1906
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Im Banne des Heßemmisses.
Nonran von H. v. Raesfeld.
Nachdruck verboten.
(Fortsetzung.) ± „
„Dergleichen im Beruf zu seiner Kenntnis gelangte llm- stände unb Tatsachen enthüllt kein Arzt; wenn das geschähe, hätte alles Vertrauen ein Ende."
„Das genügt mir nicht", gab sie zurück, „ich verlange mehr als berufsmäßige Verschwiegenheit. Wie ich Ihnen bereits früher sagte, ftdmir.cn wir aus guter alter Familie, und ehe meine arme junge Schwester infolge dieses unbedachten Schrittes dem Achselzucken der Welt, dem lieblosen Urteil der Frauen, dem Bedauern der Männer und mehr oder weniger dem abfälligen Urteil aller ihrer Bekannten und Freunde begegnen — ich sage, ehe sie, jung und feinfühlig wie sie ist, Zolles dies leiden soll — eher würde ich sie fortbringen, irgend wohin, wo menschliche Blicke nie mehr auf ihr ruhen sollten! — Ich habe nun alles überdacht, ich habe mir jede Möglichkeit zu vergegenwärtigen gesucht und bin zu dem Schluß gekommen, daß, wenn Sie unser Geheimnis zu bewahren versprechen, es niemals entdeckt werden kann."
Er schüttelte den Kopf. Ich wüßte nicht, daß je ein solches Geheimnis auf die Tauer beivahrt geblieben wäre, Miß West; indes, was an mir liegt, will ich tun."
„Geben Sie mir Ihr feierliches Versprechen", sagte sie ungeduldig.
„Ich gebe es Ihnen hiermit so feierlich, wie mir möglich. Ich verspreche Ihnen vor dem Allmächtigen, niemals ein Wort von dem, was vorgefallen, zu erwähnen — es sei denn auf Ihr oder Ihrer Schwester Ersuchen hin."
Marian West stieß einen tiefen Seufzer aus. „Nun bin ich ruhig", sagte sie leise. „Und nun, Doktor, wenn Sie die Güte haben wollen, morgen wiedcrzukommen — ich glaube, Evelyn ist schon zur Ruhe gegangen — und mir zu sagen, was Sie von ihrem Zustande halten, ob sie kräftig genug ist, in die Heimat zurückzukehrcn? Unsere Wirtin, Mrs. Ford, will in kurzem abreisen; die Einrichtung und das Gut, alles soll verkauft werden, und dann will sie zu ihrem Sohne in die neue Welt. „Sie sehen", fuhr sie halb lächelnd, halb ernst fort, „daß auch dieser Umstand uns günstig ist. Es ist neben Mrs. Jefferies die einzige Person, die uns hier am Orte näher kennt, und hat sie erst England verlassen und sind auch wir abgercist, so haben wir nichts mehr zu befürchten."
Dr. Rurke schüttelte kaum merklich den Kopf, erwiderte aber nichts. „Ich werde morgen vormittag also wieder- kommcn, Miß West", sagte er nur kurz, als er sich erhob.
Marian begleitete ihn bis. zur Tür unten und sah ihm nach, bis seine Gestalt im Halbdunkel der lauen Sommernacht verschwunden und seine Tritte verhallt waren. Dann trat sie ins Hans zurück und ging leise wieder auf ihr Zimmer.
Dort blieb sie lange wie angewurzelt am Fenster stehen und starrte sinnend, grübelnd, überlegend in das immer tiefer einbrechende Dunkel hinaus. Welche Gedanken sich in ihrem Hirn kreuzten, welchen Kampf sie kämpfte, ob sie ein warnendes heimliches Gefühl niederkämpfte, oder ob sie ein Für und Wider abwog — das wußte nur sie allein. Der entschlossene Zug um ihren Mund vertiefte sich; sie schien endlich zu einem bestimmten Entschluß gekommen zu sein, und einen Entschluß fassen und ihn ausführcn war bei Marian West eins.
„Golt weiß, ich kann nicht anders handeln; es geschieht nur zu ihrem Besten!" flüsterte sie leise. —
Eine Viertelstunde später verließ eine dichtvcrschlcierte, dunkle Gestalt geräuschlos den Mühlenhof, eilig durch die dämmerige Sommernacht den Weg nach der Ripleystraße einschlaaend.
2. Kapitel.
Die Schwester n.
„Und du hassest mich wirklich nicht, Marian? Du wirst mich nicht verstoßen und verlassen? Sag es mir noch einmal!"
Eine schmale, schlanke, jugendliche Gestalt^ ist cs, ni einen schweren Schal gehüllt, die vor Marian West auf den ' Kuieen liegt, das holde junge Köpfchen in den Schoß der Schwester geborgen. Lang und flutend wallt eine Fülle goldbraunen Haars den weißen Nacken herunter zur Erde.
- Sanft streicht Marian West über das prächtige seidcn- wciche Haar.
„Dich hassen? Niemals, mein Liebling. Wir hatten eine Mutter; ihretwegen habe ich für dich gesorgt, jetzt, wo bn Fürsorge brauchtest, und werbe auch ferner für dich sorgen. Aber, Evelyn, sich, ich habe bis jetzt geschwiegen und dich nicht wieder gefragt — soll ich denn nie die Wahrheit erfahren? Sag nur alles, vertrau mir doch!"
DaS goldene Haupt erhob sich langsam. Große dunkelblaue Augen, in einem Antlitz, schön wie der Traum eines Dichters, richteten sich mit unendlich kummervollem Ausdruck auf die Fragende. Es war das lieblichste, junge Gesicht, das man sich denken konnte, aber blaß, gespenstisch blaß, fast noch kindlich der Jugend und Zartheit nach, und doch lag ein Ausdruck in den holden Zügen, als wäre tiefstes unendliches Leid darüber verheerend hingezogen..


