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Der Siern.
Roman von Hirt ch F r a n k.
Nachdruck s.
(Fortsetzung.)
„Also, Lncicchen, wie sah sie ans?"
„Hat sie die Haare noch immer gefärbt?"
„Rot sind sie, aber ich glaube nicht, daß sie sie färbt," bemerkte Fran Hiedler. „Sie sehen ganz echt aus, und der Teint und die ganze Persönlichkeit ... ich fand sie entzückend, und hatte nicht den Eindruck, daß sie zurechtgemacht sei."
„Man sagt es aber doch," wendete eine Malerin hämisch ein.
„Gott, man sagt viel, was nicht ivahr ist. Besonders über schöne Frauen."
Fran Kapellmeister Hiedler, die ehemals Schauspielerin war und noch immer für sehr hübsch galt, erfreute sich nicht des besten Leumunds.
Bedeutungsvolle Blicke wurden ausgetauscht.
„Daun ist es schon besser, nicht schön zu sein."
„Das ist nun Ansichtssache," erwiderte Frau Hiedler gereizt auf die boshafte Bemerkung der alten Jungfer. „Sie waren wohl auch in Ihrer Jugend dem nicht ausgesetzt."
• Die Sache spitzte sich zu, die Situation wurde peinlich. Man kicherte und tuschelte sich kleine Malicen ins Ohr, als Fran Streitmann der armen Justizrätin zu Hilfe kam: „Sie wollten ja erzählen, ivas die Elton für Toilette hatte."
„Ja, ja, ivas trug die Elton?"
„Ein schwarzes, hohes Tüllkleid aus gebranntem Tüll, ganz leger gearbeitet; sehr duftig und luftig umfloß cs die hohe Gestalt und ließ jede Bewegung sichtbar werden."
„Sie werden ja ganz poetisch, Frau Kapellmeister."
„Das Schöne regt mich immer an."
„Und was weiter?" rief Frau'Handtke hastig, um erneute Sticheleien unmöglich zu machen. „Lucie, vielleicht sprichst du auch ein Wort?"
„Gott, Mama, alle Welt weiß doch, daß die Elton schön ist und sich gut kleidet. Da gibt's doch nichts Besonderes zu erzählen. Sie hatte übrigens 'ne weiße Straußenfederboa um, die sich jeder Mensch zu Weihnachten wünschen könnte."
Alle lachten und die Justizrätin sagte: „Für weiße Straußenfederboas bist du zu einfach und bürgerlich, Lucie, das paßt für Künstlerinneu, für große Mondaines."
„Ra, das hab' ich mir denken können! Della mal in so 'ner Boa zu sehen, mit großen Brillanten in den Ohren, das ist dein Ideal I Gleichgiltig zurückgelehnt in den Fauteuil,
als kümmere sie die ganze Welt nicht, obwohl sie genau weiß, daß aller Augen auf sie gerichtet sind."
„Gefeierte Künstlerinnen können sich das leisten . ."
„Und manche andere auch, wenn sie auch nicht gefeiert sind", rief die Malerin boshaft, „sehr oft ist die Kunst nur ein Aushängeschild für ganz andere Zwecke."
Frau Hiedler wurde blaß.
„War sic allein?" suchte Iran Streitmann abzulenken.
„Rein, der Wiltelsbach saß neben ihr."
„Ach, natürlich. Er soll rasend verliebt in sie sein . . ." „Theresa und Lucie, wollt ihr nicht mit euren Wcih- nachtsarbeiten ins Wohnzimmer gehn, da seid ihr ungestört", sagte die Justizrätin.
„Ach nein . . ."
„Immer wenn's interessant ivird, schickt man uns weg", rief Theresa. Ein zurechtweisender Blick ihrer Mutter schüchterte sie ein.
„Ra ja, Mama! Das ist auch wahr. Uebrigens wir gehen ja schon. Die Pantoffeln für Papa werden fertig werden, wenn ich auch nicht hören darf, wen der Wittelsbach jetzt liebt. Wir schwärmen nun mal alle für ihn, und es stickt sich gut beim Schwärmen."
„Theresa ist ein Tollkopf", lachte Frau Hiedler und schlug die schönen Augen auf, über die Wittelsbach ihr einmal etwas Schmeichelhaftes gesagt hatte.
Wenn die Damen hier es wüßten.
Diese Vertreterinnen einer bürgerlichen Moral und Phi- listrosität, von der sie weit entfernt war.
Sic kam nur her, weil ihr Mann es wünschte. Er hielt es vorteilhaft für seine Stellung, wenn seine Frau mit den sogenannten ehrbaren Kreisen Fühlung halte. Das war gut in der sittenstrengen Stadt, lind die Justizrätin Handtke lud sic ein, weil cs ihr klug erschien, zu dem Hause eines Kapellmeisters gute Bcziehmigen zu unterhalten. Seit ihre Nichte sich zur Sängerin ansbildctc, hielt sie sich gewissermaßen für verpflichtet, mit den musikalischen Kreisen int Verkehr zu sein. Bei Hicdlcrs traf sic immer interessante Menschen und fand weitere Anknüpfungen, die sie für ihre Nichte glaubte aus- nutzen zu können.
Diese ahnte natürlich nichts von den Absichten ihrer praktischen Tante. Für sie war das Studium eine große und heilige Aufgabe. Hohe künstlerische Ziele zu erreichen, war sie auserkoren, und sie fühlte, daß sie mit nimmer ermüdenden Kräften darauf zuschreiten müsse, daß der regste Eifer, der tiefste Ernst aufzuwenden seien, um dahin zu gelangen. Schon nach den ersten Stunden bei Rciuzoni war sie sich dessen bewußt geworden. Mit dem tändelnden, leichten Spiel war's vorüber, mit dem sie bisher ihre Stimme behandelt hatte. Singen, sich selbst zur Lust undi


