Ausgabe 
14.4.1906
 
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Mittellose Mädchen.

Roman von H. Ehrhardt.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Die Flammen prasselten hell ans, zuckten irrlichternd .über ihr süßes Kindergesicht und lockten Gvldfnnken aus ihren blonden Haarwellen. Sie lvirkte so entzückend in dem nun völlig dunkeln Zimmer, daß der Mann einen Moment wie geblendet die Augen schloß und ein Zittern seinen schlanken, sehnigen Körper überflog.

Sie Sonnenschein!" sagte er leise und strich mit der Hand über das weiche Goldhaar, ihr Köpfchen mit leichtem Druck ein wenig zurückbiegend,Sie sollten immer bei uns bleiben, Suse!"

Ach!"

Ihre Augen strahlten ihn an, als wäre in das un­klare ihrer Gedanken die plötzliche Erkenntnis gekommen.

Ich gefalle Ihnen also, Herr Hauptmann?"

Es kam so kindlich heraus, so voll unbewußter Ko­ketterie, daß sich in die jäh auflodernde Leidenschaft des Mannes etwas wie Beschämung mischte. Sich gewaltsam bezwingend, trat er vor sie hin, nahm ihre beiden Hände in die seinen und sagte ernst, fast väterlich:

Sie gefallen mir sehr, Kind, und ich hab' Ihnen heut', meine Geschichte erzählt, damit Sie wissen sollen, wie's in mir aussieht und daß Sie mit mir verkehren sollen, wie mit einem alten, brummigen Onkel, dem man mit Lachen und Scherzen die dummen Grillen vertreibt. Ja, wollen Sie? Wollen Sie mich auslachen, wenn ich Ihnen wieder mal eine brummige Miene zeige oder mir meinet- tvegen eine Fratze schneiden oder so etwas? Ich glaube, Sie können das vorzüglich."

Und ob!" sagte Suse stolz in ihrer übermütigen Gassen- jungenmnuier, die Ruths Entsetzen war und die sie sich iin der Kälteatmosphäre dieses Hauses eben erst abgewöhnt hatte,na, Sie sollen sich noch wundern, ich. traue mir ja zu, das ganze Haus auf den Kopf zu stellen. Ach, Herr Hauptmann, Sie müssen sicher noch einmal lustig werden, das Leben ist doch so schön!"

* Sie stand jetzt auf und breitete die Arme aus, als wollte sie die ganze schöne Welt an ihre junge Bimst drücken.

Oh, so schön!" wiederholte sie jubelnd.

Der Rausch ihrer heimlichen Liebe flutete tote ein Strom unermeßlicher Wonne durch ihre Glieder und ging wie ein unsichtbares Fluidum aus beit vor ihr stehenden Mann über. Im Ofen war der Flackerschein des brennenden »es erloschen, die ersterbende Glut sah durch die kreis-

e Oefsnung der Tür herüber wie ein tückisch blinkendes Auge. Es war nun ganz finster um die beiden, kauiu daß sie die Unrrisse ihrer Gestalten noch erkennen konnten. An die Fenster klopfte der Regen und der Sturm klagte.

Wir möchten nach der Lampe klingeln!" meinte Stife, sich wie ein Blindes vorwärts tastend, harmlos,oder, haben Sie Streichhölzer bei der Hand, Herr Hauptmann,- dann zünde ich eine Gasflamme an."

Nein, lassen Sie, ich werde klingeln."

Seine Stimme klang eigentümlich rauh, während er. mit raschen Schritten zur Klingel ging. Sie achtete dessen! nicht, sie dachte an Fritz Trautendorf. Wenn er jetzt an. Brockhaus Stelle hier mit ihr allein wäre?

Er würde sie doch ganz gewiß in seine Artne nehmen/ keck und siegesgewiß tote er war, und sie tüchtig a.bküssen< Ob sie sich sehr sträuben ivürde? Ach, nein, sie ivürde gewiß ganz geduldig still halten.

Tas Geräusch der sich öffnenden Tür fuhr störend in) ihre verliebten Vorstellungen. Aus bcnt Entree fiel Heller Lichtschein über die zierliche Gestalt und das voll kokettem/ weißein Häubchen bedeckte .Köpfchen der kleinen Zofe.

Gnädiges Fräulein befehlen?"

Zünden Sie eine Lampe an, Betty, und schütten Sie noch einmal frische Kohlen auf."

Suse, die sich überraschend schnell ans Befehlen gewöhnt, hatte eilt wenig hochfahrend gesprochen, wohl mehr aus einem kindlichen Wichtigkeitsgefühl, als aus wirklichem Hochmut heraus.

Tie Zofe lächelte wegwerfend dazu, während sie eifrig die Wünsche desgnädigen Fräuleins" erfüllte. Ihre feine Spürnase hatte sofort witternd den Duft einer eben erst verbrannten Zigarette eingesogen, sie bemerkte auch den staunenden, in eine gewisse Verlegenheit übergehenden Blick- mit dem das junge Mädchen das leere Zimmer überflog. und sie dachte sich ihren Teil.

Ja, die vornehmen Herrschaften! Wie der .Hauptmann fie neulich abends mit dem blonden Unteroffizier, der doch ein anständiger Mensch war und sie ganz gewiß heiraten! würde, beim Auf- und Abgehen vor dem Hause ertappt hatte, hatte er es gleich der Gnädigen gesteckt und die hatte in ihrer kühlen, verletzenden Art ihr das abendlicheHerum­treiben" streng untersagt. Aber er saß im Dunkeln mit dem hübschen, jungen Fräulein, das ihm freilich besser gefallen' mochte, als seine verblühte, dürre Fran, und nahm Reiß- aus, wenn die Heimkehr derGnädigen" drohte. Die' Stillen waren ja oft die schlimmsten, die hatten es in sich,

Noch ein letzter verstohlener Blick, ein kleines, bos­haftes Zucken um die Mundwinkel:

Wünschen gnädiges Fräulein noch etwas?" und, nach einer verneinenden Kopfbewegung Suses schlüpfte die Zofe, hochbefriedigt von der gemachten Entdeckung, aus dem Zimmer.

Nun erst wagte Suse sich noch eiinnal forschend um- zusehen. Sie war wirklich allein. Der Hauptmann mußte gleich, nachdem er das Klingelzeichen gegeben, durch das Eßzimmer in sein daranstoßendes Arbeitszimmer gegangen sein. Er hatte sich tvohl gescheut, ihr nach seinen vertrau-