Ausgabe 
14.5.1906
 
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»oitnte es mit stetem Erfolg wagen, den Zeitungen aller deutschen Territorien ihren Stoff und die Art seiner Behandlung will­kürlich vorzusckreiben. Gewöhnlich gestattete der Machthaber nur die Berichte, die der unter der strengen Zensur der Negierung stehendeMoniteur" veröffentlichte. Und wehe dem Heraus­geber, der sich in seinem Matte den geringsten Kommentar ge­stattete! Mancher deutsche Redakteur hatte selbständige Memungs- üußcrungen in diesen Schreckenssahren mit schwerem Kerker zu büßen. Nach Eintreffen der Siegeshachricht von -eipzig ging dann glücklicher Weise auch jene traurige Zeit zu Ende. Die Zeit- ungen atmeten auf, verloren aber noch einmal wieder ihre Selbständigkeit. Mit den berüchtigten Karlsbader Beschlüssen brach die Reaktion von allen Seiten tzerem und suchte mrt brutaler Faust alle Regungen des vaterländischen Geistes nieder- zuschlagen. Tiefbetrübt begruben die Patrioten alle ihre Hoff­nungen.Ich weiß nickt", klagte Arnim ut einem Briefe an Wilhelm Grimm,ob e» mein wundes Gefühl ist, das mir die Grillen macht; aber je näher, ruhiger und sicherer ich das innere Leben der Staaten sehe, so lauter ruft es m mir, daß eine harte Zeit des Zwanges, der Willkür und Nachlasng- keit über uns eindringt, daß. ich nirgends einen wahren Zu­sammenhalt gegen die Torheiten der (Hardenbergschen) Regierung und nirgends die Einleitung zu besserer Verfassung sehen kann. Und Prinz Wilhelm von Preußen, der nachmalige Begründer des neuen deutschen Reiches, schrieb in einem vertraulichen Briefe an den General v. Natznier:Hatte die Nation amw 1813 gewutzh daß von einer damals zu erlangenden und wirklich erreichten -stufe de« Glanzes, Ruhmes und Ansehens nichts als die Erinnerung und keine Realität übrig bleiben würde, wer hätte damals wohl alles aufgeopfert solchen Resultates halber? Es ist dies eine wichtige, aber schmerzlich zu beantwortende Frage. Nur ut Sachsen-Weimar war die Preßfreiheit gewährt worden. Im übri­gen -Deutschland sahen die Zeitungen ihre Existenz durch nichts gesichert. Es herrschte in betreff der Pretzverhältnisse die größte

Bei diesen Preßverhältnissen während der Jahre 18141819 mußten sich die preußischen Zeitungen von Fall zu Fall zurecht finden, so gut es ging. Es kam in jeher Provinz, ja m jeder Stadt darauf an, wie sich dort die Behörden augenblicklich zu den Zeitungen stellten, ferner, ob von früher her gewisse Frei­heiten noch nachwirkten, und ganz besonders: wes Geistes Kind der Herausgeber einer Zeitung war. Das zeigte sich hauptsächlich bei den Zeitungen am Rhein, vvr allem aber bei demRheinischen Merkur" in Koblenz, den Joseph Görres gleich init dem Beginn des Jahres 1814 mit einem Wagemute, den wir noch heute be­wundern müssen, herauszugeben begann. Am 23. ^anuar 1814 erschien das erste Matt. Es wurde mit einer Darlegung der all­gemeinen politischen Verhältnisse und mit der energischen Be­tonung eröffnet, daß dieVölkerschaften am linken Rhemufer von jeher dem deutscken Stamme angehört hatten und auch herzlich wünschten, von Deutschland wieder ausgenommen zu wer­den. Hieran schloß sich ein Ueberblick über denstand uer Armeen um die Hälfte des Jänners", der fortgesetzt wurde, und für den der Herausgeber alsbald aus dem Felde viele direkte, wertvolle Mitteilungen erhielt. Weiterhin folgtenUebersichten der neuesten Zeitereignisse", in denen die Kämpfe ut gtantfurt und die Einnahme von Paris in lebendiger Weise geschildert wurden. Als dann aber die Nachricht von der Aodcmkung Napo- leons und seiner Verbannung nach Elba eintraf, da ergriff den Herausgeber desRheinischen Merkurs" eine so ungestüme Freude, daß die simplenUebersichten" zur Würdigung ^dieses großen Ereignisses bei weitem nicht ausreichten. Hier mußte et« weithin schallender Jubelruf erhoben werden, und mit aristophanischem Humor schrieb Görres eine Proklamation Napoleons au die Volker Europas, eine groteske Verhöhnung des Gestürzten, in der noch einmal das Bild des einst so Gesürchteten, ins Ungeheuerliche verzerrt, gleichsam als gigantische Schattenftgur an die Wand geworfen wurde, ein Meisterstück politischer Satire.

Aber auch des tapferen Görres Stimme wurde bald zum Schweigen gebracht. Die Knebelung der Presse sollte noch über 30 Jahre anbauenu Erst mit der Abschaffung der Zensur und der sogenannten Preßfreiheit nach dem Jahre 1848 waren die Bedingungen zu der ungeahnten Entwicklung des gesamten Zeit­ungswesens gegeben. Hente gilt die Presse als Herd der öffent­lichen Meinung, als Großmacht auf allen Gebieten der Politik, Kunst und Kultur und als vornehmstes Mldungsmittel des Volkes. Dr. C. H.

Kulturgeschichte. Werden und Vergehen im Volkerlcben. Von A. v. Schweiger, Lerchenfeld. Mit mehreren hundert Abbildungen im Texte und 40 Tafeln. In 40 Lieferungen zum Preise von ä, 50 Pf. Erschienen sind bisher Lieferungen 1 bis 10. (A. Hartlebens Verlag in Wien und Leipzig.! Mit Einschluß der Lieferungen 6 bis 10 dieses Werkes erhält man nun einen Ueberblick über den ganzen sogenannten alten Orient": Syrien, Palästina, Assyrien, Babylonien, Iran und tllein- asten, ausschließlich Armeniens. In den durch eine große Anzahl Ab­bildungen unterstützten Stoff können wir hier leider nicht eingehen. Die

Art, wie der Verfasser die großen Kulturströmungen in bezug auf ihren geistigen, sittlichen und materiellen Inhalt zusammenfaßt, ist fesselnd und anregend. Besonders eingehend sind die geistigen Kulturgüter der Hebräer und Perser behandelt. Der Vortrag erhebt sich vielfach zu kraftvoller plastischer Gestaltung, wie beispielsweise in den Abschnitten über Moses, die Propheten, Zarathustra und das armenische Geistesleben. Ueber die alten Völker Kleinasiens weiß der Verfasser eine Menge interessanter Dinge zu sagen. Unter den Abbildungen sind zu erwähnen der salo­monische und herodianische Tempel (nach Modellen des verstorbenen Bau- rateS Schick), die großartigen Bauten der Achämeniden und die Skulptur­werke aus der Sasanidenzeit. Der fließende Vortrag macht das Studium so schwerer Themata wie beispielsweise desAvcsta", desWendidad", der Phclewischriften (Dinkard, Bundehesch),' zu einem Vergnügen.

Korfiz Holm, Th oinas Kerkhoven. Roman. Decken­zeichnung von Th. Th. Heine. Preis flexibel in Leinen gebunden mit Ocffner 5 Mk. Verlag von Albert Langen in München. Korfiz Holm hat in diesem Roman zum erstenmal seine ganze Kraft und seinen ganzen künstlerischen Ernst in einem groß angelegten Werke konzentriert. Was seine kleineren Werke auszeichnete: ein guter, knapper, reiner Stil und die Fähigkeit, eine Gestalt mit wenig Strichen zum Greifen lebendig bin« znstellen, diese Vorzüge bewährt er auch hier. Daneben aber überrascht es, wie Holm gleich in seinem ersten Roman die Technik dieser Dichtungs­gattung beherrscht. Er versteht es, eine Fabel auszubauen und in stetig fortschreitendem Zuge, in mächtiger Steigerung sortzusühren. Holm gibt uns die Geschichte des künstlerisch empfindenden jungen Menschen unserer Zeit dem die Skepsis gegen sich selber die Kraft zu starkem künst­lerischem Schaffen lähmt, der als Mensch im ewigen Kampfe mit sich selbst ist und dadurch der naiven LebeuSrobustheit des Weibes unterliegt, daS er sich zur Frau genommen hat. Dadurch gelaugt er auf dem tiefsten Punkte seines Daseins an, doch ermannt und bescheidet er sich, er sucht fein Selbst in harter Arbeit um sein Brot, findet eS aber erst in der Ein­samkeit. Eie läßt seine Straft zum Leben und zum eignen Schassen er­starken, und er erlangt, als ein ganzer, auf sich selbst gestellter Mann, in der Liebe der Jugendgeliebten das Glück seines Lebens. Uni die Haupt- gcstalten gruppiert sich eine Reihe köstlich beobachteter Episodensignreii, die, meist humoristisch gesehen, den Roman mit einer belebenden Frische er­füllen. Im Mittelpunkte des zweiten Buches, daS in München spielt, steht die Geschichte von der Gründung eines Theaters, die Holm Gelegen­heit gibt, uns Typen aus Künstler-, Literaten- und Schauspielerkreisen in humoristisch-satirischer Zeichnung vorzuführen.Thomas Kerkhoven" offenbart sich als ein Werk voll künstlerischen Temperaments stark in der Liebe, im Haß, in der Verachtung und ist erfüllt von einer liefen inneren Beseelung. Auch ein gutes Stück Heimatkunst gibt uns der Dichter darin. Tas erste und dritte Buch spielen in seiner baltischen Heimat, dm deutsch-russischen Ostseeproviuzeu, Heimatkuust empfangen wir hier aber in noch höherem Sinne: kann man doch auch von einer Heimat der Seele sprechen. Einer, der heimgefunden hat zu sich selbst, spricht aus diesem Buche zu uns. Das gibt dem Werke seinen erfreulichen, ernsten, aus festen Füßen stehenden Optimismus, einen Optimismus der aus Resignation erwachsen ist und dennoch voll Kraft ist und voll einer heißen, männlichen Liebe zum Leben um seiner selbst willen.

VeVmi?Htes.

Blaues Brot. Unter dem Brotgetreide des Kaukasus ist die scabiosettahnliche Cephaiaria Syriaca ein so weitverbreitetes. Unkraut, daß der Weizen durchweg bis zu 2 Prozent Cepha- lariensarneu entljält. Wie alle spezifischen Getreid-untruiuter (Mohn, Kornrade, Kornblume, Rittersporn, Adams) ist auch dieses Unkraut einjährig und bringt reichlich Samen von bläulicher Farbe. Dieselben euthalteii, toie der kaukasische Weizen, etwa 16 Prozent Eiweiß, das Mehl aber läßt sich nicht,für sich allein verbacken, wohl aber mit Getreidemehl. Eine Beimischung von i/2 Prozent Cephalarienmchl macht aber den Brotteig bereits bläulich, 1 Proz. bereits deutlich blau. Diese Wirkung beruht indessen nicht auf einem direkten Farbstoff, sondern rührt nach Knpeis von der Zersetzung eines in den Samen enthaltenen Bitterstoffes und der Gerbstoffe in denselben her, auch wird das Boot nicht in der Rinde, sondern nur in der Krume blau. Die Bevölkerung des Kaukasus bevorzugt das blaue Brot vor dem weißen, und da die Samen gänzlich ungiftig smd, wird itaturliw auch nichts zur Vertilgung des Unkrautes getan.

Riitssl.

Nacksdruck verboten.

Mita" ist es ein nützlich Instrument, Mitu" es jeder sein eigen nennt.

(Auflösung in nächster Nummer.f

Auflösung des ErgänzungBrätsels in voriger Nummer: Großer Menscheii Werke zu sehii'n. Schlägt einen nieder, Doch erhebt es auch wieder, Daß so etwas durch Menschen gescheh'». , Rnckeri.

Redaktion: Ernst Heß. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckeret. R. Lange, Gießen.

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