1906
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Mittellos« Mädchen.
Roman von H. E h r h a r d t.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Die schmutzigen Treppen, die geschmacklos gemalten Wände und Decken, von denen überall schon der Mörtel vbbröckelt, sind am Tage Ruths Entsetzen — sie vermag such nicht, sich mit den schmutznasigen Kindern des Hinterhauses abzugeben, wie Suse das mit Vorliebe tut, meil ihre frühreife Keckheit, ihre halb unbewußte Verdorbenheit sie köstlich amüsiert.
Ruth wäre im stände, sich für einen Menschen völlig aufzuopfern, wenn es gälte, ihn an Leib oder Seele zu retten, aber darüber zu lachen, wenn ein vierjähriger Bengel auf eine liebevolle Frage mit einem gemeinen Schimpfwort erwiderte, das vermochte sie nicht. Sie paßte eigentlich nicht in die Großstadt mit diesen überempfindsamen, mimosenhaften Sinnen. Sie paßte überhaupt nicht in das moderne Leben.
Das wurde ihr noch klarer, da ihr im Entree oben Walter sehr aufgeregt entgegenstürzte:
„Du, der Major von Brockhaus ist mit seiner Frau drinnen — der aus dem Generalstabe mit breiten roten Streifen an den Hofen — famos", und aus der Tür Suses klingendes, übermütiges Lachen tönte, das deutlicher als Worte die freudige Erregung über den Besuch verriet.
Ruths Brust dehnte sich in einer Art Beklemmung. Wie fern ihr das alles lag, diese Fähigkeit, sich zu freuen, den Augenblick zu genießen. Was erwartete sie von diesen jubelnd begrüßten Verwandten? Nichts? Die Geschwister vielleicht auch nichts, aber sie freuten sich doch, sie waren momentan glücklich.
Langsam legte sie Hut und Jäckchen ab und trat, ohne anzullopfen ins Zimmer. Dem Besuch zu Ehren hatte Suse ■— ein seltener Luxus — die zweiarmige Gaskrone entzündet rind in ihrer hellen Beleuchtung stand Ruth nun schlank, groß und ernst, mit dem blassen, seelenvollen Gesicht einer jener tragischen Frauengestalten gleich, in denen Geschichte, Poesie und Kunst alle Phasen weiblichen Seekenschmerzes zu beschreiben und darzullellen pflegen.
Sie war so schön, laß die beiden Besucher, die eben im Begriff gewesen waren, sich zu verabschieden, in Bewunderung sprachlos verharrten. Doch schon stürzte Suse lebhaft auf die Schwester zu und jubelte:
„Wie schön, daß Du noch kommst, Brockhaus wollten gerade gehen, aber nun bleibt Ihr noch ein bißchen, nicht wahr?"
Sie wandte sich der Cousine zu und hing sich an ihren Arm,
„Ja, ja, Du bleibst noch."
„Ich bitte herzlich darum I" sagte nun Ruth vortretend, warm die entgegengestreckie Hand Metas umschließend, die ihr einen Kuß auf den Mund drückte und auf den stattlichen Offizier an ihrer Seite weisend, stolz lächelnd meinte:
„Ich wollte Dir doch auch gern meinen Mann vor- stellen. Er hätte Euch gern schon eher einmal ,Guten Tag' gesagt, aber ich hab'S nicht erlaubt, ich wollte die Freude, Erich rviederzrisehen, mit ihm gemeinsam genießen und da ich erst seit vierzehn Tagen hier bin, ging es nicht eher."
Ruth, die den Major herzlich willkommen hieß, sah staunend die Veränderung, welche mit der mageren, blassen, kühlen Cousine vorgegangen war. Das ruhige Glück eines befriedigten Lebens hatte ihre störpcrsonnen gerundet, ihre fahle Gesichtsfarbe belebt, ihren matten Augen warmen Glanz verliehen. Sie hatte noch immer die gemessene Art, zu sprechen, aber in ihrer Stimme lag jetzt ein weicher, fast zärtlicher Klang, der besonders merkbar war, sobald sie sich mit ihren Worten an ihren Mann wandte.
Daß dieser ebenfalls ein anderer geworden war, konnte nur Suse beurteilen.
Er schien ihr um zehn Jahre verjüngt, jetzt wirklich zunk Verlieben, „wenn ich' den Fritz nicht hätte", dachte der! Leichtsinn, dabei war er heiter, gesprächig, voll liebens-! würdiger Aufmerksamkeit gegen die früher so kühl bei handelte Frau. Und wie nett er Suse über das erste peinliche Wiedersehen hiniveggeholfcn hatte. Weich bei der Begrüßung hatte er erklärt, mit dem steifen „Sie" würde erst gar nicht mehr angefangen, er heiße Max und „Tu" fürste — und Meta hatte lächelnd Beifall dazu genickt. Und wie geläufig ihnen beiden das vertraute „Tu" von den Lippen geglitten war, so ganz uud gar unbefangen, da jedes nun sein sicheres Muck im Herzen trug und bas Einst darüber vergaß.
Ruth gegenüber kam die familiäre Anrede, die Mekaj natürlich auch sofort gewünscht hatte, dem Major nicht ganz so glatt über die Lippen.
„Sie ist verteufelt zugeknöpft", dachte er, „ein recht guter Dämpfer für den ToMopf Suse."
Mer er freute sich doch von Herzen, daß die Misere des Kampfes ums Tas ein Suses Lebensmut nicht gebrochen hatte. Aus ihren blauen Augen funkelte noch, immer die unbesiegliche Jugendlust, die feste Hoffnung auf ein großes! Zukunftsglück. Was in seinen Kräften stand, ihr zu einem solcher! zu verhelfen, das sollte gewiß geschehen. Er fühlte sich doch in ihrer Schuld, wenn er auch nicht ahnte, wie sehr viel er nn ihr gutzumachen hatte.
„Wir kamen heut noch mit einer besonderen Bitte zu Euch!" sagte jetzt Meta, liebenswürdig den eben verlassenen


