Ausgabe 
14.5.1906
 
Einzelbild herunterladen

279

Verheißung. Sie hatte immer mit vielen Jahren ernsten Studiums als mit einer nie zu erreichenden Möglichkeit gerechnet aber nur ein halbes Jahr? Sie hatte 200 Mark von ihrem Verdienst zurücklegen können in diesem Jahre angestrengtester Arbeit.

(Fortsetzung folgt.)

Zur Geschichte der deutschen Zeitung.

Die letzte Jahrhundertwende lenkte auf den mannigfachsten Gebieten die Blicke der Forscher zurück. Es drängte ^ste, Abrech­nung zu halten über das, was bisher menschliches -streben und Weben, menschliches Wollen und Vollbringen geleistet die Külturergebnisse auf den Generalnenner zu bringen und aufzu­zeigen, wie die gegenwärtigen Zustände geschichtlich bedingt, wie sich ihr Ablauf ju dem heute vorliegenden Ergebnis hin int ganzen und einzelnen gestaltet hat. So entstanden Kunst- und Literaturgeschichten in beängstigender Zahl. Und wenn auch in Deutschland, wo man viel lieber dieses oder jenes ü b e r die Großen und Größten liest, als daß man ihre Werke selbst vornimmt, die Nachfrage nach orientierenden Büchern für die verschieden­artigsten Zweige wissenschastlicher und ästhetischer Forschung stets sehr groß gewesen ist, so wurde das Bedürfnis durch die Verlags­buchhandlungen doch weit überboten. Zu dem Brauchbaren und Vorzüglichen indessen, das diese 'Flut deutscher Verlagserschein­ungen um die Jahrhundertsscheide gezeitigt hat, darf matt das fleißige dreibändige WerkGeschichte dess deutschen Zeitungswesens von beit ersten Anfängen bis zur Wiederaufrichtung des deutschen Reiches" von Ludwig Salomon rechnen, das im Verlage der Schulzeschen Hosbuchhandlung in Oldenburg nach« dem Erscheinen des dritten Bandes jetzt vollständig vorliegt. Man konnte mit großem Recht häufig Verwunderung darüber äußern hören, daß sich bisher niemand daran gemacht hat, die historische Ent­wicklung der Presse, dieses wichtigen Kültnrfaktors in der Gegen­wart, aufzuzeigen und damit einen bedeutsamen Beitrag zur neueren Geschichte und neuesten Kultur- und Gesellschastsgeschichte zu liefern. Auch konnte man darüber erstaunt sein, daß an unseren Universitäten über den Werdegang des Zeitungswesens, über die Entwicklung der Schriftstellerei, ja wenn man will, der Bnchschreibeknnst so gut wie nichts verlautete und höchstens hier und da einmal ein einstündiges Publikum angekündigt wurde. Dieser Mangel an systematischen Forschungen auf einem so wich­tigen Gebiet zur Kenntnis und Erkenntnis unseres Kultnrverlauss muß im wesentlichen ans die verschwindend geringen wissenschaft­lichen Vorarbeiten und auf die schwierige Beschaffung des in Hunderten von Staats- und Privatbibliotheken, in Archiven und Liebhabersammlungen verstreuten Materials zurückgeführt wer­den, das für manche Zeitperiode nock dazu von erschreckender Dürf­tigkeit ist. Um so größere Anerkennung und Bewunderung ist daher Ludwig Salomon zu zollen, der nach fast fünfundzwanzig- jährigen Separatstudien nunmehr die Ergebnisse seiner gewissen­haften Forscherarbeit in einem dreibändigen großen Werk dar- gestellt hat.

Die moderne Zeitung ist von Geburt aus eine Deich che ein Kind der Reformation, der Renaissance, der allgemeinen Wiedergeburt freiheitlichen Geistes, des erwachenden Individualis­mus, des allmählich sich entwickelnden Kultus der Persönlich­keit. Kaisertum und Papsttum sanken in Trümmer. Eine neue Zeit brach herein, getragen von bedeutenden, kampffrohen und energiestarken Männern, die kühn das Alte und Morsche nieder- rissen und eine allgemeine Zersetzung und Umbildung aller so­zialen und knltnrellen Verhältnisse herbeiführten. Diese Men­schen, die sich in den verschiedenen Zentren zu gemeinsamer Külturarbeit zusammenfanden, brauchten aber Mittel und Wege, um sich gegenseitig von dem Fortschritt ihres Tuns zu über­zeugen, um über neue und erfolgreiche Maßnahmen zur Fort­führung der reformatorischen Aufgaben mit einander in Ver­bindung zu treten. Dazu bedurste es nun nicht nur der Wirk­samkeit durch Tat und mündliches Wort. Auch die Schrift mußte mithelfen, um die neuen Ideen in weitere Kteise zu tragen. Und nicht so sehr dickleibige Bücher, deren Herstellung damals noch verhältnismäßig lange Zeit in Anspruch nahm und deren Verbreitung bei dem teuren. Preise und der Scheu _ der großen Menge vor langatmigen Auseinandersetzungen nur äußerst gering war, sondern die kurze, schnell fertige und schnell ver­breitete Tagesnotiz mußte in den Dienst der Aufklärung, des Austauschens von Welt- und menschheitbewegenden Ideen und Nachrichten benutzt werden. _

Hierzu bediente man sich zunächst der Briefe. Schreiben bedeutender Männer wurden nicht nur an einzelne Personen, sondern gleich an mehrere Gesinnungsgenossen in den verschieden­sten Städten gerichtet, die sie dann wiederum in ihrem Freundes­und Bekanntenkreise zirkulieren ließen. Diese Blätter nannte man schon im 16. JahrhundertLeitungen", was soviel wie Nettigkeiten, neue Nachrichten und zwar gleich von vornherein mit Vorliebe politische Neuigkeiten bedeutete, sodaß diese Be­zeichnung für den Embryo nnserer modernen Tagespreise schon denselben begrifflichen Inhalt wie heute hat eben die kollektive Bedeutung einer zusammensassenden Darstellung verschiedener poli­tischer Einzelnachirichten. Wenn auch dieseZeitungen" oder

Neuen Zeitungen", die sämtlich in lateinischer, als der damals allen Gebildeten durchaus geläufigen Sprache abgesaßt waren, die bedeutendsten und solßescküversten Nachrichten und Neuig­keiten schon ziemlich vollständig zu verzeichnen sich bemühten, so stand die Art und Weise der Nachrichtengebung doch noch auf sehr niedriger Stufe. Von redaktioneller Tätigkeit ist kaum etwas zu spüren. Die einzelnen Tatsachen-Berichte wurden vom Schreiber ebenso form- wie kritiklos hintereinander aufgezählt und nur sehr selten ringt sich in einer Art von Kommentar so etwas wie eine eigene Meinung durch, wird so etwas wie ein politisches Urteil, je nachdem in protestantischer oder katholi­scher Färbung, laut. Während diese Zeitungen lange Zeit hin­durch nur Handschriftlich verbreitet und dazu von, armen Stn- bentcn für einen Hungerlohn kopiert wurden, sah man M bei wichtigen Äiilässen, die einen längeren Bericht und möglichst weite Verbreitung notwendig machten, bald veranlaßt, auch für solche Tagesnachrichten die eben erfundene Druckerpresse in An­spruch zu nehmen.

Das wesentliche Charakteristikum der modernen Zeitung, das regelmäßige Erscheinen zu bestimmten Zeiten, haben diese Nach­richten der ersten Periode im allgemeinen noch nicht. Diese Kenn­zeichen finden wir erst in den sog.Rclatione n" des aus­gehenden 16. Jahrhunderts, die nur halbjährig, teilweise sogar nur ganzjährig, d. h. stets zur Frankfurter Buchhändlermesse im Frühjahr und Herbst, erschienen und in ziemlich umfang­reichen Heften die Ereignisse der verstossenen Zeit zusammen- saßten. Der Grund zur Einführung dieser sogen. Meß-Relationen, die sämtlich gedruckt und zwar durchweg in deutscher Sprache ab­gesaßt waren, lag hauptsächlich darin, daß vielen Lesern die gedrängte Kürze der geschriebenen Zeitungen nicht mehr genügte. Diese Zeitschriften, so möchte mau sie fast nennen, deren bedeu­tendste in Köln und Frankfurt und zwar teilweise sogar mit Buch­schmuck, unter Beigabe von erläuternden KUpfern und Karten, herauskamen, unterschieden fick'-, außer durch eine größere Aus­führlichkeit, int ganzen Ton, in Ansdrncksweise und Anordnung nur wenig von bett bisher handschriftlich hergestellten SBlättent.. Im Gegenteil: sie waren womöglich noch nüchterner, trockener und uninteressanter abgefaßt, als jene und brachten ebenfalls nichts weiter als eine lose aneinander gereihte Kette mehr oder weniger wichtiger Begebenheiten.

Je mehr nun aber bei der großen Menge, dem Zuge der Zeit folgend, das Interesse an den öffentlichen Geschehnissen und an ihrer Bedeutung für Gegenwart und Zukunft wuchs, je weniger konnten die nur alle Semester erscheinenden Rel«- tionen hinreichen. So treffen wir denn bald im 17. JahrhnndeÄ ans allwöchentlich znr Verteilung gelangende Zeitungen. Als ihre Herausgeber zeichneten gewöhnlich die betreffenden 93-uap drucken, hin und wieder aber auch die Postmeister, die natürlich vielfach die einlaufenden Neuigkeiten zuerst erftihren. Tas Aeußere dieser politischen Wochenberichte hat mit, unseren heuti­gen Zeitungen noch wenig gemein. Sie kamen meist noch in Bucy-- svrm, d. h. in Quartformat, und zwar immer noch mit einem schwulstigen, mindestens ganzseitigen Titel heraus und bestanden auch in dieser Periode noch ausschließlich aus ziemlich willkür­lich aneinandergereihten faktischen Mitteilungen und orientieren­den Referaten ohne jeden Parteistandpunkt oder persönliche Nnance seitens des Herausgebers oder Redakteurs. Dazu fehlte es den leitenden Persönlichkeiten dieser Blätter infolge einer sehr pein­lichen, von Universität oder Stadtrat ausgeübten Zensur an W- wegungIfreiheit; aber es mangelte ihnen auch an der nötigen Einsicht, an allgemeiner und politisch-historischer Bildung und an persönlicher Energie, um einen regen Meinungsaustausch über Staats- iind Genteindeangelegenheiten in die Wege ztt leiten. Und so kommt cs denn, daß in den Zeitungen jener Zeit von den großen Umwälzungen im letzten Drittel des' 17. Jahrhunderts unter der Aegide des französischen Sonnenkönigs nicht tzas mindeste zu spüren ist. Und dennoch waren die Zeitungen cmch damals oder, man möchte fast sagen, schon damals für die weites-n Bevölkerungskreise das einzige Bildnngs- und BindungsmitNl unter den verschiedenen Kasten und dürfen als solche nicht unterschätzt werden. Schon das 17. Jahrnndert brachte uns die erste täglich erscheinende Zeitung, die in Leipzig von ^imo- theils Ritzsch vom 1. Jannar 1660 ab herausgegebenenNeu einlanfenden Nachrichten von KMegs-- und Welthändeln" und auch das erste regelrechte Korrespondent-Bureau, das em hochgebildeter Kunsthändler namens Philip Steinhofer in Augsburg gründet«, und das nicht nur Zeitungen sondern auch eine Anzahl purstes und andere Bevorzugte in regelmäßigen oder unregelmäßigen Zwischenräumen mit Neuigkeiten politischen und anderen tMhalts

' Im allgemeinen war aber auch im Zeitalter Friedrichs deS Großen von einem freien Fortschritt aus dem wichtigen Gebiet« des Zeitungswesens so gut wie keine Rede. Wenn auch die Er­eignisse des nordamerikanischen Befreiungskampfes und .wer der französischen Revolution die Gemüter in Europa tote niemals vorher erhitzten und die Erörterungen politischer Tagessragen in den Vordergrund drängten, so war durch den Druck einer dra­konischen Zensur von alldem in den Tagesolättern toemg ober nichts zu bemerken. r,

Ganz trostlos wurde die Lage der deutschen Presse redoch erst unter dem Drucke der französischen Fremdherrschaft. Napoleon