Ausgabe 
14.5.1906
 
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Sofaplatz noch einmal einnehmendeSonntag haben einige gute Bekannte sich bei uns zu Tisch angesagt und wenn es Euch Spaß machen würde"

Wir möchten doch wohl danken, liebe Meta" fiel Ruth hastig mit sich jäh verschüttenden Zügen ein,es ist sehr nett von Tir, an uns zu denken, aber die Trauer um unsere gute Mutter"

Eine kurze Stille folgte ihre« Worten, bei denen in Suses Augen langsam der strahlende Glanz erloschen war. Wie hilfesuchend irrten die blauen Sterne zu der Cousine herüber. Ein ermutigendes Lächeln kam zurück.

Herzlich legte sich Fran von Brockhaus' schmale, elegant bekleidete Hand um die rauhgearbciteten Finger Ruths.

Soviel ich weiß, ruht Eure liebe Mutter schon über ein Jahr und das will sie sicher nicht, daß Ihr ihret­wegen Eure Jugend vertrauert. Im Leben muß auch das Vergnügen zu seinem Rechte konnuen, die Erholung jedes Kloster sogar huldigt diesem Grundsatz nicht wahr, Max? Und wir bitten Euch ja vorläufig zu keiner Gesell­schaft nur fünf bis sechs Menschen Suse dürfte einen guten Bekannten darunter finden."

Bei dem inneren Kampf, den ihre schönen Züge deutlich wiederspiegelten, entging Ruth die flammende Röte, welche das Antlitz der jungen Schwester bis unter die lichten Stirnlöckchen dunkel färbte.

Auch Meta, mit der älteren Cousine beschäftigt, bemerkte die verräterische Verlegenheit Suses nicht. Nur der Major lächelte leise und sein prüfendes Auge zuckte blitzartig ver­stehend auf. Jhnt war es sofort klar, daß der kleine Racker um Trautendorfs Anwesenheit in Berlin zum mindesten wußte.

Bitte doch Ruth recht schön, Sus?" neckte er,Tir seh tch's doch an der Nasenspitze au, daß Tu Sonntag gern"

Wenn Suse gern will", unterbrach Ruth ihn, freundlich und gütig zu der Schwester hinübernickend,so soll sie ruhig Eure 'liebenswürdige Einladung annehmeu mir aber", sie umfaßte nun .ihrerseits Verzeihung erbittend, die Hand der anderen,seid nicht böse, wenn ich nicht komme lacht mich meinetwegen aus aber ich fühle mich so alt schon und schwerfällig ich Passe nicht in einen heiteren Kreis."

Ta müssen Ivtr wirklich lachen, liebe Ruth!" amüsierte sich der Major, während seine Frau ein mißbilligendes Aber Ruth!" höre« ließ,Tu scheinst Dich nie in dem Spiegel zu sehen im übrigen, was müssen wir beiden dann sagen. Meta?"

Ihr seid innerlich jung geblieben!" wandte Ruth ein, indem ein schönes Rot nun langsam auch in ihre Wangen glitt.

Sag' besser, wir sind erst jung geworden. Wir lvaren ja alte Menschen mit verknöcherten Herzen und blind blind zur rechten Zeit noch sind wir sehend geworden. Ja, ja, Suse, Wildfang, guck' mich nicht |o malitiös au ich seh' jetzt ebenso viel Schönes und Lustiges in der Welt, wie Tu, und ich verstehe zu schätzen, was ich an Glück besitze."

Sein warmer Blick, der den stahlharten Glanz seines grauen Auges jetzt oft verdrängte, traf das bewegte Antlitz seiner Frau und suchte dann ernst Ruths schwermütige Augen.

Betrüg' Dich nicht selbst um Deine Jugend, Ruth! Es rächt sich bitter. Verlorene Jähre lassen sich nie mehr er­setzen und es gibt nichjs Furchtbareres, als vor der un­widerruflich abgeschlossenen Vergangenheit zu stehen."

Ich sehe alles' ein! Ich will allmählich versuchen, miA herauszureißen, nur dieses eine Mal noch entschuldigt mich ich bitte Euch,"

Etwas. Gequältes lag in ihrem raschen slehenden Auf­blick, sodaß der Major sich beeilte, der ganzen Angelegen­heit eine unbefangene Wendung zu geben.

Also dann für das nächste Mal!. Für Sonntag wollen wir mit unserer alten Adoptivtochter vorlieb nehmen."

Vorlieb nehmen!" schmollte Suse, sich der Neckerei innerlich freuend, denn sie war so gar nicht fürs Tragische und hatte den ernsten P-redigerton des Majors bereits hvchkomisch gefunden/daß ich mit noch komme, Vetter, wenn Tu mich so geringschätzig behandelst. Uebrigens, Tu bist wohl sehr fromm geworden jetzt, gehst oft in die Kirche"

Warum v-

Mm, weil Tu so gut predigen kannst!" Y Suse!"

Ter Mahnruf der älteren Schwester ging in dem herz­lichen Gelächter des Ehepaares unter.

Laß sie doch!" begütigte Meta leise.Max nimmt ihr das nicht übel, es amüsiert ihn nur, es ist ja auch köstlich, ihr zuzuhören und zuzusehen. Wie alles an ihr glüht und lebt! So viel Frische und Kraft! Tas muß sich austoben." Ruth lächelte schwach. Mit der Cousine zugleich blickte sie zu Suse hinüber, die ihr neckendes Wortgeplänkel mit dem Major fortgesetzt hatte und soeben energisch erklärte:

Nee, nich' in die Hand! Tie kleinste Hütte ist nicht mein Ideal."

Und in ihren blauen Augen lag schon ein Wiederschei« all des Glanzes und der Pracht, mit denen ihr Zukunsts­schloß ausgestattet war.

Eine qualvolle mit Neid gemischte Bitterkeit fraß sich in Ruths stolze Seele. Sie sah, wie alle Herzen der leicht­lebigen, oberflächlichen Schwester zuflogen, wie selbst dis Frau, in deren Leben ihr Leichtsinn so schwere Stunden gebracht hatte, ihr lächelnd verzieh, wie man einem Kinde verzeiht, das ahnungslos ihrem Herzen eine schmerzende Wunde schlägt. Und Suse ivar doch kein Kind mehr. Wenn man erst neunzehn Jahre alt ist und des Daseins Schwere bereits gekostet hat, daun ist man nicht mehr Kind in dem Sinne, der dieses sorglose Tahinleben entschuldigen könnte, Suse wußte ganz gut, auf welch unsicherem Boden ihre Existenz stand es brauchte nur eine schwere Krank­heit zu kommen, die Ruth arbeitsunfähig machte und Suse zu ihrer Pflege unentbehrlich dann mußten sie das Gnadenbrot der Verwandten essen. Und daß es Suse nicht einmal bitter schmecken würde, wußte Ruth so genau, wie sie selbst sich dagegen empörte.

Warum vermochte sie denn nicht, ihr Empfinden zu leichterem Fluge zu veranlassen, warum brauchte sie höhere edlere Ziele, uni sich über die Alltagsmisere erheben zu können? Ja, wenn sie in ihrer Malkunst etwas wirklich tüchtiges leisten würde, daun käme wohl auch noch einmal! für sie eine sorglose Zeit stillfreudigen Genießens die Jugend, um die ein grausames Schicksal sie betrogen hatte. In ihrem Kopfe wirbelten noch immer, mühsam in den Hintergrund gedrängt, die Worte des fremden Malers.

Wie eilte Brandfackel hineingeschleudert, Nahrung suchend und findend.

Kaum, daß sie noch imstande war, ruhig und freund­lich den sich verabschiedenden Verwandten das Geleit bis zur Treppe zu geben. Als sie mit der aufgeregt schwatzen­den Suse iit das hellerleuchtete Zimmer zurückkain, ließ sie sich in einen Sessel fallen und barg ausweinend das Gesicht in den Händen.

Suse war Ivie aus den Wolken gefallen. Ruth in Tränen? Was gab's nur da wieder? Ihr erster Gedanke galt der sonntäglichen Einladung, der womöglich eine Ge­fahr drohte. Man sollte sich nur aus etwas freuen in diesem Jammertale.

Sie beruhigte sich rasch, als Ruth auf ihre ängstlich eindringlichen Fragen versicherte, daß nichts schlimmes vor-, gefallen, daß sie nur nervös und von dem iveiten Gauge wohl überanstrengt sei, es tue ihr gut, sich einmal aus­zuweinen.

Tie Spannung ihres Innern lieft auch wirklich nach, die drängenden Gewalten ihrer Seele beruhigten sich-. Aber tief innen glühte noch der Funken weiter.

An dem Abend, da Suse in einer schnell hergerichteten Bluse aus dem rotgefärbteit einstigen Brautkleide der Mutter bildhübsch und sreudezitterud nach der Kleiststraße zu Major von Brockhaus gefahren war, suchte Ruth all ihre Zeichnungen und Studien aus früheren Jahren zu­sammen und vertiefte sich in eine so eingehende, streng kritische Betrachtung derselben, daß die Zeit wie im Fluge verrann, ohne daß sie es gewahr wurde. Ihre Wangen brannten wie im Fieber, ihre Pulse gingen rasch. Tie alte Sehnsucht bemächtigte sich ihrer und gewann immer festere Gestaltung. Malerin werden, eine freie selbständige Per­sönlichkeit, besriedigt durch ihr Schassen, glücklich in der Kunst an sich, nach der pekuniären Seite hin aller Sorgen' enthoben. Aber wie das erreichen?

Nur ein halbes Jahr tüchtigen Unterrichts und sie sticht manchen von uns aus!"

Tie Wärte, von der sympathischen, klangvollen Männert stimme geMochen, schwirren ihr in den Ohren gleich einer