Ausgabe 
14.4.1906
 
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liehen Mitteilungen sofort bei Hellem Licht in die Augen zu sehen.

Wie leidenschaftlich erregt er gesprochen hatte, so wie ein Mensch, dessen ganzes Wesen in seinem tiefsten Grunde aufgewühlt ist, der sich innerlich tief unglücklich fühlt. llu- willkürlich irrte ihr Blick über die Eleganz des Zimmers. Wirs war denn all der Luxus, die BeguemlickMit, der Glanz eiltet- äußeren Stellung, wenn sie dem Menschen­herzen keine Befriedigung gewähren konnten. Hatte sie nicht iinnrer gedacht, daß der schroffe, hochmütige Haupt­mann ein Leben führte und geführt hatte, ganz nach seinem Geschmack, daß sein Glück nur eben ein kaltes Gesicht ge­zeigt habe. Und nun war sein Leben auch so ernst und so schwer! Suse kroch fröstelnd in sich zusammen.

Ob das Glück immer nur ein flüchtiger Gast im menschlichen Dasein war? Ob sie es nicht würde festh,alten können mit ihren kleinen, aber energischen Händen? Und wie damals in der kleinen Küche daheim hebt sie in trotziger Zuversicht den goldflimmcrnden Kopf. Ihre Hände ballen sich zur Faust, als wollten sie etwas umfassen.

Ich will's!" sagt sie ganz laut. Ter Sturm heult in beifälligem Jubel mit verdoppelter Kraft auf, das Feuer mr Ofen flackert heller. Auf der Straße unten erklang das gedämpfte Rollen eines Wagens.

Frau Meta kehrte aus ihrer Fraueuvereiussitznnq nach Hause zurück. '

*

Eine halbe Stunde später fand man sich beim Abend- brottrsche zusammen. Frau Meta sah blaß und inüde aus und war sehr mißgelaunt.

Ein Opfer militärischer Verhältnisse, die selbst unser- einen zwingen, sich vor den weiblichen Vorgesetzten zu ducken!" toie sie spöttisch bemerkte. Es klang wie ein Vor­wurf gegen den Beruf ihres Mannes, und es sollte wobt I (Uicf) einer sein. Sie hatte diesen Beruf, der all sein Sinnen I und Streben beanspruchte, im Laufe der Jahre hassen ae- leriit, auch war sie selbst eine zu unliebenswürdige Natur, i «nt stets und auf Kommando freundlich sein zu können i wenn ihr, wie in diesem Falle, die Gattin des Briaadekom- mandeurs ein Greuel war.

Unter uns gesagt ist sie auch eine unangenehme Per­son, die gar zu arg auf die Stellung ihres Mannes pocht'" memte der Hauptmann, der beim Eintritt mit Suse einen verständnisinnigen Blick getauscht hatte,ich kann Dir's nicht verdenken, wenn sie Dir auf die Nerven fällt. Fräulein Suse sehen Sie zu, daß Sie meine Frau ein bißchen aufmöbeln können."

Metas matte Augen hoben sich erstaunt und wanderten von dem belebten Gesicht ihres Mannes zu dem lächelnden der pingen Eousme.

. , pch, "'ortte soforhbaß die Schranke, welche zwischen den berden bis dahin bestanden hatte, gefallen war. Und nun trmndte der Mann sich auch ihr zu und erklärte:

<v.. "Tvi; Laben. den Nachmittag nämlich benutzt, um

3U schließen. Fräulein Suse mußte

Nur versprechen, sich vor mir keinen Zwang mehr anzutun I Herzenslust auszutoben - bitte, Fräulein ©yfe,^ie tonnen immerhin anfangen."

Suse lachte ein wenig verlegen auf. Ein scheuer Blick ! streifte die unbewegten Züge der Cousine. 7

^staube, Meta mag es nicht gern - und so auf Beseht -- das geht doch auch nicht."

Aber bittew sagte die blasse Frau gezwungen lächelnd ibt?reickNe von der Platte, welche der Diener

fp;, ;! "®u IN bei uns, um lustig und vergnügt

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wollenne Flasche Sekt trinken, Fräulein Suse, .-och kenn Sie doch. Da gibt's gleich Stimmung.

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Uud schnell genug stieg der Kobold des Weines ihr Tlct die ausgelassenste Stimmung, in VN». t'Ae ä 1 erstenmal vor den Verwandten ihr Talent, Menschen in ihrem Gefichtsausdruck und ihrer Sprache zu iopiereu, auvki'amte. Tas fade Lächeln und die näselnde Stinime des Leutnantsgigerls im Regiment gelang ihr ebenso gar, wie die salbungsvolle Miene der Frau Garnison­prediger. ^er Hauptmann lachte, wie er sich nicht erinnerte, je gelacht zu haben. 1 '

|Sie smd ju eine gefährliche, kleine Person!" drohte er,hier, nehmen Sie diese Apfelsine ich habe Mit­leid mit meinem Nächsten."

Suse, jetzt völlig im Fahrwasser, zog ihm eine lange Nase.

Bei Gelegenheit kommen Sie dran, Herr Hauptmann! Auch Sie entgehen Ihrem Schicksal nicht."

Er versuchte ihren lachenden Blick festzuhalten. IDas glaube ich auch!" meinte er nachdrücklich.

Aber sie verstand nicht den tieferen Sinn seiner Worte, sie war bereits eifrig damit beschäftigt, üi die rötliche Orangenschale Gesichter zu schnitzeln, über die sie sich selbst kindisch freute.

Zum Schluß warf sie die zerstückelten Schalen ihrem Gegenüber ins Gesicht, und der ernsthafte, kiihle Haupt- mann nahm das angebotene Gefecht mit lebhaftem Amüse­ment an.

Unterdeß war seine Frau immer stiller und nachdenk­licher geworden, sie stand vor etwas Unbegreiflichem. So hatte sie ihren Manu noch nie gesehen! Es war ein unsäglich bitteres Gefühl/ mit dem sie sich das eingestand. Freilich, ihre Gegenwart war ihm auch nie eine Freude gewesen, so wie es ihm plötzlich die Anwesenheit dieses jungen, liebreizenden Geschöpfes war, das sie selbst ihm ins Haus gebracht hatte. Und doch war all die Gefühlswärme, welche sich unter der Oberfläche ihrer kühlen, ruhigen Natur barg, dem ?lhnungslosen zu eigen gewesen, ohne daß' er je danach verlangt hatte. Sollte es sich jetzt noch so bitter rächen, daß sie sich ihm zu eigen gegeben, obgleich sie gewußt, daß er sie nicht liebte? Fünfzehn Jahre lang hatte sie sich daran genügen lassen, daß keine andere ihn und sein Herz besaß, daß sie allein ihm das geben durfte, was er von seiner Frau forderte, die tadellose Repräsentation und Führung des Haushalts, das leidenschaftslose Ehe- leben, die freundliche Kameradschaft und nun sollte ihr dieses junge Ding zeigen, daß in der Brust dieses Mannes/ dem sie überhaupt keine leidenschaftliche Regung zugetraut hatte, Flammen zu entzünden waren, durch die ihr eigenes! Leben ein glückliches und beglückendes hätte werden können. Sie stöhnte leise auf.

Suses Blondkopf fuhr herum. Ein wenig betreten sah sie in das leichenblasse, abgespannte Frauengesicht.

Dir ist nicht gut?" stammelte sie ernüchtert,0 ver­zeih', ich war gewiß zu laut."

Ich habe unerträgliche Kopfschmerzen!" sagte Meta, sich gewaltsam zusammennehmend.

Nur nicht merken lassen, was in ihr vorging. Immer ruhig und korrekt bleiben.

So leg' Dich doch hin!" meinte ihr Mann, nicht völlig imstande, feinen Aerger über die Störung zu verbergen/ es ist ja Unsinn, daß Du Dich noch langer quälst' ich leiste Fräulein Suse noch ein halbes Stündchen Ge­sellschaft."

Meta war aufgeftandeu.

Du hast recht, ich werde mich zurückziehen!" sagte sie matt.Gute Nacht, Suse."

Ihre mageren Finger lagen eiskalt in der warmen, weichen Mädchenhand. Es war der feine Spürsinn des Weibes, das in der Seele ihresgleichen zu lesen versteht, der Suse die Worte auf die Lippen drängte:

Ich gehe mit Dir, Meta, Tein Manu wird mich ent­schuldigen, .aber .ich habe so lange nicht nach Hause ge-- fchriebeu ich möchte es heut' noch tun."

Etwas wie ein befreites Lächeln glitt über Metas matte Züge.

Suses anscheinende Unbefangenheit, die Gleichgiltigkeit, mit der sie ein Alleinsein mit ihrem Manne aufgab, trugen viel dazu bei, ihr die innere Sicherheit zuriickzuschenken.

Zudem hatte der Hauptmann durch kein Zeichen be­sonderes Mißvergnügen über Suses Fahnenflucht verraten. Er wünschte den Damen lächelnd eine gute Nacht und meinte, er habe psuch noch eine Menge schriftliche Sachen zu erledigen. Daß er Suses Hand zum Abschied fester als just nötig, drückte, merkte nur sie mit heimlichem Erstaunen und einem ganz kleinen, prickelnden Schauer.

Meta aber ff''alt sich töricht und schwarzseherisch und hatte ein förmlich schuldbewußtes Gefühl gegen ihren Mann, daß sie ihm die Freude an Jugend und Schönheit nicht harmlos gönnte, sondern ihm in der häßlichsten Meise mißtraute.

(Fortsetzung folgt.)