Ausgabe 
14.7.1906
 
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Freude oder um die Eltern zu erheitern, den Freunden eine niigeucljuie Zerstreuung zu gewähren, in Tönen aus- ströpten zu lassen, was das junge Herz bewegte, das durfte nicht mehr sein. Seit man die außergewöhnliche Schön- Ijeit und Größe ihrer Stimme erkannt hatte, gehörte diese nicht mehr ihr selbst. Der Welt war sie sie schuldig, der ganzen Welt und der Kunst. Sie hatte das einsehen gelernt. Da es nun einmal sein sollte und mußte, so widmete sie sich mit voller Hingabe ihren Studien.

Die Tante erzählte ihren Gästen soeben, wie fleißig ihre Nichte Della sei und daß sie es eigentlich geluefeu, die sie entdeckt habe.

Ick bitte Sie, meine Damen, Sie können sich denken, Bernstadt ist ein Nest, aber schön gelegen. In Schlesien, mitten im Gebirge. Im Sommer ganz besonders reizend. Und nun bat meine Schwester, die an den dortigen Kantor und Lehrer verheiratet ist, wir sollen doch einmal hin- kommen, ich und Lueie, es war vor zwei Jahren, nach dem Tode meines seligen Mannes."

Bitte! Fran Rätin, erzählen Sie doch weiter", sagte Frau Streitmann und nahm ein Sandtörtchen, das sie mit schnalzender Zunge verkostete,es ist so interessant, über den Entwicklungsgang und die Vorgeschichte einer Künstlerin etwas zu höreu."

Und eine große Künstlerin wird Delta sicher werden. Das habe ich damals gleich zu meinem Schwager gesagt. Ich nahm nämlich die Einladung meiner Schwester nach Bernstadt an und fuhr mit Lueie hin. Es war ein prächtiger Sommer. Das kleine Oertchen mit seiner Ruhe, so recht gemacht für trauernde .Herzen. Lueie fand an Della eine gute Gefährtin, und um mich waren Schwager und Schwester in herzlicher Liebe bemüht. Es sind so gute, schlichte Menschen", fügte sie ein wenig herablassend, hinzu, und die Einfachheit ihrer Sitten und Gewohnheiten tat mir wohl."

Wie merkwürdig, daß Ihre Schwester den Kantor einer kleinen Landgemeinde geheiratet hat, während Sie selbst, Iran Justizrätin, in so hoher gesellschaftlicher Stellung lebe»?' glaubte Iran Heiter zwischen Kompliment und Anzüglichkeit bemerken zu müssen.

Dabei ist doch nichts Merkwürdiges", sagte die Kapell­meisterin.Es machen doch nicht alle Menschen gleiche Par­tien, und es gibt ja auch Mädchen, die gar nicht heiraten."

Frau Direktor Streitmann, die gutmütig und behäbig den Spott der Malerin über diese Aeußerung fürchtete, sagte mit breiter Stimme:Wir wollen doch unsere liebe Wirtin nicht immer mit Zwischenfragen unterbrechen, sonst be­kommen wir die Geschichte nickt mehr zu hören heut', und das wäre schade; aber eins muß ich noch vorher fragen die wundervollen Sandtörtchen . . . delikat. Nehmen Sie rohe oder gekochte Eier dazu und verrühren Sie die Butter zur Sahne oder zerlassen Sie sie?" Sie schob wieder eines der Törtchen in den Münd,das Rezept müssen Sie mir geben. Woher haben Sie es nur? Niemand in ganz Dresden bäckt solchen Sandteig."

Ich habe es von meiner Schwester. Es ist die Masse, die zu den Bröckeln des schlesischen Streu ßelkuchens ver­wendet wird."

Ach, von der Fran Kantorin? Ja, aber . . . Wieso ist sie denn eigentlich wirklich nach Bernstadt gekommen?" 1 vi (Fortsetzung folgt.)

157 Jage korsischer Mauömölder.

Erinnerungen an Korsika.

Nach eigenen Erlebnissen ausgezeichnet von Adolf T i c m a n n, (Nachdruck erwünscht.) (Fortsetzung.)

Hat nun Dame Faggianelli dem H. etwas vorgelogen, tim Geld zn machen, oder hat pp. H. die pp. Faggianelli resp. den Sohn bewogen, jene Aussage zu machen. Inter­essant ist, daß einmal Mutter und Sohn besprochen haben, sie müßten sich trennen, da die Mutter den Sohn nicht ernähren könnte, worauf letzterer geantwortet hätte, er werde schon Wege finden, seinen Unterhalt anfzubringen. Nach drei Monaten meldete sich Dame Annoneiade Faggia- neUi beim Gericht und erzählte, sie wäre zu ihrem Beicht­vater beichten gegangen und hätte diesem gestanden, daß ie im Januar' die Unwahrheit gesagt hätte. Dieser hätte hr zugeredet, ihr Gewissen zu erleichtern, und so sagte le denn aus, daß sie mich um 9 Uhr vormittags am 30.

Dezember den Direktor M. ans der Salariostraße hätte verfolgen sehen. Sie fügte hinzu, ihr Sohn und zwei Hirtinnen hätten gesehen, wie ich den Berg herabgekommen wäre. Diese beiden Hirtinnen, die sie mit Namen nannte, wurden wochenlang von der Polizei gesucht und nicht ge­funden. Endlich fand man sie doch, und sie sagten aus, daß sie mich nicht gesehen hätten.

Doch nun kommt die Apotheose des Feenstückes, iuie sich Advokat Decori ausdrückte. Dame Faggianelli hatte verschiedentlich versucht, als sie gehört halte, daß der Sohn des Ermordeten zu den Verhandlungen wieder nach Ajaccio gekommen war, diesen im Hotel de France in Ajaccio zu sprechen, da sie ihm Wichtiges mitzuteilen hätte. Da der Sohn des Direktors nicht korsisch versteht, wies er Dame Faggianelli an das Saalfräulein Anna Munch. Ihr, wie auch ' später vor dem Gerichtshöfe, erzählte Dame Faggianelli, es wären zu ihr zwei seingekleidete Herren gekommen und hätten ihr 3000 Fr. geboten, wenn sie zugunsten des Angeklagten aussagte.

Sie wird nun gefragt, wann die betreffenden Herren bei ihr gewesen seien. Antwort:Ich weiß das nicht mehr." Stach vielem Hin- und Herreden zur Auffrischung ihres Gedächtnisses erinnert sie sich, daß der Besuch in den April gefallen wäre. Meine Brüder waren aber im Februar und Juni in Korsika. Da sie mich, den sie nur an.s der Entfernung gesehen halte, nach fünf Monaten wieder erkannt hätte, müßte sie auch die beschreiben können, die mit ihr Auge in Auge gesprochen hätten. Nach länge­rem Zögern kommt sie mit einer Beschreibung heraus, die gar nicht paßt, denn ich Bitt klein, meine Brüder sind groß, ich habe noch volles Haupthaar, meine Brüder haben kcins mehr aufzuweisen. Als meine Brüder ihr gezeigt werden, erkennt sie diese nicht wieder. Als mein Verteidiger Dame Annouciadc fragt, zu welchem Zwecke sie den Sohu auf- gesncht hätte, ist ihre Verlegenheit noch größer.

Und eine solche Zengin, deren Meineid handgreiflich war, hat man nicht sofort verhaftet! Ja, man hat ans die Aussagen solcher Personen 20 000 Fr. Gerichtskosten anfgewandp um die Ehre eines unbescholtenen Preußen zn vernichten, für den Schulprofessoren, Pastoren, Rechts­anwälte, Gerichtsräte ihre Hand jederzeit ins Feuer gelegt hätte.

Dieser 13jährige Bube Faggianelli nahm meinem Rechts­anwalt Decori gegenüber bei seinem Verhöre eine- solche Stellung au, daß letzterer bemerkte:Der Bursche will mir wohl noch drohen", und als ivir am Abend nach meiner Freisprechung in einem Cafe Platz nahmen, drängte er sich heran, sodaß Rechtsanwalt Decori den Beugel durch Geheimpolizisten entfernen ließ. Basiiancr Knaben haben ihn daun wenigstens gehörig durchgeprügelt.

(Fortsetzung folgt.) . .....

Die Geschichte der Wertagsöirchsiarrdkung Gmil Msth in Aießtn.

Am 15. Juli d. I. find 30 Jahre vergangen, seitdem Herr Otto Roth, der jetzige Inhaber, das Geschäft über­nahm. Aus diesem Anlaß dürften nachstehende Mittcil- ungeu über den bedeutenden Verlag vielen unserer Leser willkommen sein.

Die Verlagsbuchhandlung Emil Roth würde im ^ahre 1822 durch. B. C. Ferb er zunächst als Sortimentsbuchhand- lüttg gegründet. Nach Ferbers 1844 erfolgtem Tode trat Hessen Witwe Dorothea Ferber geb. L'Mlemand, 1846 in eheliche Verbindung mit Emil Roth aus Weißenburg a. Sand tu Bayern. Dieser leitete das Geschäft unter der Firma Ferbersche Un i v ers it ä t s b u ch h an d lun g (Emtl R o t h)" weiter. Durch den Anfang 1860 erworbenen Ver­lag von Alexander Pabst und Karl Wilhelm Leske in Darm­stadt lenkte er in den Uebergang seines Sortiments- zum Verlagsgeschäft ein. Einen ferneren erweiterten Aufschwung erfuhr die Geschäftsfirina durch ihre in den 1860er Jahren vollzogene Verbindung mit zwei Gelehrten von bedeuteiwem Ruf, nämlich mit den Herren Professoren Jak. Molescyoir in Zürich, später in Rom, und Geh. Jnstizrat Professo Dr. v. Schulte in Bonn, deren Werke in jener Seit em berechtigtes Ansehen genossen. Bis zum Jahre 1864 puP-t Emil Roth das Doppelgeschäft: Sortiments- und Slerlags- buchhandlung weiter; von da ab übertrug er ersteres seuu> Stiefsohn Wilhelm Ferber in Gießen, während die Verlags buchhaudlung von ihm unter der speziellen FirmaEim