Ausgabe 
14.3.1906
 
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Schassen, wie er auch selbst als voller Mensch auftrat.^Die materialistische Weltanschauung vermag dem Leben keinen Sinn zu geben, und schon für die alten Griechen war es die Qual aller Qualen, sinnlos zu leben, es war für sie die wahre Hölle, wie uns die Mythe von Sisyphus lehrt. Wenn totr. unter Religiosität das Streben! des Innersten, des Tiefsten im Menschen verstehen, das Streben seines besseren Selbst, sich fortschreitend zu erheben, zu befreien, sich in Einklang zu bringen mit der Welt, die uns umgibt, mit den anderen Wesen, mit den großen Entwicklungssormen des Weltalls, bmm meine ich, kann Goethes Faust uns diese moderne Religion verschaffen, die uns das Bewußtsein gibt, das Leben hat einen Sinn, und darum nenne ich Goethes Faust das Hohelied vom Sinn des Lebens.

Aber es gibt nicht nur einen Sinn des Lebens, es gibt auch einen Unsinn des Lebens. Dieser Dualismus tritt uns auf dein ganzen geistig-sittlichen Gebiete entgegen. Wir unterscheiden zwischen dem Schönen und bem Häßlichen, zwischen dem Guten und dem Bösen, wir unterscheiden zwischen Himmel und Hölle, wenn wir diese sinnbildlich nehmen. Es gibt eine Nichtigkeitsfeite des Daseins und andererseits eine Seite des Vollkommenen, aber nicht in der Art der dualistischen Kirchenlehre des Mittel­alters.

Goethe gibt uns imJaust" sein allertiefstes, heiligstes Er­leben. Wer das nicht bedenkt, wird niemals den Faust verstehen lernen. Er spricht zu uns in Bildern, wie wir überhaupt die erhabensten Gedanken nur durch "Sinnbilder auszudrücken vermögen.

Um gleich in den Kern der saustischcu Weltanschauung eiu- zudringen, möchte ich sagen, daß die beiden Seiten des Daseins von Goethe gemeint werden, wenn er im Faust spricht vom Herrn und anderseits von Mephistopheles. Der Herr ist für Goethe der Inbegriff des Lebenssinnes, Mephistopheles ist der Dämon der Nichtigkeit, der Zerstörer. Goethe gebraucht den Namen Gott aller­dings, nm das Höchst, was er fühlen und denken kann, auszudrückcn, aber die Gottheit ist ihm nicht draußen, sondern sie ist eins mit der Natur. Er hat seinen Gottesbegrifs im Sinne Giordano Brunos formuliert in den Worten:

Was wär' ein Gott, der nur von außen stieße, Im Meis das All am Jiuger laufen ließe, Ihm zicmts die Welt im Innern zu bewegen, Natur in sich, sich in Natur zu Hegen, Auf daß, !vas in ihm lebt und webt und ist, Nie seine Mast, nie seinen Geist vermißt." Mephistopheles hat er für den Vertreter der anderen Seite des Lebens dargestellt und Jaust selbst charakterisiert den Mephi­stopheles mit den Worten:

So setzest du der ewig regen, Der heilsam schaffenden Gewalt Die kalte Teufelsfaust entgegen, Die sich vergebens tückisch ballt! Was anders suche zu beginnen, Des Chaos wunderlicher Sohn."

In diesein letzten Satz vvur Chaos finden wir die Charakteri­sierung des Mephistopheles. Wie macht es nun Goethe, nur bei aller Anerkennung des Zwiespaltes, dieses Dualismus, doch ein Monist zu sein, doch eine einheitliche Weltanschauung zu ver­treten? Er faßt den Gegensatz zwischen Sinn und Ilnfiun ver­hältnismäßig iMif. Was uns Menschen als Unsinn erscheint, ist von der hohen Warte des Herrn aus gesehen, eilt Moment, um beit Sinn des Lebens zu fördern. Der Herr, wie er geschildert wird, überschaut diese ganze Welt zusammenhängend, und er weiß, daß auch das Böse und das Nichtige dem großen Weltplan för­derlich _ ist.

Die mittelalterliche Kirche schreibt dem Bösen eine vollkommen ändere Rolle zu: sie meint, daß es absolut fei, während Goethe sich zur Ansicht der alten Perser bekennt, daß auch Ahrimann, der Finstere, schließlich zur Herrlichkeit des göttlichen Lichtes bei­tragen werde.

In der Weltgeschichte finden wir, daß das Zerstörende, das Hemmende diese Rolle spielt, ebenso wie in der Natur- und Menschheitsgeschichte. Die Not hat die Menschen erfinderisch ge­macht. Das Bewußtsein des Mangels, der Unzufriedenheit treibt die Menschen vorwärts. DerKampf ums Dasein" ist der große Zuchtmeister des Fortschrittes. Auch von einer geistigeit Not können wir sprechen, die der Ansporn war zur wissenschaftlichen Grkenntnts. Das Verbrechen macht uns - aufmerksam auf die «chaden des gesellschaftlichen Körpers, und wirkt so entwickelnd zum Guten. Dieser Exkurs sollte nur illustrieren, wie Mephi- Itopheleseilt Teil ist von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft".

Faust und Mephistopheles machen einen Vertrag:

iWerd ich zum Augenblick sagen:

i : Verweile doch, du bist so schön!

st ; Dann magst du mich in Fesseln schlagen,

: _ Dann will ich gern zu Grunde gehen."

Der Satz:Werd ich zum Augenblicke sagen ----"

bedeutet einen philosophischen Gedanken, und der Pakt, den Faust mit Mephistopheles schließt, ist die Kvnsequenz, Sie sich aus dieser philosophischen Formulierung ergibt. Wenn ich einmal dahin gelangen sollte, an der Nichtigkeit, an dem Augenblick Gefallen zu finden, meine große, nie zu sättigende Unzufriedenheit auf- zugeben, dann bin ich dir verfallen, dem Dämon der Nichtigkeit.

Goethe zeigt dann weiter, wie Mephistopheles beständig Versuche macht, Jaust in Nichtigkeiten zu verstricken. Wenn sich auch Faust am Ende seines Lebens einer Täuschung hingibt, so reißt ihn doch aus dem Abgründe der Nichtigkeiten sein sich ewig be­mühendes Streben empor.

Wer immer strebend sich bemüht,

Den können wir erlösen. -----"

Es ist der Augenblick, wo dem Menschen das Bewußtsein von seinem ewigen Werte aufgeht, von seiner Fortentwicklung in seiner eigenen Individualität:

Es kann die Spur von meinen Erdentagen Nicht in Aeoneu untergehen!

Im Vorgefühl von solchem hohen Glück Genieß ich jetzt den höchsten Augenblick."

Das verhängnisvolle Wort der Wette ist gesprochen. Faust' sinkt tot in sein Grab. M ephistophelcs glaubt seine Wette <M Wonnen, er triumphiert:

Vorbei und reines Nichts, vollkommenes Einerlei!

Was soll uns denn das ewige Schaffen!

Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen!

Da ist's vorbei! Was ist daran zu lesen?

Es ist so gut, alS wär es nicht gewesen. .

Doch Mephistopheles ist im Irrtum. Faust, der gute Früchte in bett Schoß der Zukunft gestreut hat, ist über die Vernichtung erhaben.

Goethe denkt au etwas Unsterbliches, er meint eine natür­liche Unsterblichkeit im Sinne des Monismus, er meint, daß im Menschenleben sich Kräfte entwickeln, die fortwirken ins Un­endliche, die weiter leben, wenn auch nicht in einer Persönlichen, in einer individuellen Form des ganzen Wesens. Was Goethe meint, das ist die Unsterblichkeit der Taten eines Menschenlebens. Eine große moralische Kraft liegt in dieser Idee: der Sinn unseres Lebens hängt von uns selber ab: die Art unserer Verewigung ist unser eigenes Werk. Nicht nur geschichtlich berühmte Männe»' genießen solche Unsterblichkeit, auch das alte Mütterchen im! einsamen Heidebors, der Arbeiter, der den Gottharbtunnel durch­stechen half, sie schaffen sich ihren Tateuleib, der in alle Ewig­keit fortwirkt. Wenn ei» Mensch nach seinem Tode weiter wirkt in feinen Taten, so ist das dieselbe Individualität, nur daß sie die Form gewechselt hat.

Gothe hat also im Jaust die große Frage, hat das Leberz einen Sinn, bejaht. Der scheinbare Unsinn des Lebens ist eilt Mittel, um den Sinn des Lebens herbeizuführen. So ist alles, was wir im Leben häßlich, böse, niedrig nennen, nur ein Sep- timeuäkkord, den mir vereinzelt vernehmen, und der nur im Zusammenhänge seine Auflösung findet.

Mit dem Siebe des Türmers Lykeus beschloß Herr Dr. Bruno Wille feinen interessanten, formvollendeten Vortrag. Der Türmer bedeutet ein Mensch, der auf der hohen Warte des Schauens steht, der da sieht, wie sich das alles verschlingt, ivif die Welt ein Kunstwerk ist, wie sich alles auflöst zum Sinne unseres Daseins in dem Vertrauen zur Gott-Natur klingend i» der Jubelweise des Türmers:

Zum Scheu geboren, >

Zum Schauen bestellt. Dem Turme geschworen', Gefällt mir die Welt.

Ich blick in die Ferne, Ich seh' in der Näh' Den Mond und die Sterne, Den Wald und das Reh. Sv seh' ich in' allem Die ewige Zier, Und wie mir's gefallen. Gefall ich auch mir. Ihr glücklichen Augen, Was je ihr gesehn, ES sei wie es wolle, Es war doch so schön!"

Gieße n, den 9. März 1906. Rob. Siegel.

Praktische Kttirsierziehmra im englische» Volke. Neber das Wohne».

Was nutzen die schönsten Kunsteindrückedraußen", wenn die' Wohnung deS schlichten Mannes kein wirklichesHeim" ist. So­lange die Uebervölreruug der Städte und die Rücksichtslosigkeit der Baupläne den einfachsten ästhetischen Anforderungeil gegen­über anhält, ist vieles Mühen -ucm Künstcrziehuug schier ver­gebens. Aber glücklicherweise fängt man jetzt ja auch in Deutsch­land wieder au, Mietshäuser nicht nuraufzumauern", sondern zugestalten". Auch in England weiß man heute gut, daß b> Willkür der Bau-Spekulanten in der Ausnutzung der Terrc inÄ Zustände geschaffen hat, welche mit der körperlichen Gesund seit auch die moralische schädigen. Die moralische Schädigung ist auch dort nachweisbar, wo der Baumeister den sanitären Bor- jchriften der Behörde aufs strengste nachgekommen ist. ES ist eben undenkbar, daß sich in den endlosen, geraden, einförmigen Straßen, ohne Baum und Strauch, mit der Rückaussicht auf die engen Höfe der nächsten Parallelstraße ein gesundes seelisches Leben entwickeln könne. Das Volk würde seine Kunst und feine?