörigen kenne oder sprechen kann? Es muß doch ein Grund dafür vorhanden fein, daß du mir nicht vertrauen willst, mein armer Liebling."

Ich kann dir nichts von ihm sagen, Marian, kein Wort. Du kannst ihn nie seheii und sprechen. Frage mich nicht."

Miß West sah verblüfft und ratlos aus.Also ist er tot?"

Evelyn schwieg.

Ich muß fragen und muß es ivissen, Evelyn," sagte sie dann ernst.Du bist nur ein Kind, iveißt nichts vom Leben und hast keine Erfahrung. Du mußt es mir sagen, Evelyn! Hast du, getäuscht durch miivahre Angaben, vielleicht unter deinem Stande geheiratet? Hat er dich verlassen? Vertraue mir doch, Schwesterchen?"

Ich kann es nicht," versetzte Evelyn leise schluchzend. Marian, da sprechen die Leute vom Tode; ach, den Tod würbe ich leicht und gern ertragen im Vergleich mit dem, was ich gelitten; und vielleicht die größte Qual von allem ist, daß ich es dir jetzt abschlagen muß, mein Geheimnis an­zuvertrauen, wo du so gut mit mir bist."

Es ist tausendmal mehr deinct- als meinetwegen," sagte Marian dringliche

Aber es kam keine weitere Antwort von den blassen Lippen, al.s nur, daß sie es nicht könne sie könne es nicht. Einsehend, daß alles nutzlos war, gab Miß West das Fragen auf; und Evelyn verbarg das Gesicht in den Händen.

Marian," sprach sie dann leise,es ist nicht Verstockt­heit von mir. Wenn irgend welche Reue ungeschehen machen könnte, was meine Torheit und Verblendung begangen, so empfinde ich diese Reue; wenn der bitterste Kummer Ge­schehenes ungeschehen machen könnte, so ist mein Kummer sicher bitter genug. Habe Geduld mit mir! Seit Monaten bin ich nicht mehr ich selbst gewesen. Ich habe plaudern und lachen müssen, während jede Fiber meines Herzens in Qual zuckte. Ich habe all die Angst und Not, die mir die Seele aufzehrte, zu verbergen gewußt, und diese Anstrengung hat mich von Sinnen gebracht. Habe Geduld mit mir, Marian, habe Geduld mit mir!"

Ihr schönes Haupt senkte sich tief beiden letzten Worten; und Marian, gerührt und bekümmert zu gleicher Zeit, drückte sie zärtlich und beruhigend an sich. Eine lange Pause ent­stand. Sinnend blickte die ältere Schwester in's Weite; ihre Gedanken schweiften zurück in die glückliche Vergangen­heit, die ihr ach! erst wie ein Gestern erschien, und doch war schon ein Jahr darüber verflossen wo Evelyn ein lachen­des, glückliches, kindliches Geschöpf gewesen. Noch jetzt klang ihr das glückliche, silberne Lachen in den Ohren; ach! und es war schon so lanae nicht mehr erklungen. Evelyn

pflegte sie aufzusuchen, die rosigen Hände um ihren Nacken zu schlingen und allerlei Neckerei und Kurzweil zu treiben. Diese selben Hände, die jetzt dort so weiß und regungslos lagen, dies selbe blasse Gesicht mit seinem vergrämten Aus­druck sie gehörten ihr, die in ihrer Jugend- und Schön­heitsblüte der Sonnenschein ihres Hauses gewesen, ihrer schönen holden Schwester, für deren Zukunft sie die stolzesten, ehr- geizigsten Pläne entworfen. Wer hatte dies jugendliche unerfahrene Herz betört und gewonnen, wer übte noch int Tode eine solche Macht darüber aus, daß ihr, der einzigen Schwester, der einzigen Person, die Evelyn auf der Welt nahe stand, ein Geheimnis bleiben sollte? Welche Tragödie hatte sich in diesem Herzen, das sie für das eines Kindes ge­halten, abgespielt? Welches Geheimnis lag in dem Leben ihres Lieblings, das sie für so rein und einfach wie das Leben einer Blume gehalten, begraben und verhüllt? Ihr Leben war doch so still, so einfach und klar gewesen. Sie hatte von solchen unglücklichen, übereilten, romantischen Heiraten, wie diese es offenbar war, gehört, hatte gehört, wie Kummer und Rene für die Beteiligten und nicht selten unabsehbares Unheil für alte ehrenhafte Familien daraus er­wachsen war. Aber daß ein solcher Schatten über ihr Heim fallen könnte, über ihre liebliche, zärtlich behütete Schwester es schien unmöglich.

Daun nahmen Marian West's Gedanken eine andere Richtung. Was half das Grübeln über Geschehenes und Vergangenes? Es galt, den Tatsachen ins Auge zu sehen und sich möglichst gut damit abzufinden. Was auch der eigentliche Kern dieses unseligen Geheimnisses sein mochte; eins schien ihr sicher: Evelyn hatte offenbar mit ihrer Ver­gangenheit abgeschlossen. Darauf deuteten ihre Fieberphan- tasien, daß ihr Gemahl tot sei, darauf ihr heutiges Geständnis, sie, Marian, werde ihn nie mehr sehen. Von der Seite war also nichts zu befürchten;und wegen alles übrigen", dachte sie,bin ich sicher, habe ich meine Vorkehrungen ge­troffen." Es galt also lediglich, Evelyn selbst zu veranlassen, nach außen hin so aufzutreten, als ob nichts vorgefallen, die ganze Vergangenheit als endgültig abgetan zu betrachten, wieder lebenslustig, frisch und strahlend zu werben, wie früher, dann konnte noch alles gut werben, dann würde niemand etwas ahnen, dann würden sich keine Verleumdungen, keine Klatschereien an ihre Sohlen heften, dann wnr die Ehre der Familie, ihr Ruf vor der Welt gerettet, ja, ihrem Lieblinge konnte bei seiner Jugend und Schönheit immerhin noch das glänzende glückliche Los zufallen, das sie, Marian, für sie gehofft und geträumt.

Eve, Liebling", unterbrach sie das Schweigen,noch einige Tage und du bist kräftig genug, nm nach Hause znrück-

. zukehren."

Heim? Zu unserm Hause in London?" Mit angst­voll abwehrender Gebärde erhob sich die feine, weiße Hand bei dieser Gegenfrage, und die Schwester entdeckte den schmerzlich veränderten Ton in ihrer Stimme.

"Wir haben kein anderes Heim", versetzte sie ernst. Sieh, Evelyn, ich will dich nicht mehr drängen, mir zu ver­trauen; vielleicht, daß du mir in späteren Jahren dein Ver­trauen schenkst"

Du bist so gut mit mir", murmelte Evelyn dankbar. i" (Fortsetzung folgt.)

Aus deutschen AcüschtifLeu.

Im Jnkihest derNeuen Rundschau" (Versag! S Fischer, Berlin) schildert I. I! David aus der Höhe seiner feinen abgeklärten Erzählerkunst ein eigenartig fesselndes Stück Selbsterlebens. Am 9. September 1905 war er von Gmunden elend, abgeschlagen nach Wien zu­rückgekehrt. Zum dritten Male ergriff ihn ein Leiden,das' die Aerzte wohl- nur, weit auch das fatalste Kind endlich! getauft werden muß, eine chronische Influenza. heißen". Böse Schmerzen aller Gattung, ärger als man fie erträg­lich glauben möchte", waren ihm beschert, aber niemals wich von ihm die Fähigkeit der Selbstbeobachtung, sein Ich war für ihn deutlichen zwei Wesen gespalten, das eine das kranke, das. andere das gesunde, dieses dazu verflucht.