Ausgabe 
14.4.1906
 
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Ire WetHt'.re.

Humoreske von Kätc Lubowski.

Wenn ei» Fremder um die Osterzeit länger roie zehn Minuten im Gasthofzum schneeweißen Schwan" rastete, dann tonnte er gewiß (ein, daß er als Gratisbeigabe zu dem weit und breit be­rühmtenSpeckbrot" die Geschichte von der Osterhexe zu hören bekam. In der Unterhaltung tat es dem ehr- und tugendsamen Wirt Tobias Kleinert nämlich keiner so leicht gleich, wenn Koch- ulchen auch nur ein Marktflecken toar und auf der Landkarte durch einen selbstgemachten Klex bezeichnet wurde. Heute heß er fern Talent heller wie sonst erglänzen. Der Fremde mit dem icharf- geschnittenen, klugen Gesicht und den forschen Lchmissen impo- nierte ihm sichtlich.

Sind der Herr vielleicht hier aus der Gegend gebürtig?" begann er vorsichtig.

Rein, ich stamme aus Berlin."

Berlin!! O du mein Hcrrjechen! Eine schone Stadt, eine große Stadt. Aber Koch-ülcken ist auch sehr nett. Werden der Herr länger hier bleiben?"

Ein deutliches Seufzen erklang.

Ich fürchte, ja." .

Ach. . . wohl der neue, akadempck gebildete Volontär vom Gutsbesitzer Zehlbrot, dem hier bas Stadtgut. gehört?"

Das eisige Schweigen nahm Tobias Kleinert für Zustimmung.

3ia, mein keine Angst nicht", sagte er nm estiige Grad m- timer.Der Alte ist nicht so schlimm wie sein Ruf. Aber da muß ich Ihnen doch in aller Eile die Geschichte von derOster- Here" erzähleii. Es is besser, Sie hören das von einem ver­ständigen Menschen. Wissen Sie, der Zehlbrot hat nämlich eine Tochter. Lotte heißt sie und hat früher hier oft genug gewsicn und auch Speckbrot gegessen, bis sie mit einem MaleBildung lernen mutzte. Als sie davon genug hatte und wieder kam, »ab ich sie wahrhaftig nich wiedergekannt. Dn meine Gute, war die bloß schmuck und blank und fein geworden. Ick sag *10 Herr Volontär, zum Aiibeitzen. . . Und ihr Alter hat klotzig Geld. So was' redt sich doch rum. Ra, die Manner waren denn auch nich schlecht aus dem Posten... Bor allem die Bvloiitäre und die Nachbarjnugens."

Der Gast wurde sichtlich unruhig, lic

''Davon läßt sich eigentlich gar nich viel sagen. Ich weis; blob, daß der alte Zehlbrot was noch ein Regimentskamerad von mir is mal gesagt hat:Tobias, verkmif mch alle Forellen aus deinem Tümpel, ich brauch'bald welche zu Lottcus Verlobung!" und, Herr Volontär, allemal nach Oster,t war hie Geschichte wieder radikal aus, und der sogenannte Lchwtcgcr- sohn blieb weg." ~

Aber das ist ia wie Zauberei, Herr Wirt.s' ,

Ist es auch. Man munkelt da allerlei. Die einen sagen, daß allemal am 1'. Ostertag eine grauliche Hexe erschiene und den Freier warnte. . . Die andern wollen wißen, datz Lott- chen ick nenn' sie immer noch so, weil ich sie doch,noch auf den Kuiecn gewippt habe mondsüchtig is und ans den Dächern rumspringe. . . Ganz bestimmt wahr aber iS-, da,; Leute,, die wvll so alt sind wie wir beide zusammen, behaupten, das Stadtgut hält' von jeher seineOsterhexe". Das war nn m"19Ufo immer ausgerechnet Ostern erscheint sie?"

Ja woll, Herr Volontär, sonst i» die Lotte so richtig und vernünftig wie Sic und ich." , ,,

Wissen Sie, das muß ein Blitzmädel mit. . ."

Nänananauana, bloß nich verlieben, Herr Voloiitar! Ostern is' in fünf Tagen, und es wär' doch schade, wenn «ie iich auch fortgranleu ließen . . . Und nn, nehmen -Liess mir nich weiter übel, Herr Volontär, daß ich so viel geickwatzt habe . . . vielleicht noch eilt Schnitt gefällig?" .

Danke", sagte der Fremde und stand ans.Aber em Bett, Verehrtester, und eine. gemütM>e Bude."

Na nn, wollen Sie nich gleich nnfs -Ltadtgut raus?

Lieber später, Herr Wirt. Ich bin nämlich der neue Kochn nlcher Assessor namens Ewald Schmitt aus Berlin und werde von Morgen an die Ehre haben, bis zur Anstellung über Ihren wohl- löblichen Marktflecken Gericht zu halten." .

O du Grnndgütiger . . . Ich bitte vielmals um Verzeihung Warum haben der Herr Assessor das aber nich gleich Se^,$ßeit Sie mir gar nicht so lange Zeit gelassen haben, Bester!"

, Ewald Schmitt liegt in dem -breiten, federreichen Bett und starrt träumerisch zu der angeschwärzten Ltnbendecke empor . .

Lotte... Lotte Zehlbrot. . . (eine Lotte. . . als Oster-

Wohlig dehnte und streckte er sich, Sie war also immer noch das übermütige Kind, als das er sie in der Pension feiner Schwester kennen rind lieben gelernt hatte. Die drei ^ahre, die seither verflossen waren, halten nicht genügt, ihr Bild zu ver­löschen . . Als in Kochulchen eine neue Hilssrichterstelle ein­gerichtet wurde, fahr er als Bittender znm Präsidenten . . . und nun war er in ihrer Rahe, mit dem prickelnden Freudengeluhl auf das Wiedersehen... mit dein jauchzenden Ttvlz, den Tobias

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ist wieder gekommen, das Frühlingsfest. Auch ohne ans den Kalender und das Datum der Tage zu achten, konnte man feilt Nahen doch schon bei jedem Gang durch die stratzen an den Auslagen der Schaufenster erkennen. Hasen, Hühner, nick vor alleni Eier waren in den verschiedensten normen und Farben und Größen, ans den mannigfachsten 'Stoffen, ^gestellt, massen­haft zu erblicken, vvm einfachsten kleinen Ei, das 5 Pf. kostet, jo von den kleinen, mit sog.Likör" gefüllten bunten Zucker­eierchen, von denen ein Viertelpfund nur 20 Pf. kostet, bis zu den teuersten Kunstwerken. Als lolche nämlich sind heutzutage manche derartige Geschenke in der Tat zu bezeichnen. Eiförmige Gefäße aus Metall oder aus femltem, oft mit Malereien, ge­schmücktem Porzellan dienen als dauernde, wertvolle Zierde der Mandborde, während die billigen, aus Biskuit oder bergt her­gestellten nur bis zum Schmause Kinderherzen erfreuen. Es wird jetzt mit Ostergeschenken ein früher ungeahnter Luxus ge­trieben Ob au diesen prachtvollen und kostbaren Eiern von riesiger Größe, gefüllt mit köstlichstem Konfekt und in einer nahezu künstlerischen Ausstattung, die sie des Aufbewahrcns wert machen, unsere Jugend größere Freude hat, als nn einfach bunt gefärbten Hühnereiern oder billigen Znckereiern?

In meiner ostprenßischen Heiniat färbte man vor etwa 3 bis 4 Jahrzehnten Hühnereier mit Pflanzenstoffen, nach dem bei orientalischen und bei norwegischen Teppichen noch Heute üblichen Verfahren. Nur daß man sich 'die einfachsten Färbemittel wählte, z. B. Zwiebelschalen und, wenn Ostern spät war, Efpenknofpen. Irre ich nicht, so geben diese eine schöne gelbe Färbe. Grün war nm schwierigsten zu beschaffen. Die gefärbten, natürlich hartgekochten, Eier wurden vom Tischler hübsch poliert, und dann kratzten mehr oder minder geschickte Hände mit dem Federmesser sinnige Sprüchlein oder mich Blümlein oder Arabesken, kurz, was . die Phantasie just eingab, auf die Schale. Einen ähnlichen Ge­brauch findet man noch heute bei den mährischen Hannaken, die so wie es die Slavonier mit ihren Flaschenkürbissen machen auf die Eier Ornamente zeichnen, die kunstgeschichtlich beachtens­wert sind. Die ans solche Act geschmückten Eier wurden von uns Kindern in der ostpreußischen Heimat möglichst lange ans- bewahrt. Dagegen verzehrte man gewöhnlich ans der Stelle schon die. ungefärbten Eier, die man beimSÄmeckostern" ein- heimste. Kinder zogen nämlich am zweiten Ostermorgen mit Ruten von Haus zu Hans im Dorf in früher Stunde und weckten die Schläfer, die fick Von den drohenden Rutenstreichen mit Eiern loskanften. Die Kinder aber sagten überall ihr Sprüch­lein her:

Ostern, schmeck^ Ostern, Gib Eier, gib Speck, Dann geh ich gleich weg.

In den Bürgerfamilien der Städte aber übte den Schmeck- osterbraiich der Vater, der sich mit einer biegsamen frisch-jungen Weidenrute oder einem andern, die ersten grünen Blättchen oder znm mindestenKätzchen" tragenden Zweige versah und in früher Morgenstunde an die Betten der Kinder trat, um unter lautem Lachen mit ein paar wohlgemeinten leickten Hieben die kreischenden Mädchen und jauchzenden Knaben aus den Betten zu treiben und sie womöglich noch im Hemdchen die in einem Zimmer wohlversteckten Ostereier suchen zu lassen.

Eine Anzahl frischer Eier nebst Speck oder Butter und Schwarzbrot empfing auch jeder KN echt und jede Magd, und die Myrgensuppe Kaffee gab es vor einem Menschenalter aus den ostpreußischen Gütern, so weit ick mich erinnere, nur für die Herr­schaften ward nickt aus Mehl und Milch oder Brot oder Speck gekocht, sondern aus Alans, einem ad hoc selbstgebrauten hell­gelben Bier. .

Alle diese Gebräuche dürften heutzutage, wie so viele Volks­sitten, ziemlich verschwunden sein. Den dafür in den Städten überhandnehmenden Luxus muß man bedauern, aber man darf doch auch nicht verkennen, daß er einer Reihe von Industrien Beschäftigung und somit vielen Tausenden von Menschen lohnen­den Verdienst gibt.

Auf reiche Einnahmen Hoffen für die Öftertage selber die Be­sitzer der Wirtschaften und Gartenlokale, besonders in der Um­gegend. Allerdings macht die Frühlingssoune schon etwa 1'4 Tage lang ein freundlicheres Gefickt, als sie das Recht dazu hat. Ihr sitzt der Aprilschelm noch allzu sehr im Nacken, sie narrt uns mit ihrem schönen Schein, gern wirbelt sie widrige Winde auf, und statt uns zu erwärmen und wohliges Behagen in uns zu erwecken, versetzt die Böse uns womöglich eine Halsentzündung, die uns um Ostern ans Bett fesselt. Drum, Osterwandrer, sag' ich dir ins Ohr, sieh dick für den öfter gang sein vor, daß du dir dein Wohlsein nicht zerrüttest und die Ostersreuden dir ver­schüttest; Ostcrwind dringt nickt nur durch die Kleider, sondern auch durch leichtes -Schuhwerk leider.

*)Schmeck" klingt int ostpr. Dialekt fast wiefckmack", so daß der regelmäßige Ostereiuziig der Kinder auchSckmack- vstern" dort genannt wird.