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Geschmack niemals so ganz verloren haben, .wenn nicht dm bedrückenden Wohnungsverhältnisse sein Auge ,o gründlich abgestumpft hätten. Hier ist der erste und der stärkste Hebel auzu- setzen. Lassen wir die Betrachtung der — übrigens günstigeren wirtschaftlichen Zustände, denen die Wohnungs- und Bodenreformer in England heute gegenübcrstehen, hier beiseite. Klar ist, daß eine Wandlung der Verhältnisse nur niöglich tsr, Mim Unzufl leben- heit mit ihnen in den Herzen der unbemittelten Bevottermigs- klassen selbst emporlodert. Diese zu entfachen ist eme wes.nt- lichc Aufgabe des Kunsterziehers. Und das ist kein berhehuide^ und nnanständiges, sondern ein aufbauende» Tun. Brenn ermöglich ist, dem Volke die Liebe zum Sonnenschem, z.i Feld und Garten, zur Natur in allen st-rcn Erscheliningcn zubringen, so tverdeu auch die Bedunniste "ach welych zuträglicherem Wohnen allgemeiner erwachen und Nachfrage ichafst sich immer, selbst in kleinen Berbältnchen, chr Angebot.
Die Kunsterziehung in England hat die Be>chaftlgimg mit diesem Probleme in vollem Umfange aufgenommen. „ -Ww dac» Manchester Art Museum in Wort und Bild das Verständnis für die Schönheit in Tier- und Pflanzenleben und ttt der ^.andschaf. (mit besonderer Berücksichtigung der näHeren. Umgebung, zn fördern flicht, so haben sich auch andere Gchellschafieu und An- stalte-r gebildet, um den gleichen Zielen zuzustreben. Die Ev- overative Holidays Association, mit dem verdienstvolleii Sozun- volitiker Rev. Dr. Paton in Nottingham an der Spitze, ermöglicht cS, Unbemittelten durch gemcinschast.iche llnternehnmngen einen Ferienaufenthalt auf dem Lande zu nehmeir. DieKesellschast hat eigene große Landhäuser in verichiedenen der landschaftlich jcyou- sten Teile Englands und führt sogar alllahrlm, Hunderte von Minderbemittelten nach der Schweiz, da sie dura, gememfchaftliche Unterhandlungen mit den Gasthofsbesitzern auszerordeiitlich günstige Bedingmigen für den Llufenthalt dort durchzusetzen nu- stande ist Um das Berständiiis für die geologischeii und bolam- schen Merkmale des Reisezieles zu fördern, wird jedem Trupp ein fachmännischer Vortragender nntgegeben. In ähnlicher Weise haben mehrere der social settlements (auf die ich noch zurlm- kommen werbe), ihre Klubs für Reisende, die im Somluer gemeinsame Ausflüge und Reisen unternehmen, auf die sie fich im Winter durch Vortrüge und Lektüre vvrbereiten. Für ganz unvermögende Arbeiter, die überhaupt nicht barmt denken können, in Ferien zu gehen, gibt eS an mehreren Orten Ansflugsvereiue, die in kurzen, regelmäßigen Zeitabschnitten schöne und tnterestnnte Punkte der Umgegend besuchen. Die Liebe für die Beobachtung natürlicher Phänomene und das rege, wissenschaftliche Interesse, welches hierbei entfacht wird, ist sehr bemerkenswert. Ich horte einen namhaften Geologen sagen, daß er diesen -Jerenteit die allergrößte volkserzieherische Bedeutung beimitzt.
In der Pflege des Gartenwesens kann natiirltch m England noch weniger geschehen als bei uns, da der Bodenpreis in den Jndustriebezirkeii die Nutzbarmachung freiliegenden Landes zu diesem Zwecke so gut wie ausschließt. Und doch kann auch unter den allerungünstigsten Verhältnissen etwas in dieser Richtung getan werden. Es gibt harte Pflanzen, die zu ihrem Gedeihen nur wenig Luft und Licht bedürfen und ein Pflanzenkasteu außerhalb des Fensters ist der beste Ersatz für den fehlenden Garten. In dieser Erkeilntnis gibt es viele Gesellschaften, die Preise für wohlgepsleale Kasten- und Zimmerpflanzen aussetzen unb_wohl auch durch ben Verkauf von Samen und Zwiebeln zum «elbsr- kostenpreise die Blumenzucht anzuregen verstehen. (?lehnl>ches geschieht ja jetzt a>ich in Deutschland in verschiedenen Stabten.) Auch auf diese Weise wird die Liebe zur Natur gefördert, und imt der Kenntnis von der Notwendigkeit von Luft und Licht für die gedeihliche Entwicklung der Lebewesen das Bedürfnis nach besseren Wohnverhältnissen entfacht. .
In Deutschland wird auf diesem Gebiete schon manches geleistet, aber noch viel größer würde der Fortschritt fein, wenn Kalte Apostel der Kunsterziehung bewußt wären, daß dem ange zum künstlerischen Genießen der Drang zur Selbsterhaltung vorangeht und vor ihm zu entwickeln ist. B. Lasker.
Die Zeit des „Bockbieres"
ist gekommen, die „Bock-Saison", wie unsere Gastwirte sagen. Der Begriff „Saison" ist drüben von den raschlebigen Franzosen eiugcroanbcct; es ist ein flüchtiger Zeitabschnitt, dessen Wert gerade wie bei der Mode eben in der Vergänglichkeit liegt. Die andere Hälfte deS bedeutungsvollen Wortes aber hat der welsche Nachbar von uns Deutschen hcrübergeholt in seine Sprache. Als „Vock" wird in Paris jedes schwere deutsche Bier bezeichnet, sogar die neuerdings so beliebten Becher von möglichst winzigem Inhalt heißen da drüben „nn bock". Uns Deutschen aber ist der Name „Bock" ein alter, längst vertrauter Klang. Schon um 1500 erlabte sich der deutsche Bürger am „Bockmctb", obwohl ein Bayrisches Polizei-Gebot von jener Zeit vorschrieb, daß dieser „Bockmctb" nicht anders beim zur Notdurft der Kranken gehalten werden dürfe. Eigentlich beruht der Name „Bock" auf einer scherzhaften Umlautung der Bezeichnung „Aimbeck" ober, wie man dazumal sagte, „Aimpeüisch" Bier, beim bas allererste Gebräu dieser Art kam aus Eimbeck im Hannöverischen. Fürstliche Privilegien schützten das köstliche Gebräu vor Nachahmungen, cS war von Anfang an ein Exportbier, wenigstens brachten die deutschen Fuhrleute ganze Fuder nach allen Tellen unseres Vaterlandes. Namentlich gewann eS sich bei
den trunkfesten Söhnen der bajuwarischen Gefilde ein ausgedehntes Absatzgebiet. Hier sand es volles Berständiiis, aber auch vorzügliche Nachahmung, "so daß noch heute das Bayrische Bier zu jeder Zeit, wie auch „zur Saison" den Weltmarkt beherrscht. Der Name „Bock" ist recht charakteristisch für btn schwarzen Kobold, der uns sa kräftig flößt und wohl auch siegreich umwirft. Ihm stand in München eine magere „GaiS" (Ziege) gegenüber. Das war ein dünneres Bier auS dem Jesuitenkloster.' DaS 16. Jahrhmibert kannte auch ein Gebräu mit Namen „Stär". Die „Stär" oder „Slärke" war eine jimge Kuh (vom gotischen „stairo“). In Breslau Verzapfte man einen „SchöpS" und ein „Lämmelbier", dem allerdings der harmlose Name nicht recht znkam. In diesem Viehbestand des Trinkstliben-Hitniors hatte also der „Bock" gerade noch gefehlt. Vielleicht jedoch liegt seiner Volkstümlichkeit ein noch viel älterer, womöglich altgerwanischcr Opferbrauch zugrunde. Ter Ziegenbock Ivar dem Donnergotte Thor geheiligt: zwei Böcke ziehen des Wetterfürsten goldenen Wagen über die Wolkeubcrge der himmlischen Gefilde. Der Ziegenbock war das Opfertier und der Festbraten bei den heidiiischen Frühlingsgelagen. Daß es auch bei diesen nicht an würdigem Melh fehlte, läßt sich nuschwer begreifen. Trifft diese kulturhistorische Vermiitnug zu, so hätten wir „Vock- bierfestc" schon zur Zeit Hermanns, des ChcruSkersürsteii gehabt. Von Armin (dies war sein eigentlicher Öiaint) singt Scheffel mit kühner Phantasie, wenn auch nicht ganz authentisch: „Selbst im Saufen blieb der Held, — und auch seine Fran Thusueld' — trank walkürenmäßig." Diese letztere Eigenschaft hat sich auf unsere deutschen Frauen von heute glücklicherweise nicht vererbt. Nur einmal im Jahre geht das Weibchen etwas tiefer auf den Grund des Kelches. Wenn „Bock-Saison" ist, mag sie nicht gern daheim bleiben und zeigt für den süffigen Stoff eine beachtenswerte Empfänglichkeit und in fröhlicher Gesellschaft eine Ansdaner, wie sie sonst nur allein den Galten ziert. Nrben dem „Bock" tauchen eine Menge köstliche Biere anf, die fich der Gunst des Kenners und des Laien erfreuen: „das Benno-Bier^ mit seinem malzbraunen Schaume und die vielen süffigen Stoffe mit der jedenfalls nnentbebrlichen Endung „ator". Dem „Salvator", den die Mönche am Jsarstrand vom Kloster auf die Bierbank brachten, folgten nach und nach andere Namen im hochtönenden Küchenlatein. Heute haben wir neben dem „Triumphator" und „KulwimnoB noch eine Reihe von herrlichen Worten, die als Muster geschützt sind. Die Industrie braucht jährlich neue Fabrikzeichen auf „atot". Wie tvare es mit „Regulator", „Anklionator", „Kalkulator"? Vielleicht wäre „Organisator" wenigstens vor dem Boykott geschützt. Ten „Aequator" wollen wir dem Zecher lieber nicht gönnen, der wäre wohl etwas zu wann. Mag der gehaltreiche Stoff nun den uralten Namen „Bock" tragen ober einen klangvollen Titel int tnobernen Reklame-Latein, jebenfalls gehl cS urgemütlich zu bei bm freunblichen Gastwirten nuferer Stabt, wo eine fidele Bock- Mllsik die heitere Lanne erhöht, wo bampfende Bockwürstel ober spiral gcbrechsclte „Radi" ein gern begehrtes Mittel bilden, den Durst zu fördern. Mag nun bei bniiten Wappen und Bildnissen des mutigen HörnertiereS vom Ziegenstalle, bei nlkigen Gesängen und imS-mnck der Papiermiitzen sich der heitere Gast behaglich suhlen, oder mag er dem ruhigeren Lokal den Vorzug geben, wo ihm nichts als Unterhallniig im Gespräche den Gcnnß des Schoppens würzt, in jedem Falle wünschen wir ihm fröhliche Einkehr und ein urkräsliges „Prost BlumeI"
Magisches Quadrat.
------- In bitt Felber nebenstehenden Quadrats sind . die Buchstaben A A B E E E E H I I L L L
M N N derart einzutragen, baß bic ivagerechteu und senkrechten Reihen gteichlaittenb Folgender- bedeuten: 1. Einen Strom,
-- 2. Werkzeug.
3. Französische Stadt.
------ 4, Einen Lieberkomponisten.
' (Auflösung iit nächster Nummer.) •
Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Flügel, Lüge.
Ausivsimg des Preisrätsels in Sir. 22 der FamilienSiätter:
B A H Backstein c k n
k 1 d
Asklepios t p s
eit Hindostan n s n ,,
Von den 81 Einsendern richtiger Lösungen erhalten die Preise: 1. Ei» gerahmtes Kunstblatt, Kaiser und Kaiserin darstellend: Frau L. Krämer, Gieße», Kreiizplatz 11.
2. Ei» gerahmtes Bild deS Kaisers: VizetelSwebel Z es chr y, hier.
3. Ein gerahmtes künstlerisches Tableau zur Silberne» Hochzeir bes Kaiserpäares: Karl Bender, Sohn von Gg. Bender Wwe. in Kroworf. . .
Tie Preise können gegen Vorzeigung der A boitn cm entguittttn g in der Geschäftsstelle des „Gießener Anzeigers" in Empfang genommen werden.
Redaktion: Ernst deß.— Rotationsdruck und Verlas der Brübl'schen Untversttäks-Buch- und Steindruckerei. R. Langem GtetzM.


