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! „Ich mötche morgen eind mehrtägige Jagdfahrt nach dem Wami machen; wollen Sie mitkommen, Herr Doktor?" Leutnant Jacobs wird auch mit dabei sein, unseren Führer und Leiter wird Hssrr Lindner von der Kongogesellschaft spielen."
„Mit größten: Vergnügen, Herr Kapitän!"
„Läufer, mein Bursche!"
Boll fiebernder Freude, an dem lange ersehnten seltenen Jagdsport ans Nilpferde teilnehmen zu können, saß ich in der Messe und wartete auf meinen treuen Wolf. Wer Adolf kam nicht. Dafür aber der Läufer nach noch mehr als einer Viertelstunde mit dem stereotypen: „Herr Doktor, ich kann ihn: nicht finden!" „Zum Donnerwetter, so sehen Sie mal in den Briefkasten, vielleicht ist er dahinein gefallen!"
Wie immer hatte diese Apostrophe den gewünschten .Erfolg. Adolf trat nach kurzer Zeit ein, und auch ihm glänzten wie mir die Augen in .Erwartung des bevorstehenden Jagdglückes.
Aber ivas hatte der Arme noch alles zu erdulden, ehe wir soweit waren! Ebenso aufgeregt wie ich, beging er dieselben Kopflosigkeiten wie ich, und das Nächstliegende wurde vergessen, zehn Dinge auf einmal angegriffen, sodaß keines zu seinen: Recht kam und mit Not und Mühe alles zusammengebracht wurde. Fast hätten wir im Uebereifer Büchse und Patronen vergessen!
Der nächste Morgen blaute, so sonnig und warm, wie nur einer zuvor. Geschäftiger Eifer herrschte an Deck, wo Jacobs die Ausrüstung der Boote für die geplante Ausfahrt besorgte. Wer kein Boot von .Land hielt auf unser Schiff ab, das uns den ersehnten Herrn Lindner bringen sollte.
Endlich, als die Sonne zu unseren Häupten stand und ihre glühendsten Pfeile herabsandte, kam eins mit dem weißen Stern im blauen Felde seiner Flagge. Aber Herr- Lindner brachte uns nur einen Italiener, Marquiesini, der an seiner Statt unsere Führung übernehmen sollte. Das war schon eine kleine Enttäuschung. Tenn Herr Lindner war sichtlich ein gewiegter Jäger, Herr Marquesini aber wachte den Eindruck, als ob er besser im Salon Jagdgeschichten erzählen, als selbst den mächtigen Behemoths nachzustellen wüßte.
Immerhin fuhren wir hoffnungsfreudig in: glühendsten Sonnenbrand der frühen Nachmittagsstunden ab: voraus die Tampfpinasse, dahinter wir in der Ruderpinasfe, die Segel geschwellt vom milden Nordost, in unserem Schlepp das Tinghy, richteten wir den Kurs nach West, selbst von der Tampfpinasse geschleppt, um die 40 Seemeilen nach der Wamimündung zwischen uns und das Schiff zu bringen.
Wer schon stand die Sonne bedenklich schräg, als w:r endlich vor der Küste des Festlandes ankamen. Nirgends ein Einlaß! Endlos dehnte sich der flache, mangroven- bewachseue Strand in öder Gleichförmigkeit, und wir schwalktei: umher dicht vor der anflaufenden Brandung.
„Signor Marquesini, oü" est le Wann?“
„Je ne sais, Monsieur le Captaine, je ne l'ai pass6 qu’une fois, ä la nuit, dormant.“
Der Lotse Ali aus der Tampfpinasse, ein wohlbeleibter Halbblutaraber, rief etwas herüber.
„Herr Kapitän, Mi sagt, die Wamimündung läge weiter südlich."
„Herr Leutnant Jacobs, übernehmen Sie das Kom- mando der Tampfpinasse."
„Zn Befehl!"
Und nun fuhren wir nach Süden.
Auf einmal begannen die Mangroven „auszuwandern :**) *) und als ich eben den Kommandanten darauf aufmerksam machte, rief auch schon Jacobs herüber: „Herr Kapitän, hier ist die Einfahrt." Es war aber auch die höchste Zeit, denn eben versank die Sonne, und in den Tropen ist die Dämmerung nur sehr kurz.
Bor uns lag eine breite Flußmündung mit rollenden Brechern auf der Barre. Vorsichtig ging die Tampfpinasse hinein nach der Wegweisung des Lotsen. Ein paarmal stieß sie auf, über glücklich kam sie hinüber, und wir folgten ihr mit unserem flacher gehen Boot, ohne den Grund zu berühren. Scharf drehte der Kurs! nach kurzer
**) Seemännischer Ausdruck für „sich aneinander (für den Bl:ck) zu verschieben".
Fahrt südwärts, den:: der Wämi hat, wie alle die ungeschützt mündenden Flüsse dieser Küste, eine lange mangrovenbewachsene Sandbank vorgeschoben, hinter der er erst meilenweit umherirrt, ehe er den Ausgang zum Meer sindet.
In diesem „creek" aber war das Wasser wie ein Spiegel, und nur das leise Murmeln der Strömung an unseren: Boot zeigte an, daß wir in einem Flusse und nicht in totem Wasser waren.
Schon verlosch das Licht, und „beide Boote längsseit nebeneinander", „fall Anker" ertönt das Kommando.
Ta lagen wir nun in traumhafter Stille, das erstemal im wilden Afrika, fern von unserem guten Schiff.
Doch war es noch zu früh, an Nachtruhe zu denken. So fuhren wir mit dem Dinghh ans Ufer, um dort unser Nachtmahl einzunehmen, während die Mannschaft die Boote für die Nacht klar machte, d. h. aus Masten, Riemen und Segeln ein Zeltdach über ihnen errichtete.
Wer so leicht wurde es uns nicht, unser Wendessen einzunehmen, denn Freund Jacobs, der als erster Offizier der Expedition fungierte, hatte im Jagdfieber vergessen, Laternen mitzunehmen, und so mußten wir uns mit losen Lichtstumpfen behelfen, die wir in ansgeleerte Flaschen einsetzten. Und als die nun brannten, wollte das Klopfen und Schlagen kein Ende nehmen; denn alle geflügelten Insekten der Nachbarschaft — und deren sind in den Tropen, z::n:al in solchem Sumpfland wie an der Wamimü::dung, nicht wenige — hielten sich für berechtigt, an unserer Mahlzeit teilzunehmen, und unsere Butterbrote waren bald mehr mit ihnen als mit der mitgenommenen kalten Küche belegt.
So flohen wir denn bald zurück in die Boote und löschten die Lichter, um Ruhe vor den Plagegeistern zu haben.
Die Tampfpinasse war sür das mitgenommene schwarze- Volk bestinunt, die Ruderpinasse für uns Weiße, Offiziere und Mannschaften. Und so suchten wir es uns denn für die Nacht so bequem als möglich zu machen. Matratzen hatten wir natürlich nickst mit, und so wählten jvir uns jeder die Planke aus, die uns am weichsten schien: der Kommandant und <Ägnor Nlarquesini aus den Achterduchten, Jacobs und ich auf der Flicht, dem achteren Einsatzboden der Pnmfse. Trotz sorgfältigster Auswahl war aber die Planke doch kein Daunenbett, und die ungewohnte Gelegenheit und die Jagdaufregung ließen uns lange nicht zum Einschlafen kommen. Tas Gurgeln des abebbenden Wassers in den Mauglebüichen, die Stimmen der Wildnis, das Brüllen der Leoparden, das Pfeifen der Krokodile und das tiefe Schnauben der Nilpferde hielten uns noch lange wach. So ging es auch den .Leuten, und mit heimlicher Freude hörte ich, als gerade einmal ein Leopard uns aus etwas größerer Nähe anbrüllte, meinen Adolf seinem Freunde zuflüstern: Korl, hürst, da sin all' die willen Beesters, Wenns man nich gar to nah to uns kamen!
Um fünf Uhr schon erscholl des Bootsmannes „Reise, Reise"*), denn mit Sonnenaufgang wollte:: wir unsere Jagd beginnen.
Als gefittete Menschei: vergaßen wir aber der Reinlichkeit nicht, wenn sie auch mit Schwierigkeiten verknüpft war. Tenn das Außenbordswasser war brackig, und das gibt nut Seife nur eine Schmiere, ohne wirklich zu säubern. Jrischwasser aber war nur zum Trinken ausreichend vorhanden, und außerdem verfügten wir vier nur über ein Waschbecken. So ging denn die Toilette chargenmäßig nacheinander vor sich: zuerst der Kommandant, dann Signor! Marquesini, dann Jacobs und dann ich. Zum Unterschied von der Buren patriarchalischen Gebräuchen füllten wir aber jedesmal die Waschschüssel mit neuem Wasser.
Unterdes hatte uns des Kommandanten Steward zierlich auf einer Kiste den Irühstückstisch gedeckt :md den Kaffee bereitet. Ich kam natürlich als letzter in der Reinigung auch als letzter zu Tisch, gerade als der Kommandant die — einzige — natürlich Präservierte, eben geöffnete; Butterdose Jacobs hinreichte, dan:it er, der aus der Längs- ducht saß, das abgeschiedene Wasser von der Butter abgösse. Jacobs drehte vertrauensvoll die Blechbüchse um, aber o weh! mit melancholischem „Platsch" fiel auch das Butterstück in das rasch fließende Wasser, und ehe Abhilfe möglich war, schwamm es mit den Fluten des Wami dem großen Ozean zu, uns die Aussicht Ms „Butterbrote ohne Butter" hinterlassend. (Schluß folgt.)
*) Das' englische „ttfe, rise" (Ausstehen); allgeineiner Weckruf bei den Seeleuten^


