Ausgabe 
14.3.1906
 
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Mittwoch den 14. März

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Kem Wahren, Kdter?, Schönen.

Ein Großstadtroinan von Fedor v. Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Jetzt erst riß er, in das Schlafzimmer zurückgekehrt, bett Brief auf. Er schob einen Sessel unter die Mittelkrone, ließ sich nieder und begann zu lesen:

Wir haben uns heute, gebe cs Gott, zum letzten Male gesehen, Eugen. Ich kehre nicht wieder zu Pir zurück. Aber ich halte es für meine Pflicht, Dir in Ruhe und Klarheit zu sagen, weshalb wir von einander scheiden müssen.

Als ich Dich heiratete,- war ich noch sehr jung und war ein unerfahrenes Ding. Wir waren arm. Meine Schwestern fanden in einem adligen Stift Unterkunft,' dort sollte auch ich angemeldet werden, damit für meine Zukunft leidlich standesgemäß gesorgt sei. Vor diesem Stift graute Mir; ich hatte da meine Schwestern einmal besucht, sie trugen graue Kleider und große Flüaelhauben tote die Nonnen und lebten in einem Schlosse, das wie ein Kloster war. Sechsmal täglich wurde zum Gebet geläutet, und ich sah kein frohes Gesicht, . und nie hörte ich ein herzliches Lachen. Mein weltlicher Sinn sträubte sich gegen die Ein-- samkeit und auch gegeu die Seeleuzucht. Ich war Weit lich; ich liebte die Welt mit heißem Herzen, und wer nicht fröhlich sein konnte, den fürchtete ich wie die Einsamkeit,

Damals hieltest Du um mich an, und ich griff mit beiden Händen zu. Das war gewiß unrecht von mir, denn ich liebte Dich nicht. Ich gestehe, Du hattest nichts Unstzm- Pathisches für mich; denn dann würde ich, hätten die Ver­hältnisse auch noch zwingender gelegen, dennoch nein gesagt haben. Aber es war- nicht die Liebe da, die man empfinden soll, wenn man sich heiratet. Es ist also meine Schuld, daß ich nicht glücklich geworden bin. Doch auch die größte Schuld trägt Entschuldbares iu sich. Hinter mir stand meine Mutter und bestärkte mich. Ihr sprach ich mich ehrlich ans; aber sie sagte: Leidenschaft ist höchstens ein kurzes Glück, besser ist in der Ehe die ausdauernde Freundschaft. Sie sprach noch mehr, noch vieles und endlich auch von meiner glänzenden Versorgung.

Ich war ein Kind, ich hatte Freude an Glanz und Sonnenschein. Aber das Wort von der ausdauernden Freundschaft blieb doch in mir haften. Ich wollte Dich lieben lernen, ich wollte Dir eine treue und wahrhafte Freundin werden. Das habe ich ehrlich versucht, Jahre hindurch­immer wieder von neuem, bis die Mutlosigkeit kam.

Wir, Du und ich, sind so ungeheuer verschieden von­einander, so bis in den tiefsten Grund unserer Seelen, daß ein auch nur lockeres Zusammenfinden unmöglich ist. Das kann für Dich kein Borwurf sein. Du bist eine herrische Natur, die das Weib in das Joch zwingt. Dabei liebst Du das Joch, das der Hofdienst Mr auflegt. Tu bist Meng und herbe, auch in den Aeußerlichkeiten. Du bist hart

von Sinn gegen alle, die nicht Deines Sinnes sind; ja, Dlk bist unduldsam, Eugen. Wie gesagt, das sollen keine Vor­würfe sein, denn selbst in diesem Schlimmsten für mich: in Deiner Unduldsamkeit liegt noch Charakter. Aber sie schließe aus, was ich noch bis vor Jahresfrist erhofft habe: em Aneinandergewöhncn. Tahin war ich gekvmnren. Du gabst mir keilte Liebe und konntest keine erwecken; Tu duldetest m.'cht einmal, daß ich Dir eine Freundin wurde.

Entsinnst Du Dich, was es für böse Szenen in den ersten Jahren unserer Ehe gab? Bis ich mich Deinem Zwange entziehen konnte was habe ich da gelitten! Gegen jedes offene Wort lehntest Tu. Dich auf, Tu lastetest aus meiner Harmlosigkeit, Tu wurdest böse über ein frohes' Lachen. Ich bemitleide die Armut, und wo ich sie lindern kann, da tue ich es nach Kräften. Wer dieses Herum­schleppen von einem Waiscnhause bis zur nächsten Idioten- anstatt, von Siechenheimen bis zu Erholungsstätten für alte Frauen und Kinderkrippen und Findlingsstationen nur zu dem Zweck, für die eigentümliche, aus konfessionslosen Spenden genährte Barmherzigkeit Deiner Prinzeß eine wirk­same Folie zu geben: das widerte mich schließlich ebenso an wie die mit Pomp in Szene gesetzten Wohltätigkeits­feste, auf denen die geborene Prinzessin Arenstein als Re- klameplakat Mitwirken mußte. Und noch eins, Eugen. Deiner Herrin wurde ich fremd, als mir einmal die Zunge durch­ging, da wir von echter Frömmigkeit sprachen. Ich prahlte nicht mit dern Glauben, den ich mir erhalten konnte, lind der stärker wurde in meinem Leid: aber ich verabscheue gefaltete Hände, die zu Krallen Werben können, und ich verdamme den Humbug, den man in Gottes Namen treibt.

Ich habe das Frohsein bei Dir verlernt. Ich tvurde zur Einsiedlerin. Vielleicht tatest Du recht, daß Tu Heros: Dein Haus verschlössest; denn bin ich auch stark genug, mich vor einem Fehltritt zu schützen zu Gedankensünden hätte es kommen können: es sehnte sich alles in mir nach warmer Liebe. Es konllte Dir keiner wehren, daß Du mir den Freundwahmst. Doch nun blieb ich ganz allein; ucid in der Einsamkeit habe ich denken gelerilt.

Das, was mich noch bet Dir ausharren ließ, war im letzten Grunde das Empfinden, daß ich die Schuld trage an der Last unserer Ehe, denn ich hätte den nun heiraten dürfen, den ich liebe. Ich will diese Schuld auch weiter auf mich nehmen. Ich habe mich selbst im Gesetz­buche informiert: ,böswilliges Verlassen' ist Scheidungs­grund. Reiche die Klage gegen mich ein: ich werde nicht widersprechen. Nur versuche nicht, mich zurückzuholen. Ich würde Dir den zähesten Widerspruch entgegensetze,t und würde, wenn es nottut, mich auf das Gefühl unüberwind- licher Abneigung gegen Dich berufen.

Denn das wäre Wahrheit. Ich bin verpflichtet, es Dir zu sagen. Ich habe schwer, schwer gekämpft, ehe ich zu meinem Entschlüsse kam. Wer gläubig ist, der reißt nicht mit leichter Hand ein Band entzwei, das vor dem Altar geknüpft wurde. Wer ich kann nicht weiter. Ich