Ausgabe 
14.2.1906
 
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LEW

Jem Wahren- Edlen, Schönen.

Ein Großstadtroman von Fedor v. Zobeltitz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

O", rief Genoveva voller Verwunderung, als sie sah, haß der Tisch bereits in vollem Glanze prangte und o" rief auch das Fräulein, da sie Hammer im schwarzer: Spitzrock erblickte. Er aber schmunzelte.Das ist der Höhes- Punkt", sagte er,das ist sozusagen die Krönung des Werks. Nicht irn Mtagskleide, sondern im Festgewande. Beweis für die Ehrung, die Sie mir erzeigen . . ."

So froh hatte sich der Baumeister seit langer Zeit nicht gefühlt. Es zuckte wohl einmal der Gedanke in ihm auf, daß er auch mit der kleinen Nina hatte soupieren wollen. Aber er verscheuchte ihn schnell; er war ihm lästig und unangenehm; es war zu dieser Stunde eine fatale Er­innerung für ihn. Sie saßen sich gegenüber am Tisch, speisten mit gutem Appetit und ließen die Gläser klingen; plauderten über Hunderterlei und spürten, daß sie sich einander kaum noch fremd waren. Sie fanden mancherlei Berührungspunkte, und mußten sie streiten, so geschah es mit Laune. Ein Odem glücklichen Wohlbehagens lag über ihnen.

Gegen neun Uhr ging Agnes. Sie sagte Dank und gab Hammer die Hand. Er war feinfühlig genug, sie nicht länger zurückzuhalten; er sprach auch nicht von einer Wie­derholung dieses harmlos frohen Abends. Aber er begleitete sie in die Entree und half ihr in die Jacke und jafy zu, wie sie sich vor dem Spiegel den Hut aufsetzte. Und un­willkürlich fiel ihm dabei Ninas Aage über ihre unmoderne Jacke und den wilden Federhut ein, und sein Gesicht wurde finster.

Wat nrackst Du vor eine miserabile faccia, Urbano?" fragte Genoveva, als sich die Tür hinter Agnes geschlossen hatte;huuu, wat eine grantige Gesicht!"

Silencio, Alte", antwortete der Baumeister und war wieder in Stimmung.Mein Gesicht ist ein Ting an sich. Uber meine Seele ist heiter. Es war eine Stunde des Nervenausruhens. Und zum Trumpf setze ich noch ein Glas Pschorrbräu darauf Du hattest recht: ein Abend zu Hause hat auch feine Vorzüge; ohne bommeln und Schampa; aber die Gesellschaft muß darnach sein."

Siehste", triumphierte die heiligp Genoveva,wat habb' ick gesackt!?" .(,; ;

lii 10.

Frühling und Sommer vergingen, und wieder kam her Herbst und schüttelte das bunte Laub von den Bäumen, und die ersten Stürme setzten ein. Das war die Zeit, ha man das Richtfest des Prinz Ferdinand-Theaters be­gehen konnte. Im nächsten Oktober sollte das Haus feier­lich eröffnet werden.

ES Ivot gewaltig in die Hohe gestiegen. Nach den

Linden zu erhob sich die snulengeschmückte Fassade fast fertrg im leichten Glanze ihrer Marmortäfelung. 9htr am großen Portikus und an den Einzelheiten der Front wurde noch gearbeitet. Noch fehlte der plastische Schmuck auf den freien Wandflächen, den zwei überlebensgroße Lorbeerkranze tragende Genien bilden sollten, noch fehlten die Büsten in den Medaillons zwischen den oberen Säulenreihen und die Plaketten darunter mit Szenen aus klassischen Opern und Schauspielen, noch fehlte auch die Inschrift: der Wunsch der verstorbenen Rosalba Peretti war noch nicht erfüllt worden. Aber dennoch: das Volk hatte recht, wenn es in-, mitten des großen Boulevards, zwischen den Lindenreihen, stehen blieb und bewundernd zu der marmornen Pracht aufschaute, die da hinter den roh gefügten Brettern des Bauzauns aufstieg. Es war das Geschenk eines Genius, das sich noch wie schüchtern verbarg, aber doch schon bereit,: die Hülle zu sprengen; es war ein Wunderwerk schöpferischen Geistes, auf das die Hauptstadt in Wahrheit stolz fein konnte.

In gewaltiger Höhe überragte den Bau ein gleichsam" in der Lust schwebendes ungeheures Eisennetz, noch nackt und wie das Gewebe einer Riesenspinue sich vom Himmels- blau abhebend. Ganz oben, als Krönung der Kuppelung, hing der mächtige grüne Richtkranz.

An diesem Tage ruhte die Arbeit. Am Morgen hatte eine anspruchslose kleine Feier auf dem Bau stattgefunden: am Spätnachmittag gab Hammer den Arbeitern ein Fest in der Friedrichstädtischen Brauerei.

In dein große;: Saale der Brauerei tafelten über zwei­hundert Personen: die Bauführer, die Poliere, Ingenieure, Zimmermeister und Steinmetze, auch Bildhauer und Maler, Künstler und Arbeiter. Es war kein Ehrentisch für die Bevorzugten aufgeschlagen worden. Es war ein Fest der Arbeit. Infolgedessen waren auch nur an diejenigen Ein­ladungen ergangen, die wirklich am Bau tätig oder mit­tätig waren; nicht an die Herren vom Aufsichtsrat, die Kapitalisten und Donatoren irnd an das Personal des neuen Theaters. Tie gemeinsame Arbeit vereinte die ge­sellschaftlichen Gegensätze. Professoren der Kunstakademie, die sich bildnerisch an der Ausschmückung des Hauses be­teiligten, saßen zwischen einfachen Handwerkern und aßen tapfer ihren Gänsebraten mit und tranken ihr Seidel Bier und unterhielten sich gutmütig nach rechts und links. Oben" an der Kreuzung der Tafel war Hammers Platz. Von dort aus konnte er alle überschauen, die mit ihm am Werke waren, und unwillkürlich überkam ihn bei diesem Anblick ein Gefühl des Stolzes und der Macht. Das war sein Regiment, war seine Armee! Er der Feldherr, der Stra­tege, der Oberstkommandierende, der den Plan entworfen und das Ziel angegeben und die Zweihundert um ihn die ausführende Kraft. Da war jedem einzelnen seine be­stimmte Arbeit zugewiesen, sein genau begrenztes Feld: aber die vierhundert fleißigen Hände schufen doch auch wieder dem gleichen Endzweck entgegen. Es war ent In-